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„Fast alle meine Freunde haben Geldsorgen“

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 165/November 2006

Musiker Bela B. über Armut, den FC St. Pauli und das Vergnügen einer Solokarriere

(aus Hinz&Kunzt 165/November 2006)

Heimspiel für Bela B.: Der Schlagzeuger der Band „Die Ärzte“ tritt in der Großen Freiheit auf, einen Steinwurf vom Millerntor entfernt. Während draußen die ersten Fans auf das Stunden später startende Konzert warten, plaudert Bela in seiner Gaderobe – umgeben vom Glamour-Bühnenoutfit – über den Start seiner Solokarriere.


Hinz&Kunzt: Hast du dir das Pokalspiel St. Pauli gegen Bayern angeguckt?

Bela B.: Klar, ich war natürlich im Stadion. Das ist auch einer der Gründe, warum ich heute ein bisschen heiser bin.

H&K: Und da kannst du ohne Bodyguards reinmarschieren?

Bela B.: Ich habe dran gearbeitet, dass es Orte gibt, an denen ich für die Leute nicht mehr so besonders bin. Ich hab keinen Bock drauf, mich abzuschirmen. Natürlich zerren manchmal welche an mir rum und sind total geflasht: Eh, ist ja Bela B. Aber da muss ich durch, das ist der Nachteil von meinem Beruf. Der Vorteil ist, dass ich immer ausgeschlafen bin, weil ich selten vor elf oder zwölf Uhr irgendwas tun muss.

H&K: Und Karten für so ein Spiel bekommst du wahrscheinlich auch einfacher…

Bela B.: Ich habe eine Lebensdauerkarte. Die habe ich ehrlich bezahlt. Und hatte deshalb Vorkaufsrecht wie jeder Dauerkarteninhaber.

H&K: Bist du wegen St. Pauli weg aus Berlin?

Bela B.: Nee, mir ging die Goldgräbermentalität nach der Wende auf die Nerven. Es kamen immer mehr Leute, die nur noch Geld machen wollten. Das hat mich als Berliner, der maßgeblich von der Subkultur geprägt ist, total genervt. Und 1994 habe ich in Hamburg ein Mädchen kennen gelernt. Die habe ich dann ständig besucht und die Stadt immer lieber gewonnen. In Hamburg spürte ich nicht diesen Druck wie in Berlin.

H&K: Fühlst du dich immer noch als Teil der Subkultur? Schließlich hast du ja mittlerweile ziemlich viel Geld.

Bela B.: Aber das hat doch mit Kohle nichts zu tun. Es gab in der Subkultur immer Leute, die aus reichem Hause kamen

und trotzdem maßgeblich beteiligt waren.

H&K: Du kommst aber aus einer ärmeren Familie.

Bela B.: Einer Arbeiterfamilie. Allein erziehende Mutter mit zwei Kindern, dazu noch einige Jahre die Großmutter, bis sie gestorben ist. Da gab es natürlich nicht sieben Mal die Woche Fleisch. Zum Glück mochte ich als Kind sehr gerne Milchreis. Mein Vater hat irgendwann sogar aufgehört, die Unterstützung zu zahlen. Und als meine Mutter ihren jetzigen Mann kennen gelernt hatte, musste ich seine alten Schuhe tragen. Aber man kommt immer mit einem blauen Auge davon.

H&K: Hast du noch Bezug zu der Zeit?

Bela B.: Klar. Meine Mutter lebt in der alten Wohnung, einer schönen Dreizimmer-Wohnung in einer Arbeitersiedlung. Sie will da nicht weg, weil sich die Miete über die Jahre nicht so sehr erhöht hat. 80 Prozent meiner Freunde haben irgendwelche Geldsorgen, wie jeder normale Mensch. Bei ihnen fühl ich mich mehr zu Hause als bei irgendwelchen Millionärs-Benefiz-Galas.

H&K: Wenn 80 Prozent deiner Freunde Geldsorgen haben, wirst du dann nicht dauernd angepumpt?

Bela B.: Na ja, das passiert oft genug. Und oft helfe ich auch aus. Einige Erfahrungen damit waren natürlich nicht so toll.

H&K: In deinem aktuellen Musikvideo bist du nackt im Swingerclub zu sehen.

Bela B.: Die Idee war von Charlotte Roche (Fernsehmoderatorin, Anm. der Red.). Das war eine echte Herausforderung: Jetzt zeig ich mich mal nackt, ein komplettes Video. Ein Rockstar über 40 nackt im Swingerclub – das ist desillusionierend. Das fand ich super. Aber der Drehtag war recht lang, nach acht Stunden war es nicht mehr spaßig. Und einige von den Statisten wurden betrunken, wie durch ein Wunder, denn wir hatten eigentlich keinen Alkohol ausgeschenkt. Das war dann kompliziert, weil der Komparse, der meinen Penis mit einer Bierflasche verdecken sollte, das irgendwann nicht mehr so gut konnte, weil er so schwankte. Der Komparse, nicht der Schwanz.

H&K: Wenn deine Mutter so was sieht, sagt die da nicht: Mensch, Junge, ist das denn mit 40 noch nötig?

Bela B.: (lacht) Nein, meine Mutter ist inzwischen was mich angeht deutlich unkritischer als früher. Sie hat gemerkt, ihr Junge hat alles richtig gemacht. Ich habe mich durchgesetzt und finanzielle Unabhängigkeit erreicht, ohne mich zu verbiegen. Außerdem haben Eltern für gewisse Dinge eher Scheuklappen. Ich vermute, meine Mutter sieht das Video, schön bunt und so, und sieht einfach nicht, dass ihr Sohn nackt durchs Bild läuft.

H&K: Auf deinem Album ist neben Charlotte Roche auch Country-Legende Lee Hazlewood zu hören, der schon mit Nancy Sinatra zusammengearbeitet hat. Wer von den beiden war schwieriger zu gewinnen?

Bela B.: Lee Hazlewood, weil er sehr krank ist, ihm wurde eine Niere entfernt. Deswegen war er immer im Krankenhaus und schwer zu erreichen. Aber dann kam ganz plötzlich ein Fax aus Amerika von ihm mit allen Punkten, was wir erfüllen müssen, damit er auf meiner Platte singt. Das war sehr lustig, das Fax. Zum Beispiel hat er geschrieben, dass er nicht erste Klasse fliegt, sondern nur Business-Class, sein Name wäre Hazlewood, nicht Sinatra und solche Sachen. Er kommt nur rüber, wenn wir versprechen, dass es in dem Song nicht um Nancy geht und dass wir nicht mit ihm über Nancy sprechen. Vier Tage später war er da. Und in diesen vier Tagen begann ich erst den Text zu schreiben, denn ich hatte eigentlich nicht mehr daran geglaubt, dass es klappt. Und plötzlich musste ich einen Text schreiben für diese Songwriter- und Produzentenlegende, jemanden, der mich maßgeblich geprägt hat, da hatte ich schon ziemlich Schiss in der Hose.

H&K: Darf man mit dir noch über die Ärzte reden?

Bela B.: Doch, darf man.

H&K: Gibt’s die noch?

Bela B.: Ja, die Ärzte gibt’s noch. Wir würden das schon der Öffentlichkeit bekannt geben, wenn es uns nicht mehr gäbe.

H&K: Wann macht ihr denn was Neues?

Bela B.: Wir spielen Silvester ein Konzert. Mehr Pläne gibt es noch nicht. Wir wollen natürlich noch mehr machen, aber einer der Gründe auch für mein Soloalbum ist dieses ewige Zwei-Jahre-im-Voraus-Planen, das bringt mich immer weiter weg von der Musik.

H&K: Gegen Schill hast du dich engagiert, aktuell machst du nichts mehr – obwohl wir ja immer noch einen konservativen Senat haben.

Bela B.: Na ja, man kann nicht auf allen Baustellen sein, sonst wirst du irgendwann zum Gutmenschen, und mein Ziel ist es bestimmt nicht, der deutsche Bono Vox zu werden. Ich finde, dass Hamburg allgemein ein extrem behäbiges politisches Pflaster ist, auch schon bei der SPD. Wobei ich Ole von Beust besser finde als einige seiner Vorgänger. Seine Partei ist natürlich indiskutabel.Als Musiker, dem Leute hier im Land zuhören, sehe ich mich schon bei einigen Themen in der Pflicht. Ich merke gerade, wie es bei manchen hip wird, rechts zu sein. Also so ähnlich, wie es hip ist, Punkrocker zu sein, außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Das darf nicht sein, dass die Grenzen so verschwimmen. Dagegen setze ich mich mit den Mitteln und der Öffentlichkeit ein, die ich habe.

Interview: Marc-André Rüssau

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