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29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 164/Oktober 2006

Wie engagierte Luruper die Armut von morgen verhindern

(aus Hinz&Kunzt 164/Oktober 2006)

Als die Bücherhallen vor anderthalb Jahren ihre Filiale im Stadtteil dichtmachten, schlug die Stunde der Luruper Stadtteilgenossenschaft: Sie stellte das „Lesekulturcafé“ auf die Beine. Vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien wollen die ehrenamtlich arbeitenden Kulturkämpfer an die Welt der Bücher heranführen. Denn sie wissen: Wer nicht liest, hat keine Zukunft.

Als Sabine Schneider erfuhr, dass die Luruper Bücherhalle geschlossen werden sollte, ging sie noch am gleichen Tag zum Leiter der Einrichtung und beschwerte sich eindringlich. „Ich war empört!“, sagt die 65-jährige pensionierte Studienrätin, die regelmäßig in der Bibliothek zu Gast war und deshalb wusste: „Da sind auch viele Kinder hingegangen.“ Der Protest half nicht. Doch als die energische Frau von der Idee engagierter Luruper erfuhr, eine Bücherei in anderer Form auf die Beine zu stellen, war sie sofort dabei. Sabine Schneider wurde zur Kulturkämpferin.

Heute gehört sie zu den rund 20 Ehrenamtlichen, ohne die es das neue Luruper „Lesekulturcafé“ am Böverstland nicht geben würde. Mindestens vier Tage die Woche ist die besondere Bibliothek geöffnet und soll vor allem bei Kindern aus sozial schwachen Familien die Lust am Lesen wecken. Helfen soll dabei auch die kleine Turnhalle, die zu den Räumen des ehemaligen Hauses der Jugend gehört. Sabine Tengeler,

Vorstandsfrau der Luruper Stadtteilgenossenschaft (LuSt), die das Projekt auf die Beine gestellt hat: „Kinder, die Lernschwierigkeiten haben, wollen sich erst mal austoben. Deshalb wollen wir diese Kinder über Bewegungsangebote erreichen.“

In diesen Tagen sind die ersten Projekte in Zusammenarbeit mit den umliegenden Schulen gestartet. Eine Bilderbuch-Werkstatt etwa für Schulklassen. Oder „Lesen in Aktion“, ein 18-wöchiges Projekt, bei dem Kinder mit einem Mix aus psychomotorischen Übungen und Vorlese-Stunden gefördert werden. „Viele haben Schwierigkeiten, lesen zu lernen, weil ihnen die Basis fehlt: etwa die Fähigkeit, stillzusitzen“, sagt Sabine Tengeler.

Lange hat die LuSt nach Räumen gesucht und nach Sponsoren. Ein anonymer Spender stellte einmalig 10.000 Euro zur Verfügung, Bürger schenkten mehr als 3000 Bücher. Und als der Bezirk Ende vergangenen Jahres das Jugendzentrum am Böverstland dichtmachte, verwandelte sich ein Ärgernis zur Chance. Bis zum Frühjahr noch reicht das Geld, um die Miete zu bezahlen. Für die Zeit danach hoffen die Genossen auf Geld vom Bezirksamt. Die Chancen stehen nicht schlecht, schließlich profitiert Lurup bislang nicht von den 800.000 Euro jährlich, die Altona für Kulturförderung ausgibt. Für Sabine Tengeler wäre eine Förderung des Projekts nur logisch: „Ein Lesecafé kann man nicht wirtschaftlich betreiben. Bücher zahlen schließlich keine Beiträge.“

Ulrich Jonas

Die Luruper Stadtteilgenossenschaft (LuSt) wurde vor drei Jahren von Bewohnern des Quartiers gegründet. Heute gehören ihr 34 Genossen an, die je 100 Euro eingelegt haben. Neben dem Lesekulturcafé betreibt die Genossenschaft eine Laienbühne, die auch Theater in Schulen macht, und hat die „Lurup-Card“ ins Leben gerufen; sie gewährt ihrem Besitzer Rabatt, wenn er bei Unternehmen im Stadtteil einkauft (Infos: www.unser-lurup.de). Wenn im Dezember die „Aktive Stadtteilentwicklung“ endet, wird die Eigeninitiative der Luruper gefragter sein denn je. Nachdem in den vergangenen Jahren gut acht Millionen Euro in die sozialen Brennpunkte des Quartiers geflossen sind, etwa in die Neugestaltung von Spielplätzen und Parks, werden in den kommenden beiden Jahren nur noch je 10.000 Euro bereitstehen, um Selbsthilfe-Initiativen zu fördern.

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