Vorkaufsrecht schützt vor Verdrängung : Stadt rettet Taverna Plaka

Gute Nachrichten: Auch in Zukunft bieten Toni Peronis (rechts) und Mitarbeiter Athanasios Nasioglou in der Taverna Plaka griechische Speisen an. Die Stadt rettete ihr Haus mit dem Vorkaufsrecht vor Investorenspekulationen. Foto: Mauricio Bustamante

In den Strudel der Gentrifizierung des Schanzenviertels wären als nächstes wohl die Taverna Plaka und das dazugehörige Wohnhaus geraten. Doch jetzt greift die Stadt ein: Sie nutzt ihr Vorkaufsrecht und bietet Bewohnern und Gewerbetreibenden eine Zukunft.

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Zwei Ouzo stellte Antonios Peronis auf den Tisch, dann überbrachte er die schlechte Nachricht: „Wir bekommen keinen neuen Vertrag. In zwei Jahren ist Schluss.“ Zwei, drei Stunden saßen wir bereits in der Taverna Plaka. Mein Stammlokal im Schanzenviertel. Alles war wie immer: karierte Tischdecken, schummeriges Licht und leise griechische Musik im Hintergrund. Grill-­Teller, dazu ein halber Liter Retsina. Am Ende ein Ouzo und ein kurzer Klönschnack mit „Toni“, dem Chef des Restaurants. Und dann so ein Satz. Was war passiert?

Toni Peronis zuckte mit den Schultern. „Der neue Eigentümer. Die wollen uns nicht mehr.“ Vor 15 Jahren war er in das Restaurant seines Vaters mit eingestiegen und hatte damit die inzwischen fast 50-jährige Tradition des Lokals fortgeführt. Aber 2013 kam ein Investor, riss sich das Haus unter den Nagel und die Probleme begannen. Nur dass der 43-Jährige keinen neuen Mietvertrag erhalten würde, damit hatte er nicht gerechnet. „Jetzt muss ich mir wohl tatsächlich Gedanken über einen neuen Job machen“, sagte der gelernte Werbetechniker und versuchte zu lächeln. Als er sein Glas hob, schwang bereits ein bisschen Wehmut mit: „Jamas. Zum Wohl.“

Stadt nutzt Vorkaufsrecht

Zum Schutz vor Verdrängung und steigenden Mieten hat die Stadt Hamburg jetzt ihr Vorkaufsrecht genutzt und vier Altbauten im Schanzenviertel und Ottensen mit insgesamt 20 Wohn- und sechs Gewerbeeinheiten gekauft. Sie wären sonst in die Hände von Investoren gelangt. Im November 2018 hatte die Stadt bereits für ein Haus in der Hein-Hoyer-Straße auf St. Pauli ihr Vorkaufsrecht ausgeübt. „Trotz intensiver Verhandlungen“ sei es nicht gelungen, mit den potentiellen Käufern eine Abwendungsvereinbarung zur Einhaltung der Ziele der Sozialen Erhaltungsverordnung abzuschließen, teilt die Finanzbehörde mit.

Das war vor einem halben Jahr. Inzwischen hat sich das Blatt komplett gewendet: Der Bezirk Altona macht für die Häuser in der Schanzenstraße 25 und 27 von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch. Dass diese Möglichkeit überhaupt besteht, erfuhr Toni Peronis aus dem Abendblatt. „Wenn das stimmt, dann habe ich ja echt Chancen auf einen neuen Vertrag“, freute sich Toni.

Es stimmt. Die Stadt griff zu. Die Möglichkeit ergab sich, weil der Eigentümer das Spekulationsobjekt vergangenes Jahr zum Kauf anbot. Normalerweise geraten Mieter in Panik, wenn von Verkauf die Rede ist. Nicht zu unrecht: Laut einer Studie der LBS Bausparkasse stiegen in Hamburg die Preise für Eigentumswohnungen allein in den vergangenen fünf Jahren um 41 Prozent. Keine Bank der Welt verspricht derzeit auch nur ansatzweise derartige Zinsen, und so verwundert es nicht, dass Anleger in den Wohnungsmarkt drängen. Es sind Immobilienunternehmen, die einzig auf steigende Renditen zielen. Die sind nur möglich, wenn Mieten steigen und Investitionen gering ausfallen.

Soziale Erhaltungsverordnung schützt Mieter

Aber im Schanzenviertel gilt inzwischen eine soziale Erhaltungsverordnung. Damit sichert sich die Stadt ein Vorkaufsrecht. Das kann sie nutzen, wenn eine sogenannte Abwendungsvereinbarung nicht möglich ist. Mit solch einer Vereinbarung werden Neueigentümer verpflichtet, von Eigenbedarfskündigungen und zu starken Mieterhöhungen Abstand zu nehmen. Für die Bewohner wohl der bestmögliche Schutz. Aber: Auf St. Pauli wurden seit 2015 gerade mal drei Abwendungsvereinbarungen abgeschlossen.

Wohl auch deswegen hätte Toni niemals gedacht, dass ausgerechnet sein Restaurant und das dazugehörige Wohnhaus gerettet werden. „Wir haben uns für die Rote Flora eingesetzt und wehren uns gegen Gentrifizierung“, sagt der Sohn griechischer Einwanderer. „Schon verrückt, dass sich die Stadt jetzt für uns einsetzt.“

Dabei ist es eigentlich gar nicht so verwunderlich. Die vergleichsweise günstigen Mietpreise in den Wohnungen will die Stadt erhalten. Ein Investor hätte sicherlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um die Preise in die Höhe zu treiben. Nur steigende Mietpreise lassen dessen Profit anwachsen. Die Stadt als Käufer wiederum hat keine direkten Gewinnabsichten.

In der Schanzenstraße 25 boten bereits in den 1940er- bis 1960er-Jahren die Geschwister Brassati einen „Bürgerlichen Mittagstisch“ an. Foto: privat

Außerdem ist die Taverna Plaka ­eine Institution. In den 1940er- bis 1960er-Jahren boten hier die Geschwister Brassati einen „Bürgerlichen Mittagstisch“ an. Ein paar Jahre später, 1970, übernahm Tonis Vater Vassilios die Gaststätte. Ein Projekt der 1968er-Bewegung, wie sein Sohn erzählt. Der Vater habe den Laden mit Kommilitonen in mühevoller Arbeit renoviert. „Griechisch-kulinarisch kannte noch niemand“, erzählt Toni und fügt lachend hinzu: „Knoblauch war damals Neuland.“ Neuland, das auf Interesse stieß. Anfangs kamen die Studenten, später dann St.-Pauli-Fans und Rotfloristen. „Mein Vater und später auch ich haben den ganzen Wandel des Stadtteils hautnah miterlebt“, sagt Toni.

Mitten im Herzen des Schanzenviertels stand der Kampf gegen Miethaie immer schon auf der Tagesordnung. „Aber wir haben uns mit unseren Vermietern immer gut verstanden“, beteuert Toni Peronis. Die Vermieter, das war eine Hamburger Familie, die das Gebäude über Jahrzehnte im Besitz hatte. „Kleine Renovierungen hat man sich geteilt, weil man ja wusste, die haben noch Hypotheken auf dem Haus.“ Vor etwa 15 Jahren interessierten sich dann aber immer mehr Investoren für das Schanzenviertel. Nachdem sich die Alteigentümer und Erben nicht einigen konnten, kam es zum Verkauf.

Redakteur Jonas Füllner und Toni Peronis in der Taverna Plaka. Seit bald 50 Jahren betreibt die Familie Peronis das Restaurant. Foto: Mauricio Bustamante

Für die Taverna Plaka änderte sich erst mal wenig. Der Mietvertrag galt noch bis 2021. Aber der neue Eigen­tümer war eine Immobiliengesellschaft. Sie betrachtete das Haus offenbar als Spekulationsobjekt. Ansonsten hätte sie es ­sicherlich nicht schon nach sechs Jahren wieder abstoßen wollen. Toni Peronis rechnet vor: Eine Wohnung wurde saniert. Zudem gebe es neue Brandschutztüren und neu verlegte Kabel. Viel mehr sei in dem denkmalgeschützten Haus wohl nicht passiert. Und trotzdem: „Jetzt kostet das Haus bestimmt mehrere 100.000 Euro mehr“, sagt er kopfschüttelnd. „Das passiert, wenn man alles der freien Wirtschaft überlässt.“ Es sei ein seltsames Gefühl, dass nun die Stadt und im Endeffekt der Steuerzahler die Zeche zahlen. Natürlich freue er sich, gerettet zu werden. „Aber muss es erst so weit kommen?“, fragt Toni.

Eine Frage, die auch die Politik beschäftigt. Zwar beteuern die Bezirke, dass man bereits in der Vergangenheit sorgfältig jeden Verkauf geprüft habe. Trotzdem macht es den Eindruck, dass die Bezirke, Stadtentwicklungsbehörde und vor allem die Finanzbehörde einen neuen Kurs einschlagen. Erstmalig tätig wurde sie im November 2018. Auf St. Pauli: In der Hein-Hoyer-Straße nutzte die Stadt ihr Vorkaufsrecht für einen Altbau mit 32 Wohnungen. Potenzieller Käufer: Akelius. Mit Rekordmieten macht das börsennotierte Unternehmen seit bald zehn Jahren Schlagzeilen. Auch in diesem Fall habe Akelius keine Anstalten gemacht, die Altmieter zu schützen, teilt die Stadtentwicklungsbehörde auf Nachfrage mit. Und der Bezirk sah aufgrund der „Erfahrungen Hamburgs mit dem ­Geschäftsmodell“ und den Auswirkungen auf die Mieten eine „Gefährdung des Allgemeinwohls“ und schritt ein.

Damit nicht genug: Neben der Taverna Plaka wird für drei weitere Objekte der Vorkauf angestrebt. Vier Objekte befinden sich darüber hinaus noch in der Prüfung. Toni ist froh. „Hätten wir uns irgendwo neu bewerben müssen, wäre das aussichtslos“, erzählt er. Allein für die Konzession zahle man in zentraler Lage heutzutage horrende ­Summen. „Kleinbetriebe haben da keine Chance mehr.“

Dass die Stadt jetzt konsequenter vorgeht, stimmt ihn ­hoffnungsvoll. Aber schreckt sie börsennotierte Unter­nehmen auch ab? „So schnell verlieren wir nicht die Lust“, heißt es aus der Berliner Zentrale von Akelius. Allerdings: Hamburg macht Anstalten, dem Berliner Vorbild aus Friedrichshain-Kreuzberg zu folgen. Auf lange Sicht könnte Investoren zumindest die Lust an Luxus­sanierungen und Umwandlung in Eigentum vergehen.

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Über den Autor
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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