Winternotprogramm für Obdachlose startet

Erfrierungsschutz ab jetzt mit Bedingungen

Rechts ist ein grauses Haus mit vielen Fenstern zu sehen. Auf dem Dach steht in großen Buchstaben: Hotel. Links daneben: Ein Wohnhaus.
Rechts ist ein grauses Haus mit vielen Fenstern zu sehen. Auf dem Dach steht in großen Buchstaben: Hotel. Links daneben: Ein Wohnhaus.
Dieses ehemalige Hotel in Moorfleet ist eine von zwei Großunterkünften des Winternotprogramms. Foto: Miguel Ferraz

Am Sonntag öffnet das Hamburger Winternotprogramm für Obdachlose unter verschärften Bedingungen. Eine Chance auf einen Platz im Wohncontainer haben längst nicht alle.

Der Andrang vor dem Wohnungslosenzentrum der Diakonie in Eimsbüttel ist am Mittwochmorgen groß. Rund 180 obdachlose Männer stehen in einer langen Schlange vor dem Gebäude an der Bundesstraße und warten darauf, dass die Mitarbeitenden um 10 Uhr die Türen öffnen. Sie vergeben heute den größten Teil der insgesamt knapp 90 Wohncontainerplätze für Obdachlose, die auf dem Gelände verschiedener Kirchengemeinden Hamburgs stehen. Auch Plätze für Paare und Frauen gibt es.

Die Container werden von der Stadt finanziert, aber von Ehrenamtlichen betreut. Dort können Obdachlose den ganzen Winter in einem abschließbaren Zimmer verbringen. Anders als in den Großunterkünften des Winternotprogramms müssen sie das auch tagsüber nicht verlassen. Weil die Nachfrage das Angebot immer bei weitem übersteigt, vergeben die Mitarbeitenden die Plätze seit Jahren nach dem Losverfahren.

Kein Platz für Michal und Miroslaw

Michal und Miroslaw verlassen die Tagesaufenthaltsstätte um kurz nach 10 Uhr wieder und schütteln den Kopf. Sie gehören zu denen, die kein Glück hatten. „Keine Ahnung, wie der Winter wird“, sagt Michal resigniert. Momentan verbringen sie ihre Nächte im Schlafsack auf einem überdachten Schulhof. Am Sonntag wollen sie versuchen, einen Schlafplatz in der Friesenstraße in Hammerbrook zu bekommen.

Leben neben einer Großunterkunft
Vom Winternotprogramm überfordert
Ab November will die Stadt in einem ehemaligen Hotel in Billbrook wieder bis zu 300 Obdachlose unterbringen. In der Nachbarschaft regt sich Unmut gegen die Großunterkunft. Das will die Behörde „sehr ernst“ nehmen.

Dort wird sich dann voraussichtlich die nächste lange Schlange bilden, wenn um 17 Uhr die größte Winternotunterkunft der Stadt öffnet. Bis zu 400 Menschen finden dort zumindest nachts Schutz vor der Kälte. Eine zweite Unterkunft, ein ehemaliges Hotel mit 300 Plätzen, betreibt die Stadt in Billbrook. Beide Einrichtungen müssen die Obdachlosen jeden Morgen um 9.30 Uhr verlassen und dürfen erst um 17 Uhr wiederkommen.

Kein anonymer Erfrierungsschutz mehr

Neu ist in diesem Winter: Die Übernachtung in den Großunterkünften wird nicht mehr anonym möglich sein. Spätestens nach der dritten Übernachtung soll eine verpflichtende Beratung stattfinden, so die Sozialbehörde: „Die Sozialberatung wird künftig noch stärker mit einer Identitätsprüfung zur leistungsrechtlichen Überprüfung verbunden.“ Obdachlose ohne Sozialleistungsansprüche sollen dadurch auch zur „freiwilligen Rückkehr“ ins Herkunftsland bewegt werden.

Hinz&Kunzt-Geschäftsführer Jörn Sturm blickt mit Sorge auf die Verschärfungen: „Wir befürchten, dass die neuen Regeln noch mehr Menschen davon abhalten werden, das Winternotprogramm aufzusuchen.“ Kritik kommt auch von der Hamburger Diakonie. Statt neue Zugangshürden zu schaffen, müssten die Angebote besser an die Bedürfnisse der Menschen angepasst werden, sagt Wohnungslosenexpertin Stefanie Koch: „Das Recht auf körperliche Unversehrtheit besteht unabhängig von der Bereitschaft, Sozialdaten offenzulegen oder eine Beratung in Anspruch zu nehmen.“

Protestkundgebung

Am Sonntag, den 1. November ab 15 Uhr findet auf dem Heidi-Kabel-Platz eine Kundgebung zum Start des Winternotprogramms statt. Die Organisator:innen kritisieren die neue Regelung als diskriminierend und fordern einen bedingungslosen Erfrierungsschutz. 

Der Wohlfahrtsverband fordert zudem eine ganztägige Öffnung der Unterkünfte, mehr Pflegepersonal, barrierefreie Zugänge, spezielle Schutzräume für Frauen und dezentrale Standorte. Kleinere Einrichtungen könnten Menschen auffangen, die mit Großunterkünften überfordert sind.

Wie tödlich das Leben auf der Straße ist – und wie wichtig bessere Angebote und sichere Rückzugsorte für die knapp 4000 Hamburger Obdachlosen wären, hat sich gerade erst wieder gezeigt. Mindestens 19 Menschen sind bis Ende September auf Hamburgs Straßen gestorben. Wie verzweifelt manche von ihnen Schutz suchen, zeigt ein tragischer Fall von Anfang Oktober: Mitarbeitende einer Recyclingfirma hatten einen 37-Jährigen tot aufgefunden. Bei der Leerung einer Altpapiertonne ist er vermutlich samt der Pappe in den Müllwagen gefallen und in der Müllpresse umgekommen.

Artikel aus der Ausgabe:
Ausgabe 405

Ein Leben für den Tierschutz

Wie Malte Zierden Tiere aus der Ukraine rettet und wie die „Tiertafel“ armen Menschen hilft, ihre Tiere behalten zu können. Außerdem: Hamburg schiebt immer mehr Obdachlose ab.

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Autor:in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Seit 2021 Redakteur und stellv. CvD. Vorher Volontariat bei Hinz&Kunzt und Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig.

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