Der Jäger von Barmbek

Hinz&Kunzt-Verkäufer „Kugel“ sammelt nachts Pfandflaschen und Dosen – auch an den Weihnachtstagen

(aus Hinz&Kunzt 166/Dezember 2006)

Zurück im heimatlichen Stall. Kugel ist wieder da. Graue Haare, grauer Bart, auf eine Krücke gestützt – so steht der 60-Jährige im Hinz&Kunzt-Verkaufsraum, trinkt Kaffee und hält nach alten Bekannten Ausschau.

Den Spitznamen Kugel hat der frühere Vertriebsleiter erfunden, weil Verkäufer Ralph geschäftig von hier nach dort sprang, wie ein Kugelblitz. Sein Ausweis hat die Nummer 326, er war also schon in der Anfangszeit dabei, vor 13 Jahren. Er hat sogar Artikel geschrieben: über seine Erfahrung mit Zugbegleitern in der S-Bahn. Über den Flughafen-Tower während der Nachtschicht.

Sechs Jahre hat Kugel nicht verkauft und sich nicht blicken lassen. Jetzt lässt der Frührentner seinen Ausweis erneuern, obwohl er ihn nur selten brauchen wird. Sein rechter Fuß schmerzt, wenn er länger auf der Straße steht.

Ein „grauer Wolf“ sei er. Damit meint Kugel die Haarfarbe. Aber es schwingen auch Alter und Einsamkeit mit. „Der Esel kommt immer in den heimatlichen Stall zurück“, sagt er. Bei Hinz&Kunzt sei er „kräftig geschoben worden“, wenn er nicht mehr konnte. Und etwas Anschub braucht er wohl auch jetzt.

Auf der Jagd. Seit etwa einem Jahr sammelt Ralph leere Flaschen und Dosen: „Sie bringen Geld, und warum soll ich Geld liegen lassen – auch wenn zum hundertsten Mal jemand sagt: ‚Guck mal, der Penner da!‘“ Er „jagt“, wie er selbst sagt, vor allem am Bahnhof Barmbek. Meistens ab 22 Uhr. Für zwei, drei Stunden.

25 Cent gibt es für Dosen, acht bis 15 Cent für Flaschen. Einmal reiste er nach Volksdorf zu einer Großveranstaltung. Mit drei leeren Flaschen hin („selbst produziert“), mit drei vollen Beuteln zurück. Das waren fast zehn Euro Pfand in einer Nacht. Ist aber die Ausnahme. Meistens kommt er mit Leergut für zwei oder drei Euro heim.

Kugel hat Konkurrenz, in Barmbek sind noch drei oder vier andere unterwegs. „Sie glauben ja nicht, wer heutzutage Flaschen sammelt. Neulich sitzt ein Mann im Anzug in der Bahn, macht den Abfallbehälter auf, steckt eine leere Dose in die Sakkotasche und guckt, als wäre nichts gewesen.“ Aber Kugel hat auch „Stammkunden“: Wenn sie ihn sehen, werfen sie ihre Flasche nicht weg, sondern drücken sie ihm persönlich in die Hand.

Der Jäger hat seine Ehre. In der Fußgängerzone betteln – nein, das würde er nicht. Tief im Müll wühlen auch nicht. Trotzdem hat er Ausschlag auf beiden Handrücken. Vielleicht kommt er beim Griff in Abfallbehälter tatsächlich mit reizenden Stoffen in Berührung. Vielleicht reicht schon innere Abwehr, eine Allergie, wie er sie gegen Spinnen hat. Handschuhe, sagt Kugel, könne er sich nicht leisten.

Mit einigen Busfahrern ist er befreundet. „Das ist Gold wert, glauben Sie’s mir“: Die Fahrer halten nachts an Haltestellen, auch wenn niemand aus- oder einsteigen möchte – damit Kugel aus dem Bus huschen und draußen den Abfalleimer kontrollieren kann.

„Die Flaschen und Dosen sind doch ganz traurig, wenn sie da allein liegen“, sagt er augenzwinkernd. So wird Kugel zum Engel, der die Einsamen mitnimmt und den Weggeworfenen ihren Wert zurückgibt.

Die Flaschen und Dosen sind versorgt. Aber wer kommt zu Kugel?

Zu Hause. Ein Mehrfamilienhaus in Steilshoop, an der Grenze zu Bramfeld. 24 Stufen müht sich der Jäger mit seinen Plastiktüten hinauf, dann schließt er die Wohnungstür auf. Ein Zimmer, Küche, Bad, 23 Quadratmeter. „Hauptsache Freiheit“, sagt Kugel. „Ich kann kommen und gehen, wann ich will.“ Seit zwölf Jahren wohnt er hier. Morgen wird er die leeren Flaschen zum Laden bringen.

Das Pfand ist ein kleiner Zuverdienst. Für die Rente hat Kugel wenig eingezahlt, weil er wenig gearbeitet hat und viel unterwegs war. Lieber mal mit dem Lkw nach Spanien getrampt. Manchmal juckt es ihn heute noch.

Wenn die Miete bezahlt ist, bleiben gut 300 Euro zum Leben. Die HVV-Monatskarte kostet 43 Euro. In der Arztpraxis oder im Krankenhaus sind jeweils zehn Euro fällig, außerdem die Zuzahlung für Medikamente. Anfang des Monats ein Päckchen Pfeifentabak, ein paar Zigarillos. Kleidung gibt es geschenkt oder aus der Kleiderkammer.

Mehrmals im Monat kauft Kugel bei Aldi ein, auf Vorrat. Was er in Form von Nudeln, Reis, Kartoffeln oder Dosensuppen gebunkert hat, kann er nicht anderweitig ausgeben. „Ich bin Sternzeichen Zwilling“, sagt Kugel. Und da muss der eine Zwilling den anderen manchmal überlisten.

In der Wohnung stehen ein Radio und ein geliehener Schachcomputer. Besuch hat Kugel „absolut nie“. Sonntags geht er in den Gottesdienst in der Martin-Luther-King-Gemeinde in Steilshoop. „Das ist mein einziger Anlaufpunkt.“

Im Paradies für einen Tag. Kugel lebt allein. Zu Weihnachten wird er nichts verschenken und nichts bekommen. Er wird daran denken, wie schön Weihnachten früher war. Mit Familie in Berlin. Als der Weihnachtsmann kam und die kleine Tochter staunte.

Die Tochter ist längst erwachsen und lebt in Süddeutschland. Kontakt? „Nein, um Gottes willen.“ Zuletzt gesehen hat er sie 1980. Da war sie drei Jahre alt, und er ließ sie am Lenkrad des Müllwagens sitzen, den er damals fuhr. „Aber das Zeitrad lässt sich nicht zurückdrehen“, sagt Kugel.

Was er sich wünscht? „Ach, was ich mir wünsche …“, er winkt ab. „Ich habe von niemandem was zu erwarten.“

Dann wünscht er sich doch etwas: „Weihnachten mit Familie, dick und fett.“ Tannenbaumkugeln, bunte Teller, jede Menge Marzipankartoffeln (er streicht sich behaglich über den Bauch), Gans mit Knödeln. Ein Weihnachtsparadies. „Aber bitte nur für einen Tag“, wehrt Kugel ab. Danach möchte er wieder für sich sein. „Ich bringe mein eigenes Schiff durch. Damit habe ich genug zu tun.“

So wird er sich für die Feiertage etwas zu trinken kaufen und die Tür seiner Wohnung hinter sich zumachen. Zwischendurch wird er sich mit Flaschensammeln ablenken. „Mehr Möglichkeiten hab ich nicht“, sagt er. „Mehr will ich auch nicht.“

Welche Busfahrer Weihnachten Dienst haben, hat er schon in Erfahrung gebracht.

Detlev Brockes

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