Alte Damen, junge Helden

Vier Hinz&Künztler präsentieren ihre Lieblingskunden

(aus Hinz&Kunzt 150/August 2005)

Mein Lieblingskunde: der efljährige Iman. Für mich ist er ein richtiger Held! Dieser kleine Junge zeigt uns, was es heißt, Grenzen zu überschreiten. Als ich den Verkaufsplatz U-Bahn Eppendorfer Baum neu übernahm, kam er auf mich zu und gab mir sein Wechselgeld vom Fahrkartenkauf aus dem Automaten. Das erste Mal war ich so überrascht, dass ich gar nichts sagen konnte, auch noch nicht am nächsten Tag. Am dritten Tag fragte ich ihn: „Willst du das Geld nicht lieber für Bonbons sparen?“ Er sagte: „Nein, du brauchst das Geld dringender als ich!“ In diesem Moment musste ich schlucken. Für mich sind diese Cents mehr wert als jede verkaufte Zeitung.


Gerhard (45) trifft man an der U-Bahn Eppendorfer Baum.

Am liebsten mag ich Kunden mit schnellem, schlagfertigen Humor. Zum Beispiel die drei Damen, die vor ein paar Wochen an meinem Verkaufsplatz am U-Bahnhof Hudtwalcker Straße vorbeikamen. Sie waren im Theater gewesen, wollten noch was unternehmen, und ich empfahl ihnen, statt drei Tageskarten eine Gruppentageskarte zu kaufen. Ich konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen: „Mit dem Ticket können Sie unterwegs noch zwei Männer kennen lernen und zum U-Bahn-Fahren einladen.“ Daraufhin antwortete eine der drei in tiefstem Hamburger Platt: „Tja, junger Mann, wann haste denn Feierabend?“

Eine andere Situation: Ich helfe einer jungen Frau, ihren Kinderwagen die Treppe hochzutragen. Oben angekommen, wollte ich fragen: „Mädchen oder Junge“, frage aber: „Was ist es denn nun geworden?“ Antwort: „Ein Baby“.

Oder zwei Studentinnen auf dem Weg zum Planetarium, die noch eine Kleinigkeit essen wollten. Pizza – Döner – Bratwurst? Ich hörte die eine sagen: „Ich würd auch ’nen Hamburger nehmen.“ Mit den Worten: „Ich bin einer!“, trat ich ihr in den Weg. Die beiden versprachen, später wiederzukommen. Aber sie hatten gelogen. Sie kamen nicht. Ich hatte auch gelogen. Ich bin kein Hamburger.

Ich mag auch den Immobilienmakler, der sein Büro in der Nähe meines Verkaufsplatzes hat. Er fragte mich eines Tages, ob ich sauer auf ihn bin, weil er so unregelmäßig bei mir Zeitungen kauft. Ich erklärte ihm, deswegen richtig stinkwütend zu sein und regelmäßig Häuser und Grundstücke bei seinen Konkurrenten zu kaufen. Ergebnis: Jedes Mal beim Neuerscheinen der Zeitung darf ich ihm ein bis zwei Exemplare ins Büro liefern. Hab’ mir trotzdem noch kein Haus bei ihm gekauft.


Martin (46) verkauft an der U-Bahn Hudtwalckerstraße.

Einen Lieblingskunden habe ich nicht, aber viele liebe Kunden. Zum Beispiel den Studenten, der mich nackt in der Sauna nach der DVD fragt, die ich in der Juni-Ausgabe als Kulturtipp empfohlen hatte. Klar kann ich sie ihm geben – nur anziehen würde ich mich vorher gerne. Oder die ältere Dame, die mir jedes Jahr zu Weihnachten Kekse backt. Oder die Frau, auf deren Hund ich aufpasse. Sie gibt mir dafür mehr Geld als für die Zeitung. Und vom Hund bekomme ich einen feuchten Schleck. Alle sind auf ihre Art lieb.

Torsten (41) steht in Eimsbüttel an der U-Bahn Christuskirche.

Meine Lieblingskundin kauft schon seit neun Jahren jeden Monat bei mir. Sie fragt immer, wie der Verkauf läuft, und macht sich Sorgen, wenn ich meine Zeitungen nicht loswerde. Sie hat mir auch schon Klamotten von ihrem Mann mitgebracht. Manchmal laufen wir uns zufällig in Bergedorf über den Weg, weil ich da meine kleine Wohnung habe und sie ihren Arzt. Dann trinken wir zusammen einen Kaffee, essen Kuchen und unterhalten uns. Meistens über die Gesundheit. Da ist bei ihr auch nicht alles in Ordnung, und ich brauche wegen meiner Bandscheiben sogar einen Rollstuhl.

Vor ein paar Tagen hatte sie Geburtstag. Ich habe sie nicht gefragt, wie alt sie genau geworden ist – das macht man schließlich nicht. Aber sie ist sicher über 70. Sie nahm ihren Geburtstag zum Anlass, 300 Euro an Hinz&Kunzt zu spenden. Einfach so – das fand ich unglaublich nett. Vor allem, weil man doch zum Geburtstag eigentlich was bekommt und nichts verschenkt.

Klaus (61) verkauft auf dem Marktplatz in Glinde.

Marc-André Rüssau (Protokoll)

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