Ende des Winternotprogramms

„Man wird einfach rausgeschmissen“

Arno weiß nicht, wo er nach dem Ende des Winternotprogramms die Nacht verbringen wird. Für den Notfall hat er Zelt, Isomatte und Schlafsack dabei. Foto: LG

Am Mittwoch ist das Hamburger Winternotprogramm für Obdachlose zu Ende gegangen. Hinz&Kunzt hat sich am Morgen vor der größten Notunterkunft umgehört.

Zwar hat die Notschlafstelle in der Friesenstraße – mit 400 Plätzen die größte im städtischen Winternotprogramm für Obdachlose – auch in den vergangenen Monaten in der Regel morgens um 9.30 Uhr geschlossen. Nun öffnen die Türen für die meisten aber nicht wieder um 17.30 Uhr, sondern erst im November. 273 Obdachlose, die das Angebot in der Friesenstraße zuletzt genutzt haben, stehen mit ihrem Hab und Gut auf der Straße und müssen sich ab heute einen neuen Schlafplatz suchen. Nur besonders kranke Menschen dürfen auch in den kommenden Monaten in der Friesenstraße übernachten.

„Ich werde irgendwo ein Zelt aufbauen“, teilt Marek per Übersetzungs-App mit. Foto: LG

Einer derjenigen, die sich einen neuen Schlafplatz suchen müssen, ist Marek. Neben dem 60-Jährigen stapelt sich sein Gepäck. Mehrere Reisetaschen mit aufgeschnallten Jacken haben er und seine Freunde schon aus der Notübernachtungsstätte auf die andere Straßenseite getragen. „Seit eineinhalb Monaten schlafe ich in der Friesenstraße. Heute muss ich raus“, sagt der Pole resigniert, während er an einem Zigarillo zieht. Nun werde er die Nächte mit seinen beiden Freunden auf der Straße verbringen. „Ich werde irgendwo ein Zelt aufbauen, weil ich eins habe, und dort werde ich schlafen“, teilt er per Übersetzungs-App mit.

Auf der Straße sammelt sich das Gepäck von Marek und seinen Freunden. Foto: LG

Der Eritreer Simon, 35 Jahre alt und seit zehn Jahren in Deutschland, hat hingegen nur schmales Gepäck dabei. Er habe erst kürzlich seine Wohnung verloren und die vergangene Woche in der Friesenstraße verbracht, erzählt er. Heute wolle er sein Glück in der Notschlafstelle Pik As in der Neustadt probieren. Janis, 38, weiß noch nicht, wo es ihn heute hin verschlägt. „Ich habe hier in einem Zimmer mit drei anderen Obdachlosen geschlafen. Sehr gute Männer sind das gewesen. Jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll“, sagt der junge Mann: „Heute werde ich wahrscheinlich auf der Straße schlafen.“

„Ich weiß nicht was ich tun soll. Heute werde ich wahrscheinlich auf der Straße schlafen“, sagt Janis. Foto: LG

Auch Arno könnte eine Nacht auf der Straße bevorstehen. „Man wird einfach rausgeschmissen. Anders kann man es nicht sagen“, sagt der 50-jährige Lüneburger, der gerade auf dem Weg zu einer Tagesaufenthaltsstätte ist, wo er einen Teil seines Gepäcks wegschließen will. „Ich habe seit Mitte Dezember in der Friesenstraße geschlafen. Als es so richtig kalt wurde, hat mich ein Bekannter überredet, es mal hier zu versuchen.“ Wie es jetzt für ihn weitergeht? „Keine Ahnung. Für den Notfall habe ich alles dabei“, sagt Arno und zeigt auf die Isomatte, die an seinem Rucksack baumelt, und den Schlafsack, den er auf einen Rollkoffer geschnallt hat. Auch ein Zelt hat er dabei. Bevor er das aufschlägt, will er heute Abend aber wie Simon versuchen, in der Notübernachtungsstätte Pik As unterzukommen. Angesichts all der Obdachlosen, die das Winternotprogramm verlassen müssen, ist er aber skeptisch, dass er dort ein Zimmer findet. 330 Plätze gibt es im gerade wiedereröffneten Pik As. Demgegenüber stehen fast 4000 Menschen, die obdachlos in Hamburg leben. 

Artikel aus der Ausgabe:
Ausgabe 398

Schätze aus der Mülltonne

Müll als Chance: Mit einem Pfandsammler durch Hamburg und zu Besuch in einem Second-Hand-Baumarkt. Außerdem: ein Camp gegen Obdachlosigkeit und Bodo Wartke im Interview über mehr als seinen Tiktok-Hit.

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Autor:in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Seit 2021 Redakteur und stellv. CvD. Vorher Volontariat bei Hinz&Kunzt und Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig.

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