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Neue Verkäuferregeln bei Hinz&Kunzt

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 204/Februar 2010

Bislang galt: Wer von Hinz&Kunzt einen Verkäuferausweis haben möchte, muss zu dem Zeitpunkt obdach- oder wohnungslos sein. Wer es schafft, eine Wohnung zu finden, darf Hinz&Kunzt-Verkäufer bleiben. Aber die Gesellschaft hat sich verändert: Nicht nur Obdachlose leiden unter bitterer Armut. Darauf haben wir reagiert. Jetzt können auch arme und einsame Menschen, die ein Zuhause haben, Hinz&Kunzt-Verkäufer werden.

(aus Hinz&Kunzt 204/Februar 2010)

Vor 16 Jahren startete Hinz&Kunzt als Projekt ausschließlich für Obdach- und Wohnungslose. „Denn damals waren in erster Linie Obdachlose so arm, dass sie um ihr Über­le­ben kämpfen mussten“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer.
Doch die Not hat sich seitdem verändert. „Immer öfter haben in den vergangenen Jahren Menschen nach einem Verkäuferausweis gefragt, denen wir keinen geben konnten, weil sie nicht obdachlos waren“, sagt Stephan Karrenbauer. Denn es sind nicht mehr nur Menschen ohne Wohnung bitterarm. Das wissen auch die Mitarbeiter anderer Hamburger Hilfeeinrichtungen: Tagesaufenthaltsstätten, Essensausgabestellen und Kleiderkammern werden von immer mehr Menschen dringend benötigt. Familien mit Kindern können sich keine drei Mahlzeiten am Tag leisten. Geringverdiener sammeln Pfandflaschen. Rentner stehen am Straßenrand und halten die Hand bittend auf. Auch diese Menschen können künftig das Hamburger Straßenmagazin verkaufen. Das haben Hinz&Kunzt-Geschäftsführung, Vertrieb, Redaktion und Herausgeberin von Hinz&Kunzt nach vielen Dis­kussionen und Rücksprachen mit Bei­rat und Gesellschaftern entschieden. Hinz&Kunzt ist die letzte der 37 deutschen Straßenzeitungen gewesen, die noch ausschließlich wohnungslose und ehemals wohnungslose Verkäufer hatte.
01HK204_Titel_05.inddEiner unser ersten Neuen ist Herr Müller. Er hat jahrelang gebettelt, um über die Runden zu kommen. Der Rentner spricht ungern darüber. Es hat nie aufgehört, ihn zu beschämen, fremde Menschen um Geld zu bitten. Sein Leben lang hat er rangeklotzt, im Kohletagebau, auf Baustellen, als Packer. Als ungelernter Spätheimkehrer aus dem ehemaligen Jugoslawien hatte er nie die Chance, Reichtümer anzuhäufen, aber „es hat immer irgendwie gereicht“ – bis ins Rentenalter. Er soll von knapp 750 Euro leben, die Miete bezahlen und den Strom, die Rundfunkgebühren, das Telefon und seine HVV-Jahresfahrkarte. Schnell merkt Herr Müller: Die Rente reicht zum Leben nicht. Und da sah er keine andere Lösung, als auf einer Einkaufsstraße im Hamburger Westen die Hand aufzuhalten.

Herr Müller gehört jetzt zu den Hinz&Künztlern.

Die Zeit des Bettelns ist für den 77-Jährigen vorbei. Fast jeden Tag kommt er in den Vertrieb in der Altstädter Twiete und holt sich Nachschub. Nicht zu viel auf einmal. Papier ist schwer. Ein bis zwei Stunden kann er stehen und das Magazin anbieten, dann muss er sich hinsetzen, ein wenig ausruhen. Aber der Verkauf macht ihm Freude: „Ich mache das gerne. Ist besser als Betteln.“ Es fühlt sich gut an, etwas in der Hand zu haben, nicht bloß die leere aufzuhalten.
Viele Rentner und Hilfeempfänger leben permanent am finanziellen Limit. Und: Oft sind sie einsam und haben nur wenig soziale Kontakte. Auch da kann Hinz&Kunzt helfen. Das Straßenmagazin zu verkaufen, bringt mehr als ein paar Euro: „Unsere Verkäufer werden von den Hamburgern als Menschen geschätzt, die ihr Schicksal in die Hand nehmen, sie werden respektiert und kriegen Zuspruch“, sagt Stephan Karrenbauer. Das erleichtert das schwierige Leben in Armut ein wenig – und das ist für Neu-Hinz&Künztlerin Carola Deffaa mindestens genauso wichtig wie der Zuverdienst. Die gelernte Altenpflegerin kann seit Jahren ihren Beruf nicht regelmäßig ausüben. Sie ist psychisch krank, fürchtet sich vor größeren Gruppen von Menschen und setzt sich selbst stark unter Druck, wenn sie das Gefühl hat, jemand erwarte etwas von ihr. Die 51-Jährige schafft einen regulären Job nicht. Aber sie möchte unbedingt eine Arbeit haben, eine Aufgabe: „Immer zu Hause sitzen, da werde ich depressiv, da bin ich ja auch meistens allein.“ Und dann kreisen die Gedanken um ihre Krankheit, dass nie genug Geld da ist, dass sie arbeiten will, aber nicht kann, und was früher passiert ist, dass sie krank gemacht hat.
Jetzt verkauft Carola Deffaa das Straßenmagazin, anstatt zu grübeln. Sie kann sich ihre Zeit frei einteilen. Niemand kontrolliert ihre Anwesenheit oder ihre Leistung. „Gerade geht es mir wirklich gut.“ 133 Zeitungen darf sie verkaufen, ohne dass ihr die Hilfe gekürzt wird – das gilt für sie wie für alle Hartz-IV-Empfänger. Geschenke darf sie natürlich immer annehmen. Wie die Thermo-Einlegesohlen, die ihr eine besorgte Frau mitbrachte. Oder die selbst gemachten Pralinen einer anderen Kundin. „Am Anfang war mir die ganze Auf­merk­samkeit ziemlich peinlich“, sagt Carola Deffaa. „Aber mittlerweile bin ich einfach nur froh, dass ich dazugehören darf.“

Text: Beatrice Blank

Foto: Mauricio Bustamante

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