In den Schuhen des anderen

Von kleinen Gesten und fremden Sitten: vier Verkäufer über Respekt

(aus Hinz&Kunzt 150/August 2005)

Laura: Schutz und Rücksichtnahme

Begegnungen mit fremden Kulturen haben mir klargemacht, dass uns manche Sitten zwar seltsam anmuten, aber die Menschen dort dazu bringt, behutsam miteinander umzugehen.

Bei den nordamerikanischen Lakota-Indianern zum Beispiel gibt es den Heyoka, der alles anders macht als der Rest des Stammes. Oft ist ihm die Aufgabe peinlich, aber er respektiert deren Wichtigkeit. Er benimmt sich auffällig und schwimmt gegen den Strom. Er lacht laut, wenn alle traurig sind. Damit zeigt er: Wenn alle nur für ein Gefühl Sinn haben, ist das Gegengefühl auch da. Das macht die Menschen stark, öffnet den Sinn für beide Möglichkeiten.

Zwei weitere Beispiele möchte ich aus der Kulturtradition der Türkei erwähnen. Das eine ist der Brauch, jede noch so glückliche Braut beim Abschied von ihrem Elternhaus (oft eine Feier über die ganze Nacht) durch Geschichten und Lieder zum Weinen zu bringen. Das andere ist die konservative Gepflogenheit, dass sich Frauen, wenn ein Sarg ins Grab gesenkt wird, fern vom Friedhof aufhalten.

Beides scheint auf den ersten Blick trennend, sexistisch, fast diskriminierend. Erst das Gespräch mit türkischen Frauen sensibilisierte mich für den Schutz und die Rücksichtnahme, die in diesen Sitten stecken.

Die Hochzeitssitte soll verhindern, Gefühle unter den Tisch zu kehren. Die Hochzeit bedeutet neue Kraft, Nähe und Freude. Zugleich ist das Verlassen des Elternhauses eine Trennung – ein Aspekt, der im Freudenrausch leicht untergeht. Genau das will die Sitte verhindern. Sie soll Frauen davor schützen, später in Momenten der Not von einem versteckten Gefühl angefallen und zerrissen zu werden.

Das Wegbleiben beim „Sarg-Versenken“ soll Frauen in der Türkei davor schützen, dass der Schnitt der Endgültigkeit in aller Rohheit ihre Brust zerreißt. Schmerz, Trauer und Verlust sind oft Part der Frauen in der türkischen Kultur. Der Brauch kann helfen, diese unauslöschliche Erinnerung gar nicht erst möglich werden zu lassen.

Die Sitte eines anderen Volkes mag nicht der eigene Weg sein. Aber mein Kontakt mit Indianern Nordamerikas lässt mich oft bedenken: „Großer Geist, lass mein Urteil über jeden ruhen, bis ich nicht sieben Monde lang gelaufen bin in seinen Schuhen.“

Martin: Sicherheitsabstand beachten

Respekt bedeutet nicht, dass ich alle gleich behandele. Abhängig von der Situation und meinem Gegenüber drücke ich Respekt unterschiedlich aus. Im Stillen frage ich mich, was der andere in dem Moment erwartet und ob es zu dem passt, was ich am liebsten hätte. Ich fordere schließlich auch Respekt. Da ist es egal, ob der andere reich, berühmt oder mächtig ist. Respekt setze ich durch, notfalls auch sehr nachdrücklich.

Einer der positiven Aspekte des Hinz&Kunzt-Verkaufs: Ich habe vor allem am Monatsende sehr viel Zeit, mir über die Situation und mein Gegenüber Gedanken zu machen, und ich liebe es, mit kleinen Gesten Respekt zu signalisieren. Beispiel: Alle paar Minuten kommt die U-Bahn und spuckt 20 bis 50 Menschen aus, die ich aus der Entfernung auf mich zukommen sehe. Ich wähle aus der ganzen Skala aus: ignorieren – kurzer Blickkontakt – angedeutetes Kopfnicken – „Guten Abend“ – „Ey Alter, alles fit?“

Wenn jemand das Portemonnaie zieht, um am Automaten eine Fahrkarte zu kaufen oder bei mir eine Hinz&Kunzt, achte ich darauf, wie viel Sicherheitsabstand der Mensch braucht. Ich versuche, nicht im Weg zu stehen oder aufdringlich zu sein. Mit meiner gesamten Haltung signalisiere ich, keine feindlichen Absichten zu haben und gleichzeitig mit feindlichen Absichten anderer locker fertig zu werden.

Ich bin nicht respektvoll, weil ich ein guter Mensch sein will oder weil es dafür Bonuspunkte gibt. Mit Respekt komme ich am bequemsten, ohne viel Stress durchs Leben. Und ich bin nun mal ein bequemer Mensch.

Ulla: Kampf mit nettem Ende

[BILD=#respekt][/BILD]An heißen Sommertagen reißen die Menschen in den S- und U-Bahnen die Fenster auf – außer denen, die sehr empfindlich auf Zugluft reagieren. Ich gehöre leider zur zweiten Kategorie. So machte ich in meiner Ecke die Klappen zu, die zwei Jugendliche im ganzen Abteil aufgerissen hatten. Ich sagte: „Bei mir bleiben sie zu.“ Ein Auf-und-zu-Spiel mit entsprechenden Kommentaren auf beiden Seiten begann. Es nutzten meine Argumente nichts, und auch nichts die der Jugendlichen. Es war ein unentschiedener Kampf, der Gott sei Dank nicht gefährlich wurde.

Dann stieg ich aus und vergaß wegen der Aufregung meine Brille. Das Blatt wendete sich: Einer der jungen Männer legte sie im letzten Moment, bevor der Zug abfuhr, auf die Bahnsteigkante. Ich bedankte mich mit Zeichensprache und bekam auf ähnliche Art Antwort, mit Abschiedswinken. So wurde die Balance des Respekts zwischen den Parteien wiederhergestellt. Aus einer unangenehmen Situation ohne respektvolle Rücksichtnahme hat sich durch eine dumme Vergesslichkeit ein nettes Ende ergeben!

Erich: Prügel in der Schule und zu Hause

Als ich zur Schule ging, gab es keinen Respekt zwischen Lehrern und Schülern. Da herrschte noch die Prügelstrafe: Finger auf den Tisch, und mit dem Rohrstock drüber. Wir waren Kinder, sieben, acht, neun, zehn Jahre alt – und dann Prügel, wie beschissen! Zu Hause war es nicht anders. Wenn wir was ausgefressen hatten, haben wir Schläge bekommen, meine beiden Brüder und ich.

Aber das ist keine Lösung. Man muss sich unterhalten über Probleme. Nur so geht’s.

Wir hätten uns nie getraut, gegen den alten Herrn die Hand zu erheben. Erst mein jüngerer Bruder hat sich gewehrt, als er 15 war. Er hat sich unseren Vater geschnappt und gesagt: „Du schlägst mich nicht mehr, du nicht.“ Da hat mein Vater einen Herzanfall bekommen, und er hat uns nicht mehr angerührt. Er musste wohl erst Widerstand erfahren, um das zu begreifen. Bis dahin hat er seine Macht, die er als Unteroffizier und Polizist hatte, auch gegenüber uns ausgespielt. Er hat immer gesagt: „Was ich erlebt habe, das müsst ihr erst mal erleben.“ Ich habe gesagt: „Muss ich erleben, dass du in den Krieg ziehen musstest? Das ist doch schizophren.“ Von Respekt keine Spur.

In der Lehre als Heizungsbauer habe ich erlebt, dass Gesellen den Lehrling nicht respektiert haben. Wenn du denen gesagt hast, du bist nicht zum Bierholen da, bekamst du einen Tritt. In anderen Situationen habe ich auch zurückgehauen. Heute sehe ich das anders. Heute würde ich sagen: „Mach deine Arbeit alleine“ und nach Hause gehen.

Ich versuche jetzt erst mal, mich selbst zu respektieren. Denn so wie du dich draußen gibst, respektieren dich andere. Das erfahre ich Tag für Tag.

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