Als mein Leben fast zu Ende war

Drei Jugendliche erzählen von ihren Verkehrsunfällen

(aus Hinz&Kunzt 180/Februar 2008)

Der Autofahrer: Jan Köster, 23 Jahre, Zivildienstleistender

Seltsam, an einige Sachen kann ich mich ganz klar erinnern, andere sind total undeutlich: Auf der Rückbank kuschelt mein bester Freund mit seiner Freundin. Ich fahre. Wir kommen nüchtern von einer Feier, im Radio lief „I’m her yersterday man“. Ich stehe an einem Stoppschild und will links abbiegen. Von der Haltelinie aus sehe ich weit entfernte Scheinwerfer. Die Fahrbahn ist frei, ich trete aufs Gas meines Cinquecento. Die 39 PS greifen das letzte Mal kraftvoll in den Asphalt. Dann bemerke ich die Scheinwerfer, die von Gebüsch verdeckt waren. Sie kommen mir vor wie die Augen einer Raubkatze, die uns aus der Deckung her anspringt. Es wird gleißend hell, dann der Aufprall.

Wie in Zeitlupe ist er mir in Erinnerung, langsam und dumpf. Es knirscht, und etwas trifft mich an der Rippe. Wir kippen zur Seite, es ist wieder dunkel. Ich warte auf den Film, der vor meinem inneren Auge ablaufen soll – nichts. Es ist nur ruhig. Dann knirscht es, der Wagen rutscht auf der Seite über die Straße. Kommt dann zum Stehen. Panik ergreift mich – raus aus dem Wagen. Vorher ist mir nie aufgefallen, wie klein und beengend es hier drin ist. Die Tür geht nicht mehr auf. Hektisch versuchen wir, sie aufzudrücken. Das Seitenfenster ist aus dem Rahmen gesprungen. Wir kletteren raus. Wie in Watte gepackt nehme ich alles wahr. Ein Mann mit roten Haaren nimmt mich am Arm.

Niemand ist ernsthaft verletzt, ich habe mir nur den Kopf gestoßen. Die Fahrerin des anderen Wagens hat sich die Kniescheibe gebrochen. Sonst ist trotz kaputten Airbags nichts passiert. Die B-Säule hat mir das Leben gerettet. Trotzdem wurde mein Fahrersitz über die Handbremse geschoben. Im Krankenhaus haben sie mir erst nicht geglaubt, dass ich der Fahrer bei so einem Unfall war, es könne nicht angehen, dass man so etwas unverletzt übersteht.

Lange bin ich danach nicht Auto gefahren. Angefangen habe ich dann in einem Industriegebiet, ganz langsam wie in der ersten Fahrstunde. Dann Landstraße, in kleinen Schritten habe ich mich vorgearbeitet. Bis ich mich wieder getraut habe, auch im Stadtverkehr zu fahren, hat es Wochen gebraucht. Meine Eltern waren mir dabei eine große Hilfe. Sie haben mich gedrängt, wieder mit dem Fahren anzufangen, und haben mich auf den ersten Fahrten begleitet. Manchmal träume ich nachts noch von dem Unfall, so etwas wünsche ich niemandem. Die Frau mit der gebrochenen Kniescheibe habe ich im Krankenhaus besucht, sie hat mir verziehen.

Der Motorradfahrer: Jan Hückel, 21 Jahre, Flugzeugmechaniker

Als ich die Augen aufschlage, habe ich das ungute Gefühl, dass etwas mit meiner Schwester ist. Kann mich aber nicht entsinnen was. Sie ist sauer oder enttäuscht – warum, weiß ich aber nicht, nicht mal, ob sie überhaupt in der Nähe ist. Meine Gedanken sind unstrukturiert, und es dreht sich alles ein wenig. Mir ist kalt, ich sehe den Himmel über mir und liege auf etwas Hartem. Die Aussicht auf den noch dunklen Himmel wird nur von ein paar über mir schwebenden und hektisch auf mich einredenden Köpfen verdeckt.

Langsam klärt sich mein Blick, die Wortbrocken, die über mich hereinbrechen, bekommen einen Sinn. Ich hatte einen Unfall. Das Motorrad meiner Schwester, das sie sich von ihrem Ersparten gekauft und mir für den Weg zu Arbeit geliehen hat, kann ich nicht sehen. Oh Gott, schießt es mir durch den Kopf, Ronies Motorrad. Ich muss einfach zum Motorrad, sie wird mir den Kopf abreißen. Meine Gedanken kreisen unablässig um das Motorrad meiner Schwester. Hoffentlich lässt es sich noch reparieren. Wo kann ich das bloß lackieren und wie bringe ich ihr das am besten bei? Dass ich gerade einen schweren Unfall gehabt habe und vielleicht nie wieder gehen kann, wird mir erst später im Krankenwagen bewusst. Als ich mich aufrichten will, um nach dem Motorrad zu sehen, werde ich wieder auf den Boden gedrückt. „Nicht bewegen“, schallt es aus vielen Mündern. Neben mir kniet jemand, an den ich mich nicht mehr richtig erinnere. Ich weiß noch, dass es eiskalt auf der Straße war, irgendjemand hat mit mir über irgendwas geredet. Ich kann mich nur daran erinnern, dass mich jemand beruhigen will und mir erzählt, dass der anderen Fahrerin nichts passiert ist, außer ein paar leichten Schnittwunden vom zerborstenen Glas.

Als der Krankenwagen nach einer gefühlten Ewigkeit kommt, wird mir erst klar, was passiert ist. Die Diagnose: ein komplizierter Splitterbruch am rechten Arm, zahlreiche Prellungen und ein ausgerissener Fingernagel. Mir wird später gesagt, dass mein Schutzengel mir wohl ein Daunenkissen hingeworfen hat.

Bis heute kann ich mich nicht wirklich an den Unfall erinnern. Aus den Zeugenaussagen weiß ich, dass mir die Vorfahrt genommen wurde, das Motorrad frontal in die Seite einen Kleinwagens prallte und ich über den Wagen flog. Das Motorrad hatte einen Totalschaden, entgegen meiner Ängste war meine Schwester aber erleichtert, dass mir nichts passiert ist. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, haben wir uns dann zusammen auf die Suche nach einem neuen gemacht. Bei mir wird es noch dauern, bis ich wieder fahren darf – der Arm muss erst ausheilen. Für mich steht es aber außer Frage, dass ich wieder auf ein Motorrad steige. Erst mal den Winter abwarten und dann wieder auf die Landstraße. Die Frau, die den Unfall verursacht hat, hat sich übrigens nie bei mir gemeldet.

Die Beifahrerin: Christin Bruhn, 21 Jahre, Auszubildende zur Versicherungskauffrau

Als ich die Augen aufmache, ist die Welt noch etwas von der Narkose verschwommen. Meine Gedanken kreisen nur um meine dreifach gebrochene Wirbelsäule und um die Worte des Arztes – „Sie haben eine 50-zu-50-Chance, dass Sie ihre Beine nach der OP bewegen können.“ Langsam ziehe ich die dünne Krankenhausdecke hoch, bis ich meine Füße sehen kann. Ich fürchte mich davor, meine Zehen zu bewegen. Was, wenn es nicht geht? Ihr ist nichts passiert, keine Schramme. Dabei war sie doch die Fahrerin.

In Gedanken bin ich wieder auf der Party, die ich mit einer Freundin besuchte. Drei Tage vor meiner Führerscheinprüfung. Mit dem geliehenen Porsche ihres Chefs bringt sie uns äußerst elegant zur Party. Dort trennen wir uns und wollen uns erst zur Heimfahrt wiedertreffen. So bekomme ich nicht mit, dass sie Alkohol trinkt, und anzumerken ist es ihr auch nicht, als ich in den Wagen steige.

Sie genießt die Porsche-PS, die uns bei jeder Beschleunigung in die Sitze drücken. Ich bitte sie, langsamer zu fahren, doch sie hört nicht auf mich. Ein Dreier-BMW, der von Freunden von ihr gefahren wird, reizt sie. Mit 170 treibt sie den Sportwagen über die Landstraße, als der BMW uns überholen will. Sie versucht, sich vor ihn zu setzen, und zieht links rüber, er ist aber schon neben uns.

Metall trifft auf Metall. Vor Schreck reißt sie den Wagen nach links in einen Graben. Wir überschlagen uns … Alles ist ganz dumpf und langsam … Das Porsche-Cabrio überschlägt sich, die Überrollbügel schießen aus ihren Verankerungen. Wir landen da, wo normalerweise das Dach ist. Der Wagen bohrt sich in die dunkle Erde. Die Scheiben haben sich in die Erde gegraben, es ist eng, und wir können uns nur befreien, indem wir eine der Scheiben aus ihrer Verankerung treten. Panisch, ich denke an die Wagenexplosionen aus den Filmen. Draußen atme ich langsam durch. Kein Blut, keine Schmerzen.

Meine Erinnerungen sind leicht verwaschen. Ich weiß nicht mehr, was passiert, bis der Krankenwagen kommt. Ich lehne es ab, mit ins Krankenhaus zu fahren. Meine Eltern nehmen mich mit nach Hause. Dann kommen die Schmerzen – im Rücken. Ich fahre mit meinen Eltern ins Krankenhaus. Sicher ist sicher. Ich werde geröntgt. Dann die Diagnose und meine 50-zu-50-Chance.

Ich breche im Krankenhausbett zusammen, weine eine halbe Stunde lang, ohne dass mich jemand trösten kann. Ich werde in ein anderes Krankenhaus verlegt. Die Fahrt im Krankenwagen scheint ewig zu dauern. Ich liege in einem Schaumstoffkissen, sodass ich mich nicht bewegen kann. Panisch registriere ich jede Erschütterung, die Hamburgs Straßen auf meinen Körper übertragen. Hoffe nur, dass mich kein Schlagloch in den Rollstuhl bringt.

Als ich nach der OP aufwache, starre ich auf meinen großen Zeh. Langsam versuche ich, ihn zu bewegen, hoffe, dass er es tut. Sekunden werden zu Stunden. Er bewegt sich. Tränen der Freude laufen mir über die Wangen.

Es folgt eine zweite OP, eine Reha. Erst ein halbes Jahr später beginnt für mich der Alltag. In der Schule wiederhole ich freiwillig die Zwölfte. Mein größtes Hobby, das Tanzen, muss ich aufgeben. Bis heute kann ich bei niemandem außer meiner Mutter mitfahren. Die Angst, nicht eingreifen zu können, falls etwas passiert. Meinen eigenen Führerschein habe ich drei Monate nach dem Unfall erfolgreich bestanden. Mit der Fahrerin habe ich nichts mehr zu tun. Sie war nur einmal kurz im Krankenhaus. Ich habe sie aber weggeschickt. Ich konnte sie einfach (noch) nicht ertragen. Das letzte Mal habe ich sie vor Gericht gesehen, als sie wegen fahrlässiger Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr angeklagt wurde.

Jan Köster

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