Eine unterirdische Nacht

Hals über Kopf hat der Senat Anfang Dezember weitere Notschlafplätze für Obdachlose bereitgestellt – in einem Weltkriegsbunker. Für Hinz&Kunzt-Volontär Hanning Voigts war klar: Um ein Bild von den Zuständen vor Ort zu bekommen, musste er dort übernachten.

(aus Hinz&Kunzt 215/Januar 2011)


Bunker – Images by Mauricio Bustamante

Der Gestank raubt mir den Atem. Dieser säuerliche Geruch nach Schweiß, Alkoholdunst und ungewaschenen Körpern. Ich liege auf einer Pritsche aus zähem Stoff. Sie hat einen harten Metallrahmen, ist gerade einmal 60 Zentimeter breit und so kurz, dass ich bei meiner Körpergröße von 1,88 Metern meine Beine nicht ausstrecken kann. Direkt über mir, nicht einmal eine Armlänge entfernt, wälzt sich schon der nächste Mann. Die Ärmel seiner Lederjacke hängen mir ins Gesicht. Insgesamt teilen sich 31 Männer diesen stickigen, fensterlosen und spärlich beleuchteten Raum. Sie liegen in ihren Klamotten auf einem der 14 Feldbetten oder wie ich auf einer der zwei Dutzend Pritschen, die in drei Etagen an die Wände geschraubt sind. Fast alle werfen sich ruhelos hin und her, ständig keucht und hustet einer. Die, die schlafen, schnarchen ohrenbetäubend.

Mit einigem Stolz haben Bürgermeister Christoph Ahlhaus und Sozialsenator Dietrich Wersich den Bunker unter dem Hachmannplatz als neue Not­unterkunft für Obdachlose präsentiert. Der Senat wolle ein zusätzliches Angebot schaffen, damit in Hamburg niemand erfrieren müsse, hieß es. Schon beim ersten Pressetermin wirkten die düsteren Räume, die man über einen Eingang zur U-Bahn-Linie U2 erreicht, wie eine bizarre Mischung aus Filmkulisse und Tiefgarage. Ich stellte mir die Frage, wieso Obdachlose diesen Bunker nutzen sollten, wo viele von ihnen doch schon Angst vor den Zwölf-Bett-Zimmern in der Notunterkunft Pik As haben. In der Tarnung eines Obdachlosen bin ich heute Abend hier, um mir den Bunker genauer anzusehen.

Als ich gegen 22 Uhr ankomme, gerate ich direkt ins Chaos: Zwei angetrunkene Männer wollen sich im neonbeleuchteten Vorraum prügeln, drei Mit­arbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes können sie mit Mühe davon abhalten. Johlende Obdachlose beobachten die Szene, die Sicherheitsleute brüllen die Streithähne an. Als sich die Situation beruhigt, wendet sich einer der Aufpasser an mich: „Willst du hier schlafen?“ Ich nicke. Er notiert meinen Namen und meine Staatsangehörigkeit. Auf seiner Liste stehen schon 61 Namen. Der Mann gibt mir eine eingeschweißte Bettdecke und weist mir den Weg in den Schlafraum auf der rechten Seite. „Du musst eine von den Liegen da nehmen“, erklärt er mir. „Das ist alles, was wir noch haben.“ Dann sagt er, dass es am Eingang noch Brötchen und Wasser gäbe und lässt mich allein. Ich stehe mit meiner Decke vor der schmalen Pritsche. Kein Kopfkissen, kein Laken, kein Handtuch. Kein Platz, meine Sachen abzustellen. Dafür dieser Gestank. Ich werfe meinen Rucksack auf eine der Pritschen und fliehe nach draußen.

Am Eingang stehen einige Männer und rauchen. Die Meinungen zum Bunker sind geteilt. Kai* zum Beispiel, gebürtiger Hamburger, findet es okay hier. „Die letzten beiden Nächte habe ich ganz gut geschlafen, heute ist halt ein bisschen Randale“, sagt er. Immerhin sei es hier warm und allemal besser als in der Notunterkunft Pik As. Da werde viel geklaut, da solle ich auf keinen Fall hingehen. Ein Anderer widerspricht. „Die Politik war nicht auf den Winter vorbereitet und hat jetzt einfach schnell diesen Bunker aufgemacht“, regt er sich auf. „Überleg doch mal, was du da an Bakterien einatmest, wenn du hier pennst.“ Er will lieber weiter draußen auf einer Baustelle schlafen. Einigkeit besteht darüber, dass der Sicherheitsdienst zwar freundlich, aber völlig überfordert ist. „Dauert nicht mehr lange, dann stehen hier Polizisten mit Maschinenpistolen“, scherzt Kai.

Als ich wieder in den Bunker gehe, kommt mir eine Gruppe junger Männer entgegen, die sich auf Polnisch unterhalten. „Versteh kein Deutsch“, sagt einer entschuldigend zu mir, als ich ihn anspreche. Mit Gesten erklärt er mir, dass er und seine Freunde draußen geschlafen haben, bevor der Bunker geöffnet wurde. Ich frage, wie er es hier findet. „Zu viele besoffen“, sagt er und verzieht das Gesicht.

Mittlerweile ist es zwei Uhr. Im Vorraum sitzt ein junger Mann mit dunklen Locken und ungepflegtem Bart, der an Händen und Armen offene Wunden hat und ziemlich hilflos wirkt. Die Sicherheitsleute haben ihm einen eingepackten Salat gegeben, und er weiß nicht, wie er ihn essen soll. „Da liegt doch was“, sagt einer der Aufpasser und hebt einen verdreckten Esslöffel vom Boden auf. Der junge Mann sieht erst den Löffel und dann mich fragend an. „Kannst du mir den abwaschen?“, bittet er mich stotternd. Ich bringe es nicht übers Herz, Nein zu sagen. In den Waschräumen finde ich Waschbecken vor, die teilweise von einer festgetrockneten Dreckschicht überzogen sind. Die Toiletten sind winzig, als wären sie für Kinder gedacht. Es gibt keine Türen für die Kabinen, lediglich alte Plastikvorhänge. Der Gedanke, hier aufs Klo zu gehen oder mich zu waschen, jagt mir einen Schauer über den Rücken. Ich reinige den Löffel, so gut ich kann. Dann gebe ich ihn dem jungen Mann und sehe mitleidig zu, wie er seinen Salat isst.

Zeit zu Schlafen. Ich denke nicht einmal daran, mich hier auszuziehen. In Mütze und Mantel lege ich mich auf meine Pritsche, aber ich komme nicht zur Ruhe. Immer wieder kommen die Sicherheitsleute mit neuen Gästen in den Raum und leuchten mit Taschenlampen umher. Im Nebenzimmer liegt ein völlig betrunkener Mann, der die ganze Zeit hustet. Ab und zu schreit er laut auf, als hätte er Angst. Nur ein einziges Mal nicke ich kurz ein.
Um Viertel vor sechs höre ich lautes Fluchen. Johnny, ein hagerer, bärtiger Mann, ist auf der anderen Seite des Raumes aufgewacht, weil der Mann über ihm sich eingenässt hat. Der Urin ist auf Johnnys Kleidung und auf seinen Schlafsack getropft. „Schöne Scheiße“, flucht er, während er seine Sachen zusammenpackt. „Erst schlafe ich hier schlechter als draußen, und jetzt auch noch das.“ Er guckt verzweifelt. Morgen werde er auf jeden Fall wieder Platte machen, murmelt er, während er zum Ausgang geht. Ich habe Mitleid mit ihm und frage mich, wie die durchnässte Liege wohl gereinigt wird.
Die unruhige Nacht endet früh. Um zehn nach sieben springt mit lautem Röhren die Lüftungsanlage an, gegen halb acht schalten die Sicherheitsleute das Licht an. „Aufstehen!“ Eine Reihe müder Gestalten schiebt sich in den Vorraum. Kai schlendert zu den Waschräumen. Wie er geschlafen habe, frage ich ihn. „Och, ging“, sagt er. Er tippt sich zum Gruß an die Schläfe. „Man sieht sich!“ Lieber nicht, denke ich, zumindest nicht hier. Ich bin erleichtert, diesen Ort endlich verlassen zu können.

Auf dem Weg nach Hause erkenne ich einen älteren Mann mit langen grauen Haaren wieder, den ich vorhin auch im Bunker gesehen habe. Er muss vor mir aufgebrochen sein und schlurft mit trübem Blick über den S-Bahnhof. Er durchsucht die Mülleimer nach Pfandflaschen. Ich schlucke schwer. Was für ein Leben: Nach dieser Nacht muss er den ganzen Tag draußen verbringen und dann wahrscheinlich zurück in den Bunker. Das würde ich nicht aushalten.

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