Tod im Zelt

(aus Hinz&Kunzt 157/März 2006)

In Neugraben und Öjendorf starben zwei Obdachlose – SPD und GAL fordern Korrekturen am Winternotprogramm

30. Januar, auf der Freifläche nördlich des S-Bahnhofs Neugraben. Eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren geht, will nach einem Obdachlosen schauen, der dort seit einiger Zeit zeltet. Aber er lebt nicht mehr.

5. Februar, auf einem verwilderten Gelände an der Autobahnauffahrt Öjendorf. In einem Zelt hockt ein Mann, den Kopf auf den Knien, der Körper ausgezehrt. Er ist schon mehrere Tage tot, als ihn ein anderer Obdachloser findet.

Zwei Männer, die diesen Winter nicht überlebt haben. Der eine war herzkrank, wie die Obduktion ergab. Bei dem anderen wurde ein durchgebrochenes Magengeschwür festgestellt. Die Polizei nennt deshalb nicht Unterkühlung als Todesursache. Aber die niedrigen Temperaturen hätten sicher eine Rolle gespielt, meinte ein Sprecher.

„Wenn jemand internistisch schwer erkrankt ist, wird Kälte zur zusätzlichen Belastung“, sagt die Ärztin Frauke Ishorst Witte, die im Auftrag der Diakonie Sprechstunden für Obdachlose abhält. Weil das Leben auf Platte kräftezehrend sei und die Gesundheit angreife, hätten Obdachlose generell eine geringere Lebenserwartung. Der Tod infolge eines Magengeschwürs sei, unabhängig von der Kälte, „besonders jämmerlich“, so Ishorst-Witte. „Man müsste daran nicht sterben, weil es behandelt werden kann.“

Den Toten von Öjendorf identifizierte die Polizei erst zwei Wochen später. Es handelt sich um den 40-jährigen Werner F. Über den anderen Verstorbenen ist bekannt: Arne Buckenauer, in Harburg noch vor einigen Jahren lokalpolitisch engagiert. „Er war Vorsitzender des Vereins Lebendiges Phoenix-Viertel“, erinnert sich Ortsamtsleiter Bernhard Schleiden. 2004 musste Buckenauer seine Wohnung räumen, weil er seine Miete nicht mehr gezahlt hatte. Danach verlor er offenbar immer mehr den Halt.

„Der sozialpsychiatrische Dienst des Bezirksamts nahm Kontakt zu ihm auf“, berichtet die Harburger Rundschau in einer „Spurensuche“. Aber Buckenauer habe keine Hilfe annehmen wollen. Über Monate lebte er auf den Wiesen am S-Bahnhof Neugraben, viele Spaziergänger kannten sein Zelt. Als Arne Buckenauer starb, war er 40 Jahre alt.

Niemand müsse draußen übernachten, es gebe genug Platz in den Unterkünften, sagt die Sozialbehörde. SPD und GAL dagegen haben Korrekturen am Winternotprogramm gefordert. In sehr kalten Nächten sollten ausgewählte U- und S-Bahnhöfe geöffnet werden, so der SPD Sozialpolitiker Uwe Grund. Außerdem sprach er sich gegen Ausweiskontrollen in den Notunterkünften aus. Die sozialpolitische Sprecherin der GAL-Fraktion, Martina Gregersen, schlug vor, mehr Wohncontainer für ein oder zwei Personen aufzustellen und die aufsuchende Arbeit in den Außenbezirken zu verstärken. Hinz&Kunzt Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer appellierte an alle Hamburger: „Bitte achten Sie auf Menschen, die draußen übernachten, gerade auch außerhalb der City.“

Autor: Detlev Brockes

Kommentar zur Lokalpolitik

Justizsenator Roger Kusch (CDU) hat kaum noch Freunde. Er gilt als unberechenbar, beratungsresistent, nicht teamfähig. Er trifft einsame Personalentscheidungen, versetzt Gefängnisdirektoren, die ihm widersprechen. Er unterläuft die im Gesetz verankerte Resozialisierung der Gefangenen. Er lässt zu, dass Häftlinge nackt gefesselt werden. Er versucht, auf die per Gesetz unabhängige Richterschaft Einfluss zu nehmen. Er will das Jugendstrafrecht abschaffen. Und er weigert sich, einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss Auskunft zu geben. Jetzt droht dem Justizsenator Beugehaft in seinem eigenen Knast.

Warum darf Kusch das? Warum greift Bürgermeister Ole von Beust (CDU) nicht ein? Die Sache erinnert an Beusts ehemaligen Koalitionspartner, den Rechtspopulisten Ronald Schill. Der durfte sich auch alles leisten: wenig arbeiten, viel Party machen und ungestraft gegen Ausländer und Obdachlose hetzen. Bis Ole von Beust selbst betroffen war: Nämlich als Schill ihn erpressen wollte und behauptete, von Beust sei schwul und unterhalte eine Liebesbeziehung zu Roger Kusch. Da erst entließ der Bürgermeister den Skandal-Senator: Schill sei „charakterlich nicht geeignet“ für das Amt.

Aber wie sieht es mit der charakterlichen und fachlichen Eignung von Roger Kusch aus? Es kann nur drei Gründe dafür geben, dass der Bürgermeister an seinem Justizsenator festhält. Der erste: Von Beust setzt bewusst auf einen Scharfmacher in seinen Reihen, der das rechte Klientel bedient. Er selbst kann dann der kultivierte und herzensgute Landesvater bleiben. Der zweite Grund: Von Beust ist führungsschwach. Der dritte: Kusch ist ein Jugendfreund von Ole von Beust. Und gegen einen Freund vorzugehen, fällt schwer. Nicht umsonst gilt: Trenne strikt Berufliches von Privatem.

Was auch der Grund sein mag: Ole von Beust sollte dringend Farbe bekennen. Auch damit er am Ende nicht selbst Schaden nimmt.

Autor: Birgit Müller

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