Nebenjob: Flaschensammler

Hinz&Künztler Michael (38) verdient Geld mit dem, was andere wegwerfen

(aus Hinz&Kunzt 152/Oktober 2005)

Eigentlich bin ich ja Hinz&Kunzt-Verkäufer. Aber vor ein paar Wochen habe ich damit begonnen, auf dem Weg vom Hauptbahnhof zu den Vertriebsräumen in der Altstädter Twiete Pfandflaschen einzusammeln, nachdem ich andere dabei beobachtet hatte. Ich war völlig erstaunt, als ich merkte, wie viel die Leute wegwerfen: Ich verdiene damit auf einer Strecke, das sind rund 500 Meter, drei bis fünf Euro.

Noch mehr finde ich am Wochenende: An einem Tag habe ich vier Runden um die Alster gemacht, am Ende hatte ich 24 Euro zusammen. Samstags finden in der Markthalle immer Veranstaltungen statt, bei der auch jede Menge Pfandflaschen stehen bleiben. Da verdiene ich in drei Stunden gut 18 Euro.

Außerdem habe ich mir angewöhnt, abends immer noch mal in jeden Mülleimer zu schauen, an dem ich vorbeikomme. Die Pfandflaschen, die ich so finde, bringe ich dann am nächsten Morgen weg, dann habe ich immer genug Geld für ein süßes Stückchen zum Frühstück und um mir bei Hinz&Kunzt neue Zeitungen zu holen.

Spezialisiert habe ich mich auf Aldi- und Lidl-Flaschen, die sammelt in der Innenstadt kaum jemand, weil die dort keine Filialen haben. Aber wenn ich zwei bis drei Tüten gefüllt habe, lohnt es sich, weiterzufahren.

Natürlich werde ich manchmal schief angeschaut. Aber was soll’s: Es ist eine legale Möglichkeit, um Geld zu verdienen, also mache ich es. Nur am Bahnhof ist das Sammeln nicht mehr legal. Angeblich, weil der Müll Eigentum der Deutschen Bahn ist.

Schlimm finde ich, dass ich immer mehr alte Menschen beobachte, deren Rente nicht reicht und die deswegen Flaschen sammeln müssen. Da geht das Land schlecht mit den Leuten um, die immerhin Deutschland nach dem Krieg aufgebaut haben.

Dass es immer mehr Flaschensammler gibt, ist ein Zeichen dafür, dass der Abstand zwischen Reichen und Armen immer größer wird. Es gibt in Deutschland Menschen, die von dem leben müssen, was andere wegwerfen. Dazu fällt mir eine Szene ein, die ich am Bahnhof beobachtet habe: Ein Mann wollte seine noch halb gefüllte McDonald’s-Tüte wegwerfen, ein Obdachloser bat ihn um die Reste. Seine Antwort: „Nö, die schmeiß ich lieber weg.“ Arrogant, nur damit der Obdachlose sie später aus dem Mülleimer holen musste.

Protokoll: Marc-André Rüssau

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *