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Vom Fliegertraum zur Obstplantage

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 166/Dezember 2006

„Finkenwerder Herbstprinzen oder Wie die Äpfel fliegen lernten“ hatte als zweites Stück der Reihe „Stadtnotizen“ am 8. Dezember 2006 Premiere im Thalia-Nachtasyl

(aus Hinz&Kunzt 166/Dezember 2006)

Und dann wird noch eine Schale mit Äpfeln geholt. Nicht für die Requisite, sondern direkt zum Reinbeißen. Das Obst bringt, ebenso wie die zahlreichen Teesorten und Kekse, die sich über schlichte Campingtische verteilen, etwas mehr Farbe in den ansonsten kargen Probenraum im Thalia in der Gaußstraße. Mit seinen nackten weißen Fliesen sieht der Bau nicht gerade gemütlich aus, aber immerhin ist gut geheizt, und jetzt gibt es auch noch die Äpfel.

Regisseur Frank Abt greift gleich zu, seine Hände brauchen Beschäftigung. Zwischen seinen Erzählungen oder wenn der Dramaturg Benjamin von Blomberg das Wort ergreift, beißt er hektisch ab, redet genauso hektisch weiter, gestikuliert, kommt ins Schwärmen, wirkt wie aufgedreht. Kein Wunder. Schließlich ist Probenzeit für die „Finkenwerder Herbstprinzen“, das zweite Stück der Reihe „Stadtnotizen“, das am 8. Dezember Premiere hat.

Und noch wird viel improvisiert und ausprobiert. Wie bei der ersten Folge über Altona griffen Abt und von Blomberg als Textgrundlage auch dieses Mal wieder auf Interviews zurück, die der Journalist Dirk Schneider mit Leuten vor Ort geführt hat. „Die Grundkonstellation, die wir für Finkenwerder im Kopf hatten, war natürlich der Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern der Startbahnverlängerung von Airbus. Aber es sollte kein reines Dokumentartheater werden – auch weil es ja täglich neue Schlagzeilen gibt“, erläutert Abt. Von Blomberg ergänzt: „Für uns ist bei allen Folgen der Reihe die Befruchtung von Stadtgeschichte und der Frage nach zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig.“

Und so stehen bei den „Herbstprinzen“ zwei alte Freunde – der eine Obstbauer, der andere Airbus-Mitarbeiter – im Mittelpunkt, die sich entfremdet haben. Dadurch, dass sie einen Jüngeren zum Bleiben in Finkenwerder überreden wollen, versuchen sie sich nach langer Zeit wieder einander anzunähern. Während Thalia-Ensemblemitglied Maximilian Grill dabei den Jüngeren mimt, werden die beiden Älteren von Laiendarstellern gespielt – „um mehr Authentizität in das Stück zu bringen und eine glaubwürdigere Sprache zu finden“, wie Abt erklärt. „Natürlich ist das eine Herausforderung“, meint von Blomberg, der Hans Krumnow und Gottfried Walter am Schauspielhaus beim Festival „60 plus“ entdeckte. „Aber die beiden sind eine große Bereicherung und befassen sich auch außerhalb des Theaters mit ihrer jeweiligen Rolle, um sich besser mit ihr identifizieren zu können.“

Den besten Beweis dafür liefert Krumnow, schon kurz nachdem er den Raum betreten und sich gesetzt hat. Der 72-Jährige wird als traditionsbewusster Obstbauer auf der Bühne stehen und sich über Leute aufregen, die Äpfel nur noch „nach dem Aussehen“ und nicht nach Qualitätsmerkmalen kaufen. Nun berichtet er, dass er sich die Äpfel auf dem Wochenmarkt extra mal etwas genauer angesehen hat. „Und ich war ganz erstaunt, denn es gibt dort tatsächlich nicht mehr die alten Sorten. Das ist alles nicht so dolle.“

Die Äpfel in der Schüssel erkennt Krumnow natürlich auch sofort. „Jonagored“, da braucht er nur einmal zu gucken. Walter (73) wollte anfangs eigentlich auch den Obstbauern spielen. „Klar, der erweckt ja automatisch mehr Sympathie.“ Aber für Abt und von Blomberg wäre es „zu platt“ gewesen, eine schlichte Gut/Böse-Konstellation zu zeigen. „Beim Lesen der Interviews haben wir schließlich gemerkt, dass der Bauer und der Werksarbeiter gar nicht so verschieden sind, wie sie glauben. Gerade dadurch, dass beide ihre Lebensentscheidung so vehement verteidigen, wird deutlich, dass sie nicht hundertprozentig dahinterstehen. Im Versuch, ständig entweder die Tradition oder den technischen Fortschritt ins positive Licht zu rücken, verraten sie sich letztlich selbst.“

Schon in dem kleinen Ausschnitt, den Krumnow und Walter aus ihren Texten vortragen, wird dies deutlich. Der eine beklagt den Verlust des „weißen Winterglockenapfels“, ohne zuzugeben, dass er eben auch als Bauer von Marktbedürfnissen abhängig ist; der andere erwähnt gleich mehrmals, wie er seit über 30 Jahren „pfeifend zur Arbeit hin- und pfeifend zurückfährt“ und immer noch gerne dazulernt.

Vor dem Freund hingegen zugeben, dass man vielleicht doch andere Sehnsüchte hat und die Entscheidung von damals falsch war? Niemals. Dabei hatte Schneider während seiner Interviews sogar von Leuten gehört, die sich ihr Leben durchaus anders vorgestellt hatten: „Ein Airbus-Mitarbeiter wollte ursprünglich zum Beispiel Landwirt werden und ein Obstbauer Pilot, weil er von den Flugzeugen fasziniert war, die jeden Tag über die Plantage seiner Eltern flogen.“ Über solche Geschichten freuen sich Abt und von Blomberg besonders. „Man hat natürlich eine Vorstellung davon, was man den Zuschauern vermitteln möchte. Wir wollten uns aber keinesfalls in die Texte hineinmanipulieren. Wenn sich alles wirklich so zugetragen hat, ist es umso besser.“ Auch Abt ist sich sicher: „Den Stoff hätte man sich schöner nicht ausdenken können!“

Maren Albertsen

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