Statistik : So oft werden Obdachlose angegriffen

Im Januar 2017 entkamen zwei Obdachlose an den Landungsbrücken nur knapp dem Feuertod. Foto: JOF

Mindestens 17 Obdachlose starben im vergangenen Jahr bundesweit durch Übergriffe, zeigt eine neue Statistik. Mehr als 140 Mal wurden Obdachlose Opfer von Körperverletzung. 

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Obdachlose sind Gewalttätern auf der Straße schutzlos ausgeliefert. Mindestens 141 Mal sind sie deutschlandweit im vergangenen Jahr Opfer von Körperverletzungen geworden. 17 Obdachlose starben sogar durch gewalttätige Übergriffe. Das geht aus der Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hervor, die Hinz&Kunzt vorliegt. Erfasst werden darin nur Fälle, über die Medien berichteten. Die tatsächliche Zahl dürfte also noch höher sein.

Der letzte Übergriff in Hamburg ist erst ein paar Tage her. Ein Unbekannter hat am vergangenen Mittwoch am U-Bahnhof Burgstraße im Stadtteil Hamm einem schlafenden Obdachlosen mehrfach gegen den Kopf getreten. Er wurde so stark im Gesicht verletzt, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste. Und erst am Montag hat ein Unbekannter in einer Berliner U-Bahn mehrere Obdachlose verletzt, einen davon sogar mit einem Messer.

Gewalt unter Obdachlosen stark angestiegen

Oft sind die Täter auch selbst wohnungslos. 68 Körperverletzungen gingen laut BAG-W-Statistik im vergangenen Jahr auf das Konto von anderen Wohnungslosen. 13 Obdachlose starben durch wohnungslose Gewalttäter. Offenbar hat die Konkurrenz unter Obdachlosen drastisch zugenommen, die Zahl der Gewalttaten untereinander ist in den vergangenen zehn Jahren stark angestiegen.

Die möglichen Motive der obdachlosen Täter machen zwei Hamburger Fälle deutlich: Am 13. April hatte ein ehemaliger Obdachloser die Platte eines 49-Jährigen im Stadtteil St. Georg angezündet. Das Feuer verletzte den Mann glücklicherweise nicht, weil Passanten den Brand schnell löschen konnten. Angeblich wollte der Brandstifter dem dort Schlafenden einen Denkzettel zu verpassen. Das Opfer sei „sehr aggressiv“ und bekannt dafür, andere Obdachlose von ihren Schlafplätzen zu vertreiben, rechtfertigte er sich vor Gericht. Ende Januar wird vor dem Landgericht ein Urteil  erwartet.

Wegen versuchten Mordes verurteilte das Gericht im September einen Obdachlosen zu sechs Jahren Haft, weil er im Januar den Schlafplatz zweier Obdachloser an den Landungsbrücken angezündet haben soll. Die Opfer trugen damals Verbrennungen unter anderem im Gesicht davon. Er habe das Feuer gelegt, weil er neidisch auf den geschützten „Premium-Schlafplatz“ in einem Parkhaus gewesen sei, befand der Richter in seiner Begründung. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, der Verurteilte bestreitet die Tat und hat Beschwerde vor dem Bundesgerichtshof eingelegt.

Viele Taten bleiben ungesühnt

Oft kommen die Täter davon. Die Männer, die im vergangenen Januar in St. Georg versucht hatten, den Schlafsack einer Obdachlosen anzuzünden, konnte die Polizei nicht ermitteln. Nach einem mutmaßlichen Brandanschlag auf einen Obdachlosen im Oktober hatte die Staatsanwaltschaft sogar eine Belohnung in Höhe von 2000 Euro für Hinweise auf den Täter ausgelobt. Mangels hinreichenden Tatverdachts stellte sie das Verfahren allerdings im Dezember ein. Im Fall der brennenden Matratze eines Obdachlosen an den Landungsbrücken ermittelt die Staatsanwaltschaft noch, will aber „wegen einer möglichen Gefährdung der Ermittlungen“ keine weiteren Auskünfte geben.

Nach dem jüngsten Angriff auf den Obdachlosen am U-Bahnhof in Hamm hat die Polizei noch keine konkreten Hinweise auf den Täter. „Es ist noch zu früh, etwas zu sagen“, sagt ein Sprecher zu Hinz&Kunzt. Derzeit würden die Ermittler die Aufzeichnungen der Videokameras am Tatort auswerten.

Die Hamburger Fälle in der Übersicht:

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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