„Man muss schon ein bisschen verrückt sein“

(aus Hinz&Kunzt 210/August 2010)

Alle Jahre wieder streben sportbegeisterte Hamburger himmelwärts: Bei der Aktion Treppenstürmer geht’s im Laufschritt bis zu 15 Stockwerke hoch. Auf die schnellsten Sprinter wartet oben ein Pokal – und die totale Erschöpfung.

Favoritin: Beim ersten Treppenlauf 2006 schaffte es Tänzerin Lili schon mal ganz nach oben aufs Siegerpodest. Die 13 Stockwerke erstürmte sie in weniger als einer Minute.
Favoritin: Beim ersten Treppenlauf 2006 schaffte es Tänzerin Lili schon mal ganz nach oben aufs Siegerpodest. Die 13 Stockwerke erstürmte sie in weniger als einer Minute.

Zwölf Punkte für Lili. Nur. Findet sie: „So eine schlechte Sportnote hatte ich noch nie.“ Und jetzt ausgerechnet im Abi-Zeugnis. Aber es stand ja auch Handball auf dem Lehrplan: „Da liegt mir anderes mehr.“ Ein rosa Tutu zum Beispiel: Lili ist Ballerina. Oder ein graues Hochhaus: Sie ist auch „Treppenstürmerin“. Graziöser Spitzentanz und schweißtreibendes Sprinten – für Lili kein Widerspruch. Sie tanzt Ballett seit ihrem vierten Lebensjahr, außerdem trainiert sie mehrmals in der Woche den Nachwuchs beim TSG Bergedorf. „Viele unterschätzen die Power, die dahintersteckt“, glaubt die zierliche 18-Jährige. Sie hat es selbst erlebt, 2006, als sie das erste Mal beim Hochhauslauf mitmachte. „Du?“, fragten die Freunde, „als Ballerina?“ Und dann flitzte Lili los. 13 Stockwerke in weniger als einer Minute. Ergebnis: Platz 1.
Am 28. August will Lili im Grindelhochhaus erneut gewinnen. Die Konkurrenz ist groß, denn die „Treppenstürmer“-Veranstaltung lockt durchschnittlich bis zu 50 Sportverrückte an. Die ersten Hamburger rannten 2001 um die Wette himmelwärts. Damals organisierten Bewohner der Hochhaussiedlung Kirchdorf-Süd den Lauf anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Anlage. Seitdem richtet Saga-GWG das Rennen jedes Jahr in einem anderen Stadtteil aus. Vor allem die jeweiligen Anwohner sollen sich dadurch besser mit ihrem Umfeld identifizieren. Teilnehmen kann allerdings jeder fitte Hamburger, egal aus welchem Viertel. Männer und Frauen laufen getrennt und aufgeteilt in zwei Altersklassen: einmal die jungen Hüpfer zwischen 14 und 18, einmal die „Oldies“ ab 19. Die schnellsten Sprinter bekommen als Auszeichnung Geldpreise, einen Pokal und eine Medaille.
Anfangs gab es vor dem eigentlichen Wettkampf noch Vorbereitungsläufe in unterschiedlichen Hochhäusern, seit 2006 geht es für die Treppenstürmer aber direkt zum Finale. „Macht nichts, richtig trainieren kann man dafür eh nicht“, meint Lili, die seit ihrer ersten Teilnahme fast immer den ersten Platz belegt hat. „2008 war ich aber nur Zweite“, wie sie bescheiden anmerkt. Mit Talent habe das Ganze sowieso nichts zu tun. Mit Blödelei aber auch nicht. „Spaß?“, überlegt sie – „Nee, der Lauf an sich bringt keinen Spaß. Oben ist man völlig fertig.“
Dieter Herzig bestätigt das. Der 46-jährige Apotheker aus Ohlstedt nimmt ebenfalls seit mehreren Jahren am Wettkampf teil und sagt ungerührt: „Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um sich das anzutun.“ Schwindelanfälle, Zusammenklappen, Kreislaufversagen – „kann durchaus passieren. Oben stehen nicht umsonst Notärzte bereit.“  Dieter Herzig sprintet trotzdem immer wieder gerne mit. Er liebt diesen besonderen Kick, dieses totale Auspowern in kürzester Zeit, das Einsetzen aller Muskeln. „Es ist definitiv mehr Aktionismus als Sport“, sagt er. Und genau das liegt ihm: „Wenn ich stattdessen sage, ich gehe joggen, klingt das doch langweilig.“ Deshalb spielt er auch mit dem Bumerang statt mit dem Basketball, macht Triathlon statt Tennis: Dieter Herzig zieht das Ausgefallene und Extreme stets dem Üblichen vor.
Genau wie die anderen Treppenstürmer, die sich jedes Jahr wieder freiwillig die Hochhäuser hochquälen. „Viele Gesichter kennt man dann schon“, freut sich Lili. „Das ist fast wie ein kleines Familienevent.“ Dazu gibt es Musik und Showprogramm, Publikum und Cheerleader feuern kräftig an. „Beim Lauf selbst bekommt man davon aber natürlich kaum was mit“, erzählt Lili. Was sie selbst nach oben treibt, was sie durchhalten und bis zur letzten Stufe kämpfen lässt, ist „reine Willensstärke“. Wenn die Beine trotzdem schlappmachen, helfen ihr kleine Tricks: Erst nimmt sie so viele Stufen auf einmal wie möglich, nach ein paar Stockwerken jede einzelne. „Und wenn gar nichts mehr geht“, verrät sie grinsend, „krabbel ich auf allen vieren.“

Text: Maren Albertsen
Foto: Benne Ochs

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