Obdachlose auf St. Pauli : Erst Feuer, dann Räumung

Unter dieser Brücke an den Landungsbrücken hat am Mittwoch die Matratze eines Obdachlosen gebrannt. Freitagvormittag räumte der Bezirk die Platte. Foto: Benjamin Laufer

An der Helgoländer Allee auf St. Pauli brennt die Matratze eines Obdachlosen – die Polizei prüft, ob es Brandstiftung war. Zwei Tage später rücken Bezirk, Polizei und Stadtreinigung an und entsorgten Zelte und Matratzen.

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Nach dem Feuer am Mittwoch kam am Freitag die Stadtreinigung. Zusammen mit Bezirksamt Mitte und der Polizei räumte sie an der Helgoländer Allee unter der U-Bahnbrücke auf, wo bis dahin vier Obdachlose in Zelten und auf Matratzen gelebt hatten.

Die Obdachlosen sind jetzt nicht mehr da. Zelte und Matratzen auch nicht, die nahm die Stadtreinigung mit. „Es hatte sich eine ganze Menge Kram angesammelt, der musste weg“, sagt Sorina Weiland, Sprecherin des Bezirksamts Mitte. Solche Aufräumaktionen würden dort regelmäßig stattfinden. Wie unter allen Brücken im Bezirk würden Obdachlose an dieser Stelle aber weiterhin geduldet.

Zwei Tage zuvor hatte es hier gebrannt. Ein Passant meldete bei der Polizei um kurz nach 11 Uhr, dass von einer Matratze Rauch aufsteige. Den darauf liegenden Obdachlosen habe er nicht wecken können. Das erledigte dann die hinzugerufene Polizei: „Es gelang den Beamten, den auf der Matratze in einem Schlafsack schlafenden Mann zu wecken und ihn von der Matratze zu ziehen“, sagt Polizeisprecher Florian Abbenseth. Der 43-Jährige sei stark alkoholisiert gewesen, eine Messung habe mehr als vier Promille ergeben. Anschließend löschte die Feuerwehr die Matratze. Den Obdachlosen nahm die Polizei mit zur Vernehmung aufs Revier – was jedoch an seinem Alkoholpegel scheiterte. Anschließend wurde er dort entlassen.

Legte ein 57-Jähriger das Feuer?

Die Spuren des Feuers sind unter der Brücke noch zu sehen. Nachhaltigen Schaden hat das Mauerwerk nicht genommen. Foto: BELA

Nun prüft die Polizei, ob es Brandstiftung war. Die Ermittler verdächtigen einen 57-Jährigen, der kurz vor dem Brand in einem Restaurant an den Landungsbrücken unangenehm aufgefallen war. Unter anderem hatte er dort trotz Rauchverbot eine Zigarette angezündet. Außerdem soll er versucht haben, eine Zeitung in Brand zu setzen.

Wegen „psychisch auffälligen Verhaltens“ wurde er in Gewahrsam genommen. Ein Amtsarzt wies ihn anschließend in die Psychiatrie ein. „Aufgrund der polizeilichen Erkenntnisse, die wir über ihn haben, entstand ein einfacher Tatverdacht“, sagt Polizeisprecher Abbenseth.

Einfacher Tatverdacht, das heißt: Ob er wirklich mit dem Feuer etwas zu tun hatte, ist für die Ermittler noch offen. Die Brandursache sei ohnehin noch „völlig unklar“, sagt Abbenseth: „Das LKA ist noch ganz am Anfang.“

Erneuter Prozeß wegen versuchten Mordes

Der Fall reiht sich ein in eine Lange Liste von Feuern auf Obdachlosenschlafplätzen in diesem Jahr. In einigen Fällen war die Ursache Brandstiftung. Sie beschäftigen bereits die Gerichte: Im November beginnt vor dem Landgericht die Hauptverhandlung gegen einen 32-Jährigen, der am 13. April den Schlafsack eines Obdachlosen im Bahnhofsviertel St. Georg angezündet haben soll. Nur durch einen glücklichen Zufall war damals nichts Schlimmes passiert: Passanten konnten den Brand schnell löschen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten versuchten Mord vor.

Bereits wegen versuchten Mordes verurteilt wurde im September ein 30-Jähriger, weil er im Januar die Platte von zwei Obdachlosen an den Landungsbrücken angezündet haben soll. Der ebenfalls obdachlose Tatverdächtige soll aus Neid über den geschützten Schlafplatz gehandelt haben. Er beteuert jedoch seine Unschuld, weswegen dieser Fall nun beim Bundesgerichtshof liegt.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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