„Ich bin doch nicht irgendein Stück Plastik!“

(aus Hinz&Kunzt 210/August 2010)

In der Heimat verfolgt, nirgends willkommen: Vor neun Monaten strandete Andrew aus Westafrika allein im Hamburger Hafen. Seitdem hofft der 17-jährige Flüchtling auf Asyl. Hanning Voigts hat mit dem Jungen über seine gefährliche Flucht, die Trennung von Familie und Freunden, seine Hoffnungen und seine Angst vor den Behörden gesprochen.

Andrew ist froh, dass er endlich wieder mit anderen Jugendlichen Basketball spielen kann. Hier fühlt er sich wohl, weil beim Sport nicht zählt,  was für einen Pass er hat. Erkannt werden will Andrew trotzdem nicht, solange über sein Asylverfahren nicht entschieden ist.
Andrew ist froh, dass er endlich wieder mit anderen Jugendlichen Basketball spielen kann. Hier fühlt er sich wohl, weil beim Sport nicht zählt, was für einen Pass er hat. Erkannt werden will Andrew trotzdem nicht, solange über sein Asylverfahren nicht entschieden ist.

Das kleine Boot schwankt bedenklich. Mitten im Atlantik, auf hoher See, ist die Nussschale in Seenot geraten. Die etwa 40 völlig verängstigten Flüchtlinge, die in dem viel zu kleinen Boot aus ihrer westafrikanischen Heimat aufgebrochen sind, wissen: Noch ein Brecher, und sie werden über Bord gehen. Auch der 17-jährige Andrew Kahne* gibt endgültig die Hoffnung auf.
„In diesem Moment dachte ich, mein Leben sei vorbei“, sagt Andrew. Sein Blick geht ins Leere, als er von diesen schlimmsten Minuten seiner Flucht berichtet. Der schüchterne Junge, der nur knapp dem Tod entronnen ist, hat den Schock bisher kaum verarbeitet. Andrew sitzt im Büro der kirchlichen Hilfseinrichtung Fluchtpunkt und gibt sich Mühe, seine Erlebnisse in Worte zu fassen. Er drückt sich in gewähltem Englisch aus. Die meisten deutschen Wörter, die er bisher gelernt hat, haben mit seiner Lage als Flüchtling zu tun: Ausländerbehörde, Asyl, Aufenthaltsgestattung. Während des Gesprächs sieht er immer wieder zu seiner Betreuerin von Fluchtpunkt hinüber. „Ihre Gegenwart beruhigt mich“, sagt er leise.
Andrews Flucht beginnt, als klar wird, dass er in seiner Heimat nicht mehr sicher ist. Sein Vater wird in dem westafrikanischen Staat politisch verfolgt und sitzt ohne Gerichtsverhandlung hinter Gittern. Andrew setzt sich für ihn ein, spricht bei den Behörden vor. Erst spät wird ihm klar, dass er dadurch wie ein lästiger Regierungsgegner wirkt und zunehmend selbst in Gefahr gerät. „Ich habe mir Ärger eingehandelt“, sagt er. Daher trifft er die schwere Entscheidung, das Land zu verlassen. Die Alternative wäre ein Leben im Gefängnis gewesen, oder Schlimmeres: „Ich hatte auch Angst um mein Leben, denn manchmal verschwinden Leute einfach, einige werden später tot aufgefunden.“ Mit einem Schlag endet das Leben, das Andrew kennt: Er muss sich von seiner Familie verabschieden, bei der er am Rande der Hauptstadt aufgewachsen ist. Er muss die High School verlassen, obwohl er kurz vor dem Abschluss steht. Und er verliert seine Freunde, mit denen er leidenschaftlich gern Basketball gespielt hat.
Im November 2009 bricht Andrew in dem kleinen Boot auf. Den Atlantik überleben er und die anderen Flüchtlinge nur wie durch ein Wunder: Ein Containerschiff bemerkt das Boot und nimmt die erschöpften Menschen auf. Tagelang ist Andrew mit dem großen Schiff unterwegs. „Ich musste warten und warten und warten“, sagt er. Dann erreicht Andrew endlich den Hamburger Hafen.
An einem bitterkalten Abend wird Andrew von einem hilfsbereiten Menschen zum Hamburger Hauptbahnhof gefahren. Ab da ist er auf sich allein gestellt. „Ich wusste nicht, mit wem ich reden sollte, ich wusste nicht, was vor mir liegt“, sagt er. „Ich bin allein zwischen den großen Häusern herumgelaufen. Es war ein schwarzer Tag.“ Die ganze Nacht irrt er herum. Am nächsten Morgen zeigt ihm eine Passantin den Weg zur Ausländerbehörde, gegenüber bemerkt er das Hilfsprojekt Café Exil. Hier trifft Andrew zum ersten Mal Deutsche, die ihm richtig zuhören. Generell verstünde er die Hamburger immer noch nicht so recht, sagt Andrew. „Wenn man sie kennenlernt, sind sie manchmal ziemlich nett“, sagt er. „Das Problem ist nur, sie kennenzulernen. Wenn sie irgendwohin müssen, dann gehen und gucken sie auch nur in diese Richtung. Die meisten bemerken mich nicht einmal.“
Die Mitarbeiter vom Café Exil helfen Andrew mit seinem Asylantrag. Er kommt in einer Erstversorgungs-Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge unter, er lernt die Mitarbeiter von Fluchtpunkt kennen und bekommt von ihnen die Hilfe einer Psychologin vermittelt. Er erhält eine befristete Aufenthaltsgestattung und kann sogar einmal mit seiner Mutter telefonieren, die ebenfalls geflohen ist und sich in einem Nachbarland ihrer ehemaligen Heimat versteckt hält. Andrew fasst wieder Mut.
Doch dann kommt der Rückschlag: Die Ausländerbehörde glaubt ihm seine Altersangabe nicht. Auf einmal ist Andrew offiziell volljährig. „Altersfiktivsetzung“ nennt man im Behördendeutsch diese Praxis, mit der die Hamburger Ausländerbehörde das Alter von jungen Flüchtlingen auf 18 Jahre festlegt, um sie wie Erwachsene behandeln zu können. Vor allem können sie so leichter abgeschoben werden (siehe Infokasten). „Ich weiß nicht, wie die das machen“, sagt Andrew, „die haben sogar einen neuen Geburtstag für mich erfunden.“ Die Folge ist, dass er noch am selben Tag aus seiner Jugendwohnung ausziehen muss und in eine normale Flüchtlingsunterkunft verlegt wird. Hier fühlt Andrew sich schlecht betreut und muss sein Zimmer mit einem ehemaligen Strafgefangenen teilen, dem er überhaupt nicht über den Weg traut. „Ich konnte es nicht mehr ertragen“, sagt er.
Die Altersfiktivsetzung ist nicht das einzig fragwürdige Vorgehen der Ausländerbehörde. Bei einer Befragung zu seinem Asylverfahren setzt man Andrew einen Dolmetscher vor, der seine Muttersprache nicht spricht und kaum Englisch beherrscht. Bei jedem Behördentermin kommt Andrew sich wie ein Verdächtiger vor, die meisten Beamten sind unfreundlich. „Ich erwarte ja gar nicht viel, nur jemanden, der vielleicht ein Lächeln für mich übrig hat“, sagt Andrew. „Ich bin doch ein Mensch, oder nicht? Man kann doch mit mir reden. Ich bin doch nicht irgendein Stück Plastik.“
Trotzdem geht Andrew seinen Weg weiter. Sein Asylverfahren ist noch nicht entschieden, bei einer Ablehnung droht ihm die Abschiebung. Mit der Hilfe einer Privatperson, die als sein Vormund fungiert, geht er juristisch gegen die Altersfiktivsetzung vor. Solange sein Fall nicht entschieden ist, darf er immerhin auf einer Sprachschule Deutsch lernen. Außerdem spielt er wieder Basketball, gemeinsam mit Deutschen und anderen Migranten. Und im Gespräch mit seiner Psychologin ist ihm nach fünf Monaten sogar wieder sein großer Traum eingefallen, den er völlig vergessen hatte: „In meinem ersten High-School-Jahr habe ich gelernt, wie man Seife macht“, sagt er. „Meine ersten Seifenstücke hat mir mein Vater abgekauft, und ab da habe ich überlegt, ob ich nicht Seifenfabrikant werden könnte.“
Andrews größte Sorge ist, dass er kein Asyl in Deutschland erhält. Denn wenn er in seine Heimat abgeschoben werden würde, wäre das für ihn eine Katastrophe, sagt er. „Das wäre so schlimm, daran kann ich nicht mal denken. Dazu habe ich einfach zu viel Angst.“
* Name geändert

Die Zahl minderjähriger Flüchtlinge steigt
402 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge wurden im vergangenen Jahr in Hamburg registriert, allein 231 von ihnen aus Afghanistan. Das geht aus der Antwort des Senats auf eine Bürgerschaftsanfrage der Linkspartei hervor. Bundesweit steigt die Zahl minderjähriger Flüchtlinge seit 2008 stetig an, viele kommen aus den Kriegs­gebieten in Irak und Afghanistan. 226 der in Hamburg registrierten Jugendlichen wurden von der Ausländerbehörde als „mindestens 18 Jahre alt“ eingeschätzt. Diese Praxis der „Altersfiktivsetzungen“ wird bei Zweifeln an der Richtigkeit des angegebenen Alters angewandt und ist oft mit medizinischen Untersuchungen im Institut für Rechtsmedizin an der Uniklinik Eppendorf verbunden. Sie wird von Hilfs­organisationen wie dem Hamburger Flüchtlingsrat kritisiert. Die ­Kritiker werfen den Behörden vor, den Flüchtlingen generell zu misstrauen und durch das „Ältermachen“ Rechtsansprüche auf einen Vormund oder eine Betreuung durch das Jugendamt auszuhebeln. Außerdem gibt es Kritik an den angewandten Verfahren: Der „Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte“ kritisiert etwa, die im UKE ­angewandte Methode der Knochenaltersbestimmung sei für eine wissenschaftliche Bestimmung des Lebensalters ungeeignet.

Foto: Mauricio Bustamante

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