Momentaufnahme : „Ich habe immer mein Ding durchgezogen“

Birgit, 48, verkauft Hinz&Kunzt zweimal im Monat bei DESY und ist aktuell auf der Suche nach einem festen Verkaufsplatz. Foto: Lena Maja Wöhler.

Birgit, 48, verkauft Hinz&Kunzt zweimal im Monat bei DESY und ist aktuell auf der Suche nach einem festen Verkaufsplatz.

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Obdachlosigkeit kann jeden treffen. Ein platter Spruch. Und doch so wahr. Hinz&Kunzt-Verkäuferin Birgit könnte ein Lied davon singen. Die gebürtige Hamburgerin stammt aus gutem Hause: Abitur in Barmbek. Anschließend Lehre im Einzelhandel. Später sogar stellvertretende Marktleiterin.

Und trotzdem landete die heute 48-Jährige vor sechs Jahren auf der Straße. Nicht wegen Alkohol. Nicht wegen Drogen. Nicht einmal eine Vorstrafe habe sie auf ihrem Konto, sagt Birgit und fügt schmunzelnd hinzu: „Ich komme mir bei Hinz&Kunzt immer vor wie eine Randgruppe.“

Die ersten Nächte draußen habe ich kaum geschlafen– Hinz&Künztlerin Birgit

Ein Problem war vielleicht, dass Birgit nie beständig bei einer Sache blieb. Mit Anfang 30 sattelte sie um, ging nach Bayern und arbeitete fortan in der Lager-Logistik.

Aber nach zehn Jahren geriet sie in eine finanzielle Schieflage. Ein Kredit, den sie nicht mehr bedienen konnte. Weil sie ausgebrannt war von ihrem Job.

Dazu noch Streit mit dem Vermieter und eine langjährige Beziehung, die in die Brüche ging. Birgit schmiss alles hin und kehrte zurück nach Hamburg. Das war im Februar 2012. Ein kalter Winter. Birgit war pleite. Ohne Aussicht auf Arbeit oder eine Wohnung.

Schuldnerberatung als Rettung

Warum sie ihre Familie oder Freunde nicht um Hilfe bat? „Ich bin da sehr eigen“, sagt sie ausweichend. „Ich mache lieber mein eigenes Ding.“ Am Hauptbahnhof setzte sie sich erst einmal in eine McDonald’s-Filiale und wartete, bis die Sonne aufging. Es war eine lange Nacht und das Gefühl, obdachlos zu sein, „richtig ätzend“.

Am folgenden Tag knüpfte sie Kontakt zu Obdachlosen, schloss sich ihnen auf ihrer Platte in der Innenstadt an. „Die ersten Nächte habe ich aber kaum geschlafen“, erinnert sie sich. In ihrem Bekanntenkreis waren alle „Kaffee-Junkies“. Jetzt erlebte sie Drogenabhängige, Gewalt und Sturzbetrunkene. „Daran muss man sich erst mal gewöhnen.“

Es gelang ihr, und wenig später fing sie an, Hinz&Kunzt zu verkaufen. Trotzdem war sie froh, als sie zwei Jahre später eine Wohnung fand. „War halt doch keine Entspannungsnummer“, sagt Birgit in der für sie typisch trockenen Art.

Ich mache lieber mein eigens Ding– Hinz&Künztlerin Birgit

Wie es zu dieser positiven Wende kam? Birgit sagt: „Der Schuldnerberatung habe ich zu verdanken, dass ich nicht abgestürzt bin.“ Dort half man ihr bei der Privatinsolvenz. Birgit fing wieder an zu arbeiten und zahlte ihre Schulden komplett zurück.

Alles hat sich anders entwickelt als geplant

Der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben nahm jedoch ein jähes Ende. Birgit leidet an einer Schilddrüsenüberfunktion. Vier Mal wurde sie in den vergangenen Jahren operiert. Es geht ihr besser, doch wirklich belastbar ist sie nicht mehr.

Aber wenn Birgit helfen kann, dann packt sie gerne mal mit an. Beispielsweise bei Anlieferungen im Hinz&Kunzt-Vertrieb. „Paletten liegen mir irgendwie“, sagt die Logistik-Expertin schmunzelnd. Es hat sich in ihrem Leben alles etwas anders entwickelt als gedacht. „Aber so, wie es jetzt ist, bin ich zufrieden.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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