Meine Eltern: Ohne Wohnung

Besuch bei zwei Familien, in den Mutter oder Vater zeitweise obdachlos waren

(aus Hinz&Kunzt 142/Dezember 2004)

Ein halbes Jahr lang lebten Jennifer und Jacquelin bei ihrer Tante. Was sie nicht wussten: Ihre Mutter war in der Zeit obdachlos.

Erinnerungen am Küchentisch. Es war doch alles so gut eingefädelt, damals, 1994. Annemarie, Kran-kenschwester und allein erziehende Mutter, wollte raus aus der Sozialhilfe. Sie hatte eine berufs-begleitende Umschulung zur Erzieherin in Aussicht. Aber das bedeutete unregelmäßige Dienste, auch über Nacht.

Jennifer und Jacquelin, damals neun und sechs Jahre, sollten deshalb zur Tante nach Lurup ziehen. Das Jugendamt nickte, die Umschulung begann. Doch dann kündigte die SAGA Annemarie die Wohnung. Begründung: Ohne Kinder seien drei Zimmer zu viel.

„In dem Moment“, erzählt Annemarie, „sind bei mir die Sicherungen durchgebrannt“. Obwohl die SAGA ihr eine kleinere Wohnung anbietet, packt sie in einer Mischung aus Wut und Mut ihre Sachen: „Dann schlaf’ ich eben draußen“. Isomatte und Schlafsack rollt sie im Hammer Park aus. An freien Tagen besucht sie ihre Töchter. Aber weil die Verwandten nichts erfahren sollten, verheimlicht sie auch vor Jennifer und Jacquelin, dass sie die Wohnung nicht mehr hat. Ein halbes Jahr funktioniert das. Doch inzwischen liegen die Töchter mit der Tante und den Kusinen über Kreuz. „Am Ende haben wir nichts mehr gegessen und nicht mehr geredet“, erzählt Jennifer. An einem Vormittag bekommt Annemarie bei der Arbeit einen Anruf. Ihre Schwester sagt: „Hol sofort die Mädchen ab.“

Mit Kindern auf Platte? Ausgeschlossen. Annemarie rotiert. Innerhalb weniger Minuten kündigt sie ihren Job, holt die Mädchen, geht zum Sozialamt, trifft auf eine hoch engagierte Mitarbeiterin – und bekommt noch am selben Abend ein erbärmliches Hotelzimmer in Wandsbek zugewiesen. Weil Kakerlaken aus einem Loch in der Wand Richtung Kühlschrank krabbeln, wollen beide Mädchen im Doppelstockbett oben schlafen.

Was haben die Kinder damals gedacht? Jennifer: „Ich erinnere mich an den Tag gar nicht.“ Jacquelin: „Ich weiß nur, wie die Tante unsere Sachen in einen blauen Sack gepackt hat. Und dann die Kakerlaken.“ Beide sind sich einig: Es war gut, wieder bei der Mutter zu sein. Das war stärker als Fragen nach dem Wie und Warum.

Zwei Wochen später zieht die Familie in eine neue Obdachlosen-Unterkunft. Zweieinhalb Jahre leben sie dort, in zwei Zimmern. Dann bekommt Annemarie Gelegenheit, beim Mitternachtsbus mitzuarbeiten, der seit 1996 Obdachlose in der Innenstadt versorgt. Seit 1997 hat sie mit ihren Töchtern wieder eine eigene Wohnung. Beim Hamburger Fürsorgeverein verdient die 40-Jährige ein paar Euro zum Arbeitslosengeld hinzu. Jennifer und Jacquelin gehen beide zur Schule.

„Bis heute begleitet mich ein Schuldgefühl, dass ich meinen Kindern damals dieses Leben zugemutet habe“, sagt Annemarie. Musst du nicht haben, sagen ihre Töchter dann. Wie hätten sie selbst gehandelt? „Ich hätte die Leute bei der SAGA angeschnauzt, aber dann die kleine Wohnung genommen“, meint Jacquelin. „Das finde ich aber auch“, sagt Jennifer mit einem Seitenblick zur Mutter. Könnten sie ein halbes Jahr draußen leben? „Nein, ich friere ja im Winter schon unter meiner dicken Bettdecke. Deshalb bin ich stolz auf meine Mama“, meint Jacquelin. Und Jennifer ergänzt: „Das war schon super, wie sie das hinbekommen hat.“

Marco war in einer Pflegefamilie, während seine Mutter zeitweise ohne eigene Wohnung in Hamburg lebte. Über Hinz & Kunzt lernte sie ihren Mann kennen. Zusammen holten sie Marco nach Hause.[/K]

Eine Parterre-Wohnung in Harburg. Drei Zimmer, gut 50 Quadratmeter. Im Wohnzimmer eine geschenkte Couch-Garnitur aus schwarzem Leder. An der Wand ein strömender Wasserfall – ein Bilderkasten mit Beleuchtung und Bewegungs-effekt. Am Fenster zur Straße Kunstblumen-sträuße. Der zwölfjährige Marco sitzt auf Papas Schoß. Papa, das ist Olaf (43), Hinz & Kunzt-Verkäufer vor Ikea in Schnelsen und sonntags am Michel. Marco legt die Arme um seinen Hals, spielt mit seinen Händen. Innig und selbstverständlich. Dabei kennen sich die beiden noch gar nicht so lange, denn Olaf ist Marcos Stiefvater. Auf dem Sessel daneben sitzt Steffi, die Mutter. Die 44-Jährige mit dem schmalen Gesicht hat ebenfalls einen Hinz & Kunzt-Verkäuferausweis. Marco streckt den Arm aus, berührt sie, sodass alle drei miteinander verbunden sind.

Eine Familie. Als wäre es nie anders gewesen. War es aber. Olaf und Steffi haben jeweils 1989 die DDR verlassen (da kannten sie sich noch nicht) und fanden sich im Westen zeitweise auf der Straße wieder. Olaf, der zunächst als Kellner jobbte, vermisste bald den Zusammen-halt von Familie und Kollegen. „Mein bester Freund“, sagt er, „wurde der Spielautomat.“ Die Schulden trägt er heute noch ab. Ohne Wohnung kommt er Mitte der 90er-Jahre nach Hamburg, fängt bei Hinz & Kunzt an.

Steffi rutscht Ende der 90er-Jahre ab. Mit Marco und ihrem Partner ist sie von Hamburg nach Süddeutschland gezogen. Die Beziehung geht zu Bruch. Der neue Lebensgefährte trinkt. Mitarbeiter des Jugendamtes kommen vorbei und stellen fest, dass Marco in der Zwei-Zimmer-Wohnung keinen eigenen Platz hat und schmutzige Kleidung trägt. „Dabei waren wir doch gerade beim Umräumen“, sagt seine Mutter. Marco versteckt sich und schreit, als er entdeckt wird. Steffis Lebensgefährte wirft in seiner Erregung einen Stein gegen das Behördenfahrzeug. Zwei Tage später holt die Polizei Marco ab. Er kommt in eine Pflegefamilie. Alle drei Monate besucht ihn seine Mutter, die inzwischen nach Hamburg zurückgekehrt ist, dort einige Monate auf der Straße lebt, später in einer Unterkunft. Sie fährt mit dem Nachtzug hin, verbringt den Sonnabend mit ihrem Jungen, fährt abends wieder zurück. Eine Strapaze sondergleichen. Marco weint beim Abschied. Über den Hinz & Kunzt-Verkauf lernt Steffi Olaf kennen. Die beiden finden eine Wohnung, heiraten – und wollen Marco zurückholen. Zwei Jahre lang schreiben sie an Jugendamt und Gericht, schalten sogar einen Anwalt ein. „Seit dem 13. April 2003 ist Marco wieder zu Hause“, sagt Olaf. Er hat sich das Datum gemerkt, wie man sich einen Geburtstag merkt. Und es ist ja auch einer.

„Seit Marco bei uns lebt, hat er sich super gemacht“, sagt Olaf. Er geht jetzt auf eine Förderschule, er kann lesen, schreiben und rechnen – da gab es vorher Probleme. Seit neuestem spielt er Fußball im Verein. Sonnabends besucht er Olaf am Verkaufsplatz in Schnelsen, den Weg legt er mit Bahn und Bus allein zurück.

Und Weihnachten? „Da hat mein Papa keine Zeit“, sagt Marco und kuschelt sich schon mal auf Vorrat an. Denn Heiligabend verkauft Olaf nicht nur in Schnelsen Hinz & Kunzt, sondern auch vor dem Michel. Das wird eine 16-Stunden-Schicht. „Weihnachten fällt seit vier Jahren aus“, sagt Olaf, als müsse er sich fürs Geldverdienen entschuldigen. „Aber mit den Einnahmen können wir ein großes Loch stopfen.“ Auf die Erfüllung eines großen Wunsches wird Marco allerdings noch warten müssen: Ein gebrauchter Computer ist nicht drin.

Detlev Brockes

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