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Die Champions aus Graz

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2003: Hinz&Kunzt-Ausgaben 119 – 130, Archiv, Hinz&Kunzt 126/August 2003

Wie Obdachlose aus aller Welt die Streetsoccer-Weltmeisterschaft gewannen

(aus Hinz&Kunzt 126/August 2003)

Das Ganze fing chaotisch an, auf dem Hamburger Hauptbahnhof – und beinahe hätte die Streetsoccer-Weltmeisterschaft ohne die Spieler aus der Hansestadt stattgefunden. Hinz & Künztler Blondi stand zwar verabredungsgemäß morgens um 5 Uhr auf dem Bahnsteig; er hatte extra durchgemacht, um bloß nicht zu verschlafen.

Wer fehlte, war Mitspieler Frank, genannt Onkel. Und der hatte die Bahnfahrkarten. Völlig entnervt zog Blondi ab. Dachte schon, dass jetzt alles aus sei. Stunden später wachte Onkel auf, raste zum Bahnhof – und fand keinen Blondi. „Ich wusste nicht, was ich machen sollte, also setzte ich mich in den Zug und fuhr los“, sagt der 37-Jährige.

Nur mit Mühe konnte der Vertrieb den verprellten Blondi überreden, hinterherzufahren. „Als ich ankam, war das Eröffnungsspiel schon um“, sagt Blondi. Dafür gab’s großes Hallo. „Eh, du musst der zweite Spieler aus Hamburg sein“, wurde er gleich am Eingang der Schule begrüßt, in der die obdachlosen Champions aus aller Welt schlafen konnten.

Onkel hatte sich schon eingelebt. Zusammen mit den deutschen Kollegen aus Stuttgart, Freiburg und Regensburg teilte er sich ein Zimmer. Aber er wollte auch die anderen kennen lernen. Sprachschwierigkeiten? „Eigentlich nicht, wir verständigten uns mit Händen und Füßen.“ Zugegeben: Tiefsinnige Gespräche wurden nicht geführt. „Wir haben mehr gefeiert“, räumt Onkel ein. Aber ein bisschen was mitgekriegt hat man schon.

Die Russen zum Beispiel, so glaubt Onkel, wurden von ihrem Trainer ganz schön abgeschottet. „Die hatten erst mehr Kontakt, als der Trainer vorzeitig abgereist ist.“ Noch schlimmer soll es einer anderen Mannschaft ergangen sein. „Die waren sogar woanders untergebracht“, sagt Blondi. „Und wenn sie schlecht gespielt haben, mussten sie zum Straftraining, wie bei der echten Bundesliga.“ Genützt hats ihnen nichts, wie sich später herausstellen sollte.

„Fünf Minuten – und mir brannte die Lunge“

Die Grazer Spieler taten den Hamburgern sogar richtig Leid: „Die mussten morgens noch Zeitungen verkaufen, sonst wurde ihnen der Ausweis entzogen, nachmittags mussten sie trainieren und abends spielen.“ Dafür gehörten die schwarzen Asylbewerber, fast alle jung und sportlich, auf dem Spielfeld zu den Cracks. „Insgesamt gab es wahnsinnige Unterschiede.“ Tolle Spieler waren auch die Engländer. Die hatten im Voraus „gesiebt“, ein Profitrainer hatte die Mannschaft zusammengestellt. „Wenn man denen zugeguckt hat, konnte man richtig was lernen“, sagt Onkel anerkennend.

Meist ging es fair zu auf dem Feld. Einmal allerdings bekam Onkel von einem Waliser Gegenspieler „eine geditscht“. Abends beim Feiern kam der Mann auf ihn zu. „Ich wusste erst gar nicht, was er wollte“, sagt Onkel. „Aber dann war ich ganz baff: Der entschuldigte sich.“ Und die Schweizer („Mit denen verstanden wir uns am besten“) bekamen am Ende sogar noch einen Preis für faires Spiel verliehen. Auf dem Spielfeld gehörten die Schweizer zusammen mit den Deutschen allerdings zu den Losern unter den Mannschaften.

Bei den Deutschen kein Wunder: Die Mannschaft hat sich erstmals in Graz vollzählig gesehen. Zwar trugen sie auf ihrem orangefarbenen Trikot die Aufschrift „Venceremos“ („Wir werden siegen!“). Aber das mit dem Siegen war eher symbolisch zu verstehen, fanden die Spieler. Auch die Farbe des Trikots war irritierend. Denn Orange ist die Farbe der Niederländer. „In der Stadt wurden wir deswegen öfter auf Holländisch angesprochen“, sagt der Hinz & Künztler. Was ja noch nett war. Aber im Spiel gegen die Niederländer machte Onkel einen fatalen Fehler: „Wir spielten an dem Tag zwar in grünen Trikots, aber ich habe automatisch einen Orangenen angespielt.“ 

An den Ergebnissen hätten andere Trikots wohl nichts geändert. Die Kondition der Deutschen war einfach schlecht. „Fünf Minuten auf dem Spielfeld, und mir brannte die Lunge“, sagt Onkel. Aber das soll sich ändern. Blondi und Onkel wollen bei den Hobbykickern in der Mannschaft von H&K-Fotograf Mauricio Bustamante mitspielen.

Birgit Müller

„Das jagt dir eine richtige Gänsehaut ein“

0:14 im Auftaktspiel gegen Holland, 1:8 gegen Südafrika in der zweiten Partie, am Ende der Vorrunde 0 Punkte und 4:44 Tore aus sechs Spielen – perfekt kann man den Start der deutschen Fußballer ins WM-Turnier nicht wirklich nennen. Doch der Teamchef war bestens gelaunt: „Was für eine grandiose Atmosphäre. Wenn im vollen Stadion 1500 Zuschauer La Ola machen, das jagt dir eine Gänsehaut ein“, schwärmte Reinhard Kellner, der im Hauptberuf Geschäftsführer eines Regensburger Sozialverbandes ist und ehrenamtlich Chefredakteur der Straßenzeitung „Donaustrudl“. „Die Resultate sind da nebensächlich.“

Denn bei dieser Streetsoccer-Weltmeis-terschaft in der Europäischen Kulturhauptstadt traten – auf kleinem Straßenpflaster-Feld mit Banden – Obdachlose und Straßenzeitungsverkäufer aus 18 Ländern an. Menschen, die in soziale Not geraten sind und hier zeigten, was sie leisten können, wenn man ihnen eine Chance gibt und sie motiviert. In Graz boten sie teils erstklassigen Sport und packende Partien.

Träume wurden wahr: für die einen die erste Auslandreise ihres Lebens (alles finanziert von Sponsoren), für andere, die herausragenden Kicker, Verträge als Profifußballer (wirklich wahr!), für das österreichische Team, allesamt afrikanische Asylbewerber, nach dem gewonnenen WM-Titel vielleicht sogar die Einbürgerung. „Die Resonanz war unglaublich“, freut sich Judith Schwendtner vom Ausrichter, der Grazer Straßenzeitung „Megaphon“, über das Interesse der Medien. „Hier waren Fernsehteams und Zeitungen aus aller Welt. Und die waren nicht nur stolz auf ihre Spieler und haben über den Sport berichtet, sondern eben auch über Armut und Obdachlosigkeit in ihren Ländern.“

Deutschland wurde am Ende Sechzehnter. Mit mehr hatte Reinhard Kellner nicht gerechnet, eher mit dem letzten Platz. Sein Team jedenfalls, das als einziges nicht im Original-Nationaltrikot auflief, sondern in – vom Greenpeace Magazin gesponsorten – Orange-Schwarz, nahm’s undeutsch locker. „Auf meinen Wunsch war ‚Venceremos!‘ auf unsere Trikots gedruckt. Das heißt ‚Wir werden gewinnen!‘“, sagte der Bundestrainer. „Das stimmt ja auch“, fand sein Verteidiger Günther Bieda trotz eines Muskelfaserrisses: „Jeder, der dabei war, hat was gewonnen: Respekt, Selbstvertrauen und Freunde.“

Michael Friedrich

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