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Der Egoseller: Unsere Antwort auf das Pennergame

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 203/Januar 2010

Ernst-Ludwig Galling entwickelte das neue Onlinespiel, bei dem man in die Haut eines Hinz&Künztlers schlüpfen kann. Unser Experte Joe hat es schon mal getestet

(aus Hinz&Kunzt 203/Januar 2010)

Hinz&Künztler Joe Lechner muss unbedingt mehr Zeitungen verkaufen, sonst schafft er es niemals in die Besten-Liste. Aber er findet den Dreh beim neuen Hinz&Kunzt-Onlinespiel Egoseller schon noch. In echt war es ja so ähnlich: „Als ich angefangen habe, Hinz&Kunzt zu verkaufen, hatte ich es auch erst mal schwer. Aber dann bin ich doch reingekommen“, sagt der 28-Jährige.
Joe verkauft das Hamburger Straßenmagazin fast täglich in der Innenstadt. „Mittlerweile kann ich ganz gut einschätzen, wer eine Zeitung kaufen würde. Wenn ich die Leute freundlich anspreche, klappt es oft.“ Die Strategie verfolgt er jetzt auch im Onlinespiel, das er als Fachmann vorab testen darf.

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Ernst-Ludwig Galling schaut Joe über die Schulter. Der 42-jährige Grafikdesigner hat mit Labor 1, seiner Firma für „On- und Offline-Bespaßung“, den Egoseller für Hinz&Kunzt pro bono entwickelt und realisiert. Die Idee: Der Spieler versetzt sich in die Situation eines Hinz&Kunzt-Verkäufers.
Der Name Egoseller leitet sich vom Genre Egoshooter ab. Dabei ist der Spieler mit Waffen in einer virtuellen Welt unterwegs. Beim Hinz&Kunzt-Egoseller zieht der Spieler statt eines Granatenwerfers einen Stapel Straßenmagazine und betritt eine virtuelle Gaststätte. Nun gilt es, mittels vorgegebener Dialoge ein Verkaufsgespräch zu führen. Dabei kann der Spieler zwischen jeweils drei Möglichkeiten wählen, seinen Kunden zu antworten, um in zwei Minuten möglichst viele Zeitungen loszuwerden.
Joe muss sich in der Testversion entscheiden, ob er das Straßenmagazin freundlich mit einem „Schönen guten Morgen“, sachlich als „Das Hamburger Straßenmagazin, druckfrisch“ anbietet oder eher schnodderig fragt „Willste ’ne Hinz&Kunzt-Ausgabe?“
Kunden duzen und noch nicht mal grüßen – „das geht gar nicht“, findet Joe. Gut gewählt, seine virtuelle Kundin ist interessiert: „Was steht denn drin?“ – „Echt coole Sachen über Hamburg, die man sonst nirgends findet“, verspricht Joe – und hat Erfolg. Der Hinz&Kunzt-Verkäufer liest die neueste Ausgabe immer direkt nach dem Erscheinen. „Viele Kunden fragen nach dem Inhalt, und dann muss ich mich mit denen doch drüber unterhalten können.“
Der neue Hinz&Kunzt-Egoseller soll informativ sein und Spaß machen. Ernst-Ludwig Galling von Labor 1 legt Wert darauf, dass das Onlinespiel nicht zur Schulstunde wird. „Es soll nicht so pädagogisch daherkommen“, sagt Galling, aber auch den ernsten Hintergrund nicht vernachlässigen. „Gerade im Winter kann niemand ernsthaft die Unterstellung vom fröhlichen Berberleben aufrechterhalten.“
Ernst-Ludwig Galling sagte sofort zu, als Hinz&Kunzt-Geschäftsführer Jens Ade ihn fragte, ob er sich ein Onlinespiel für Hinz&Kunzt als Antwort auf das „Pennergame“ vorstellen könne.
Das „Pennergame“ lockt im Internet mit der Aussicht: „Jetzt kostenlos und ohne weitere Risiken obdachlos werden.“ Um sich dann vom „Penner“ zum Schlossbesitzer hochzuarbeiten, kann der Spieler mit einem Klick Flaschen sammeln, in Banden gegen andere kämpfen und Haustiere anschaffen, um beim Betteln erfolgreicher zu sein.
Hinz&Künztler Joe ist kein Fan davon: „Ich habe mir das ,Pennergame‘ mal angesehen, aber erstens ist es langweilig und zweitens auch ziemlich diskriminierend. Ein ,Penner‘ ist für mich jemand, der rumpöbelt oder grundlos Leute anmacht. Aber Flaschen sammeln oder keine Wohnung haben heißt nicht, dass man ein Penner ist.“
Auch Hinz&Kunzt-Chefredakteurin Birgit Müller sieht das „Pennergame“ kritisch: „Ich finde es schlimm, wie in dem Spiel Alkoholkonsum und Kriminalität verharmlost werden. Obdachlose werden so in die Nähe von Gewalttätern gerückt, damit werden Vorurteile bestätigt und neue geschürt.“
Laut den Entwicklern des „Pennergame“ soll ihr Spiel auf das Thema Obdachlosigkeit aufmerksam machen.
„Beim Egoseller können die Spieler nachfühlen, wie es ist, Fremde anzusprechen und vielleicht auch mal ablehnend behandelt zu werden“, sagt Ernst-Ludwig Galling. Der nächste logische Schritt sei, „dass die Spieler sich überlegen: ,Was würde ich sagen?‘“ Deswegen hat Galling eine Editor-Funktion programmiert, in der jeder Gesprächsverläufe eingeben kann, die dann von allen Usern gespielt werden. Der sogenannte User-Generated-Content (Inhalte, die von den Spielern selbst eingebracht werden) sei wichtig, damit das Spiel auch spannend bleibt.
Joe bleibt während seines Testspiels fasziniert vom Egoseller – auch nach der fünften und sechsten Runde. Schließlich darf er sich mit 640 Punkten auf Platz 1 eintragen. Seine Tipps für den Zeitungsverkauf, ob real oder virtuell: „Erstens freundlich sein und zweitens freundlich bleiben.“

Text:Beatrice Blank
Foto: Kathrin Brunnhofer

Den Hinz&Kunzt-Egoseller können Sie über unsere Homepage www.hinzundkunzt.de spielen.

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