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Freiheit, Gleichheit, Obdachlosigkeit

5. Januar 2011 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 213/November 2010

Paris 2006: Augustin Legrand und Hunderte Obdachlose protestieren gegen das Leid von Menschen, die auf der Straße leben. Beim Filmfestival „über Mut“ läuft jetzt in
Hamburg ein Film, der ihren Protest dokumentiert. Hanning Voigts hat mit Augustin Legrand telefoniert und ihn gefragt, wie die Situation heute aussieht.

(aus Hinz&Kunzt 213/November 2010)
Es ist vier Jahre her, dass Augustin Legrand plötzlich in allen französischen Medien auftauchte. Kurz vor Weihnachten 2006, mitten im Präsidentschaftswahlkampf, gründete der heute 35-jährige Schauspieler mit seinen Brüdern Jean-Baptiste und Joseph die Organisation „Die Kinder von Don Quijote“ und baute am Kanal Saint-Martin in Paris rote Zelte auf. Hunderte Obdachlose kamen, zogen in die Zelte und schlossen sich der Aktion an. Plötzlich war ihre Not Gesprächsthema Nummer eins. Präsident Jacques Chirac sah sich gezwungen, die Einrichtung eines Rechts auf Wohnraum zu fordern, sein Nachfolger Nicolas Sarkozy legte das Wahlversprechen ab, innerhalb von zwei Jahren die Obdachlosigkeit in Frankreich zu beenden. Im März 2007 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das ein einklagbares Recht auf Wohnung schuf. Dennoch hat sich seitdem wenig getan. Seit Herbst 2008 erinnert Legrand deshalb mit dem Dokumentarfilm „Die Kinder von Don Quijote“ an die Versprechen der Politik. Als Regionalpolitiker für das Bündnis „Europe Écologie“ setzt er sich zudem für den sozialen Wohnungsbau in der Region Île-de-France ein.
Hinz&Kunzt: Monsieur Legrand, wie ist die Lage der französischen Obdachlosen?
Augustin Legrand: Sie ist besser als im Sommer. Im Sommer gibt es immer mehr Tote, weil sich die Obdachlosen nicht vor der Hitze schützen können. Insgesamt ist die Situation aber schlimm, weil an den Ausgaben für Unterkünfte und sozialen Wohnungsbau gespart wird.

H&K: Was hat das für Folgen?
Legrand: Wir haben in Frankreich eine doppelte Krise: Die Folgen der Wirtschaftskrise, die sich massiv auf den Arbeitsmarkt auswirkt, werden durch die Wohnungskrise verschärft. Auf der einen Seite steigen die Mieten, auf der anderen Seite verlieren die Leute ihre Jobs. Deshalb haben wir gerade sehr viel mehr Menschen auf der Straße. Schätzungen besagen, dass zwischen 100.000 und 400.000 Menschen draußen schlafen müssen.

H&K: Hat das einklagbare Recht auf Wohnung die Situation verändert?
Legrand: Da beim sozialen Wohnungsbau gespart wird, hat es leider überhaupt nichts geändert. Es sind ja nicht die Richter, die Wohnungen bauen müssen. In Frankreich fehlen eine Million Wohnungen! Dazu kommt, dass zu wenig über dieses neue Recht gesprochen wird und die Leute es im Grunde nicht nutzen. Es wird keine Werbung dafür gemacht, es gibt keine Sozialarbeiter, die dich zu den Behörden begleiten, wenn du einen Antrag stellen willst.

H&K: Würde mehr Hilfe bei den Anträgen denn etwas bringen?
Legrand: Eher wenig. Wenn du keine Wohnung hast, würde dir jeder Sozialarbeiter sagen: „Wir können gerne diese zwölf Sei­ten ausfüllen, wir können sie der Prä­fek­tur geben, aber die hat dann erst mal sechs Monate Zeit.“ Nach sechs Monaten sagt dir die Präfektur – das ist in Frank­reich die zuständige regionale Verwaltung – du bist ein Notfall, dann hat sie wieder sechs Monate Zeit, dich unterzubringen. Erst danach kannst du vor Gericht gehen. Und wenn du Glück hast, muss die Präfektur am Ende eine Strafe an den Staat zahlen. Nicht an den, der auf der Straße sitzt, sondern an den Staat!

H&K:
Nützt das einklagbare Recht auf Wohnraum dann überhaupt etwas?
Legrand: Ja, denn selbst wenn die Regierung im Moment keine Wohnungen baut, hat sie jetzt ein Damoklesschwert über ihrem Kopf. Was immer auch passiert, sie ist eigentlich verpflichtet zu bauen. Diese Verpflichtung des Staates ist trotz allem historisch. Das Recht auf Wohnung wird in der Zukunft das Blatt wenden, das ist sicher. Aber es ist leider nicht die Revolution.

H&K: Und was machen die „Kinder von Don Quijote“?
Legrand: Ach wissen Sie, wir sind eine ganz kleine Organisation, es gibt in etwa zehn Städten jeweils zwei bis drei Aktive. Wir führen Gespräche, manchmal bauen wir unsere Zelte auf. Berichterstattung in den Medien findet nur selten statt, außer im Winter, wenn es kalt ist. Wir haben eben wirklich idiotische Massenmedien.

H&K:
Hat sich Ihr Engagement denn im Rückblick gelohnt?
Legrand: Ich glaube schon, dass es ein Sieg gegen die Ignoranz war. Für die Würde der Obdachlosen war das wichtig. In der öffentlichen Meinung hat sich etwas bewegt: Vorher war das Bild vom Obdachlosen bei den Leuten immer das eines dreckigen, betrunkenen Menschen. Die Obdachlosen, die arbeiten, die sauber sind und sich anstrengen, die hat man nicht beachtet, weil man die nicht sah in den Medien.

H&K: Erwarten Sie denn, dass sich nach den Präsidentschaftswahlen 2012 etwas ändern wird?
Legrand: Absolut. Wenn die Linke die Wahl gewinnt, bin ich davon überzeugt, dass etwas passiert. Die Linke muss jetzt für 2012 ein starkes Programm vorschlagen. Die Sozialisten müssen endlich aufwachen.

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