Trotz Parteitagsbeschluss

SPD will Fahren ohne Ticket noch nicht entkriminalisieren

Eine U-Bahn der Hamburger Hochbahn fährt vor einer Häuserfassade vorbei.
Eine U-Bahn der Hamburger Hochbahn fährt vor einer Häuserfassade vorbei.
Bus und Bahn fahren ohne Fahrschein ist bislang eine Straftat. Foto: Actionpress / imagebroker.com

Auch sechs Monate nachdem die Hamburger SPD beschlossen hat, das Fahren ohne Fahrschein zu entkriminalisieren, hat die Bürgerschaftsfraktion dazu offenbar keine klare Meinung. Anders sieht es beim Koalitionspartner Grüne aus.

Die Hamburger SPD-Fraktion lässt sich offenkundig Zeit bei der Umsetzung des Parteitagsbeschlusses, das Fahren ohne Fahrschein nicht mehr als Straftat zu verfolgen. „Das Vorhaben befindet sich dort weiterhin in der Prüfung“, erklärte ein Parteisprecher auf Hinz&Kunzt-Nachfrage. Wie lange diese noch dauern könnte, wollte ein Sprecher der Fraktion nicht kommentieren: „Ich bitte um Verständnis, dass wir zu fraktionsinternen Beratungen grundsätzlich keine Details oder Zwischenstände kommunizieren können.“

In dem Beschluss hatte die SPD im März Fraktion und Senat in Hamburg auf Antrag der Jusos aufgefordert, „sich dafür einzusetzen, dass die Hamburger Verkehrsbetriebe auf Strafanzeigen bzw. Strafanträge wegen Fahrens ohne Fahrschein grundsätzlich verzichten“. Das hätte zur Folge, dass Menschen, die in Bus oder Bahn ohne Ticket erwischt werden, weiterhin das „erhöhte Beförderungsentgelt“ zahlen müssten, aber nicht mehr nach dem Gesetzbuch belangt würden. Doch dafür gibt es in Hamburg bislang – anders als in anderen deutschen Städten – keine politische Mehrheit.

Grüne Fraktion für Entkriminalisierung

Wegen Armut hinter Gittern
Ersatzfreiheitsstrafe für Hinz&Künztler Thomas
Wegen Armut hinter Gittern
Der deutsche Staat sperrt jedes Jahr Tausende Menschen weg, weil sie Geldstrafen nicht zahlen können. Hinz&Kunzt-Verkäufer Thomas ist einer von ihnen.

Am Koalitionspartner dürfte die Entkriminalisierung nicht scheitern: „Als Grüne setzen wir uns schon seit Jahren für eine Entkriminalisierung des Fahrens ohne Fahrschein ein“, erklärte Lena Zagst, rechtspolitische Sprecherin der Hamburger Grünen-Fraktion, auf Hinz&Kunzt-Nachfrage. Wenn jemand wiederholt ohne Fahrschein unterwegs gewesen sei und anschließende Geldstrafen nicht zahlen könne, drohe sogar Gefängnis. „Solche Ersatzfreiheitsstrafen treffen übermäßig finanziell benachteiligte Menschen und verschärfen deren soziale Notlage weiter. Das ist nicht nur ungerecht, es belastet auch die Justiz und den Strafvollzug.“ Ein Hafttag kostet die Steuerzahler:innen rund 200 Euro.

Ähnlich wie die Grünen hatten auch die Jusos in ihrem Parteitagsantrag argumentiert und ergänzt: „Anders als von manchen Kritiker*innen behauptet, drohen den Verkehrsbetrieben keine signifikanten finanziellen Einbußen.“ Selbst ohne strafrechtliche Verfolgung gelte für das Fahren ohne Fahrschein dann „weiterhin die Vertragsstrafe, welche für sich bereits eine abschreckende Wirkung entfaltet“.

Artikel aus der Ausgabe:
Hinz&Kunzt-Titelseite zeigt eine stark geschminkte Frau mit einem Klitzerkugel-Helm und bunten Federn darauf.

Solidarität auf dem Kiez

Obdachlosigkeit und Verelendung sind auf St. Pauli allgegenwärtig. Wie sich die Menschen auf dem Kiez gegenseitig helfen. Und: Wie Schüler:innen Social-Media-Konsum zu Kunst machen. Außerdem haben wir ein Team des VfL Hammonia besucht, das Geschlechtergrenzen überwindet.

Ausgabe ansehen
Autor:in
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas schreibt seit vielen Jahren für Hinz&Kunzt - seit 2022 als angestellter Redakteur.

Weitere Artikel zum Thema