Hinz&Künztlerin Nicole : „Ich hab’ alles dagelassen und bin gegangen“

Für Nicole ist Hinz&Kunzt zu einem wichtigen Treffpunkt geworden. Foto: Mauricio Bustamante

Nicole verkauft in der Europapassage. Mit 18 ist sie von zu Hause weggegangen, bei Hinz&Kunzt, sagt sie, habe sie viele Freund:innen gefunden.

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Sie könne sich gar nicht vorstellen, dass es über sie so viel zu berichten gibt, sagt Nicole. Wobei, das gibt sie zu, in diesen Tagen passiert doch recht viel: Auf eine neue Wohnung hofft sie, und ein bisschen auch auf einen anderen Verkaufsplatz, abseits der Innenstadt, wo sie gerade steht: Weil die Menschen dort oft nur sporadisch vorbeikommen, viele sind Tourist:innen. Nicole würde aber gern mehr Stammkund:innen gewinnen. Hinz&Kunzt, das ist für sie der Mittelpunkt im Leben geworden.

Nicole ist 44 Jahre alt, an diesem Sommernachmittag trägt sie eine rote Bluse, zarte Ohrringe, die Haare kurz. Läuft jemand vorbei, den sie kennt, fragt sie laut: „Wie geht’s dir? Was machst du?“ Die Dinge, von denen man denkt, dass sie ihr Leben bestimmt geprägt haben müssen, die erwähnt sie nur nebenbei, in Nebensätzen, man könnte sie beinahe überhören. Nur sind das eben Sätze wie, dass ein ehemaliger Freund sie im Dezember „beinahe umgebracht“ hätte, sie im Krankenwagen wiederbelebt wurde. Oder dass sie mit 18 von zu Hause weggegangen ist, von ihrer alkoholkranken Mutter.

„Früher hab ich gar keine Freunde in der Stadt gehabt, bei Hinz&Kunzt hab’ ich viele gefunden“

Wie war das damals, will sie das erzählen? Na ja, am Wochenende sollte sie oft morgens schon zum Kiosk laufen, Alkohol für die Mutter kaufen. Manchmal wurde sie geschlagen. Eines Tages lief sie dann einfach weg, bis heute hat sie keinen Kontakt zu ihrer Mutter. Will sie auch nicht: „Ich hab’ alles dagelassen und bin gegangen, erst zu Freunden und dann immer weiter, bis ich hier nach Hamburg kam.“ Drei Jahre lebte sie in Hamburg auf der Straße, in den kalten Monaten im Winternotprogramm, einen Winter in einem Container, ansonsten hat sie draußen Platte gemacht. „Irgendwann bekam ich dann eine Wohnung in einem alten Hotel, mit Dringlichkeitsschein“, sagt sie.

Und die Sache mit dem Krankenwagen, möchte sie die erzählen? Ja, das war an einem Abend im Winter, sie saßen gemeinsam auf der Couch, da habe er sie angegriffen. Nun sitze der Mann in U-Haft. Sie verklagt ihn gerade. Ob es nicht doch viel zu erzählen gibt, ob das nicht doch eine ganze Menge war, die ihr da in ihrem bisherigen Leben widerfahren ist? „Ich bin ja jetzt zufrieden hier“, sagt Nicole. Und: „Früher hab ich gar keine Freunde in der Stadt gehabt, bei Hinz&Kunzt hab’ ich viele gefunden.“

Nur etwas mehr Ruhe hätte sie gern, das schon: nicht mehr in dem alten Hotelzimmer wohnen, mit den dünnen Wänden, in denen sie den ganzen Tag die Party hört von nebenan und sich Leute gegenseitig Drogen verkaufen, früh am Morgen. Am liebsten hätte sie eine Wohnung in der Nähe ihres Freundes Reiner, der auch bei Hinz&Kunzt arbeitet. Der war es übrigens auch, der ihr riet, doch wieder Magazine zu verkaufen. Weil er meinte, das sei doch besser, als den ganzen Tag allein zu Hause zu sein, sagt sie. Und? „Da hat er recht gehabt.“

Artikel aus der Ausgabe:

wild wilder Wald

Warum Wälder in der Stadt unverzichtbar sind, wo man trotzdem noch Wohnungen bauen kann und wieso der Sachsenwald zwielichtige Gestalten anzieht. Außerdem: Armutsbetroffene protestieren und Bildungsforscher Aladin El Mafaalani erklärt, was Armut mit Kindern macht.

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Autor:in
Anna-Elisa Jakob
Anna-Elisa Jakob
Ist 1997 geboren, hat Politikwissenschaften in München studiert und ist für den Master in Internationaler Kriminologie nach Hamburg gezogen. Schreibt für Hinz&Kunzt seit 2021.

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