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„Holt euch Hilfe!“

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2005: Hinz&Kunzt-Ausgaben 143 – 154, Archiv, Hinz&Kunzt 154/Dezember 2005

Die Geschichte einer Mutter, die ihre Kinder verwahrlosen ließ und heute wieder ein enges Verhältnis zu ihnen hat

(aus Hinz&Kunzt 154/Dezember 2005)

„Wenn ich heute zurückblicke, kann ich nur eins sagen: Etwas Besseres, als dass meine Kinder in die Wohngruppe gekommen sind, konnte gar nicht passieren.“ Bettina kann selbst kaum glauben, dass sie diesen Satz über die Lippen bringt. 42 Jahre ist sie alt, Mutter von Lara (18), Johanna (16) und Benedikt (14). Und heute geht es ihr und den Kindern verhältnismäßig gut.

Aber es gibt ein Damals. Damals, als sie nichts auf die Reihe bekam und alle gegen sie waren. Als sie ihre Wohnung picobello hielt, ihre Kinder aber verwahrlosen ließ. Aber Hilfe, das war klar, hätte sie freiwillig nicht angenommen. „Niemals“, sagt Bettina vehement. „Ich fühlte mich doch sowieso wie ein Versager.“

1992. Lara ist dreieinhalb Jahre alt, Johanna zwei und der kleine Benny anderthalb. Für Bettina ist das Leben nur noch Stress. Alle Aufgaben liegen wie ein Berg vor ihr. Die Enge in der Wohnung ist kaum auszuhalten. Ihr Mann ist fast nur noch betrunken. Er schlägt sie, er schlägt die Kinder. Niemand scheint etwas von Bettinas innerer Not zu spüren. Obwohl sich das Jugendamt einschaltet. Johanna ist nämlich unbeaufsichtigt am offenen Fenster herumgeturnt. Aber Bettina hat innerlich schon längst abgeschaltet. Sie versucht, sich nicht anmerken zu lassen, wie es ihr und den Kindern geht. Wenn sie überhaupt merkt, wie es den Kindern geht. Eigentlich hat sie genug mit sich zu tun. Dann kommt die Räumung. Die Kinder und Bettina ziehen in eine Obdachlosenunterkunft am Hansaplatz, in ein Mini-Zimmer. Da ist ihr Mann schon „irgendwie“ weg.

Es geht noch schlimmer. In dem abbruchreifen Haus am Hansaplatz denkt Bettina manchmal an Selbstmord. Überall sind Kakerlaken. Und Ratten. Die müssen irgendwie ins Bettchen von Benny gekommen sein. Eines Morgens ist sein Schlafanzug angenagt. „Irgendwann bat ich meine Mutter, die Kinder übers Wochenende zu nehmen“, sagt Bettina. Aber die schien zu ahnen, was sie vorhatte und sagte: „Die Kinder bleiben schön bei dir!“

Ein Kinderarzt sorgt schließlich dafür, dass die Familie wieder eine Wohnung bekommt. „Ich selbst hätte die Kraft niemals gehabt, mich darum zu kümmern. Ich dachte, es geht immer weiter bergab.“ Was sie am Leben hält: „Meine Kinder“.

1993. Licht am Ende des Tunnels. Bettina hat sich verliebt. Der Neue kümmert sich rührend um die Kinder, ist liebevoll zu ihr. Zunächst. Bettina ist glücklich. Vielleicht können sie ja eine richtige Familie werden. Das ändert sich schlagartig, als Bettina für sich und die Kinder eine Wohnung hat. Klar, dass er mit einzieht. Als wäre ein Schalter umgelegt, verändert sich ihr Freund. Wieder ist da ein Mann, der nicht arbeitet, der nur trinkt, der ohne Grund herumbrüllt, der die Kinder schlägt. Bettina arbeitet, malocht. Zwölf Stunden am Tag. In ihrer Freizeit putzt sie. Die Wohnung sieht aus wie aus dem Quelle-Katalog

Doch sie hat das Gefühl hat, ihre Kinder zu verlieren. Die ziehen sich immer weiter zurück. Oder will sie selbst nur nicht wissen, wie es ihnen geht? Weil sie nicht ertragen könnte zu hören, was später herauskommt? Dabei sendet Johanna Hilferufe, immer wieder. Die Sechsjährige geht zur Polizei und fleht die Beamten förmlich an, etwas zu tun. Was die allerdings tun sollen, das sagt die Kleine nicht. Die Polizisten liefern sie immer wieder zu Hause ab. Ratlos.

Die Beziehungen zu ihrem Freund und zu ihren Kindern zerbröseln Bettina unter den Händen. Sie ist nicht mal froh, als er auszieht. „Ich gab mir die Schuld an allem, ich hatte keine Kraft mehr“, sagt sie.

1997. Aus. Lara hat sich einer Psychologin anvertraut, und die schaltet das Jugendamt ein. Das Kind kommt in eine Wohngruppe der Stadtteilbezogenen milieunahen Erziehung. Johanna will auch dorthin, und dann geht auch noch ihr Jüngster. Bettina behält zwar das Sorgerecht, aber sie fühlt sich bloßgestellt. „Es war furchtbar: Wie stand ich vor der Familie da?“ Kinder müssen zuhause aufwachsen, empörten sich die Verwandten. „Ich habe mich so geschämt.“ Aber Hilfe annehmen? Nie und nimmer! Monatelang haben sich die Sozialpädagogen von SME um sie bemüht. Umsonst.

Dann noch ein Tiefschlag, für andere wäre es das letzte K.O.: Johanna offenbart in der Wohngruppe, dass ihre ältere Schwester vom Stiefvater missbraucht worden war und dass sie und ihr Bruder zuschauen mussten. Gemeinsam mit den Kindern und den Sozialpädagogen steht Bettina den Prozess durch – und klappt zusammen. Sie will sich nicht helfen lassen, eigentlich. Ist zu stolz dazu. „Aber für die Kinder musste ich mich doch wieder aufrappeln.“

Die Wende kommt, als sie in eine Therapiegruppe für Angehörige von missbrauchten Kindern geht. Und sieht, dass auch die anderen Probleme haben. Dass sie nicht die einzige Verliererin ist. Und dass das mit dem Verlieren auch nicht für immer so bleiben muss. „Ohne diese Gruppe wäre ich niemals so weit, wie ich heute bin“, sagt Bettina.

Vieles hat sich seitdem verändert. Sie hat gemerkt, dass es ihre Kinder in der Wohngruppe gut haben. Dass sie nicht eifersüchtig sein muss auf die Zuneigung, die die Kinder für ihre Sozialpädagogen empfinden. Im Gegenteil. Auf einmal hatten nicht nur ihre Kinder so etwas wie eine Familie, auch sie hat jetzt Menschen zum Reden, Menschen, die auch ein Ohr für sie haben. Vielleicht ist es sogar das erste Mal, dass sie sich anderen gegenüber öffnen kann.

Bettina hat das Sorgerecht, nach wie vor. Als ihre Kinder sagten, sie würden gerne gemeinsam bei SME groß werden, aber immer am Wochenende und auch sonst oft zu ihr kommen, da hat sie es ihnen erlaubt. Ohne Groll, ohne Eifersucht. Wie sagt ihr neuer Mann immer so schön: „Bei SME haben sie eine Großfamilie, bei uns eine Kleinfamilie.“

Birgit Müller


Nach dem Tod von Jessica: Wie die Stadt schulpflichtige Kinder aufspürt

Es war ein Fehler im System. Während die Behörden Mahn- und Bußgeldbescheide in die Post steckten, ließen die Eltern die siebenjährige Jessica in ihrer Wohnung verhungern. Um andere Kinder vor einem solchen Schicksal zu bewahren, gilt seit Mai die neue Dienstanweisung Schulzwang in Hamburg. Sie verpflichtet die Behörden, innerhalb weniger Wochen das Schicksal von Kindern aufzuklären, die ihrer Schulpflicht nicht nachkommen – und zur Not auch verschlossene Wohnungstüren zu öffnen.

Bereits mit viereinhalb müssen alle Kinder zur Sprachstands-Untersuchung: Reagieren die Eltern dann nicht auf die Schreiben der Schule, forschen die Regionalen Beratungs- und Unterstützungsstellen (Rebus) bei Meldebehörden und Nachbarn nach – nach dem Tod Jessicas hartnäckiger denn je. Den Verbleib von 629 schulpflichtigen Kindern klärte Rebus im Frühsommer ebenso auf wie den von über 700 Viereinhalbjährigen. In der Regel sei das „relativ leicht“ gewesen, so Rebus-Leiterin Renate Plan-Hübner. „Ein hoher Prozentsatz war umgezogen oder für eine Zeit im Ausland gewesen.“

68-mal sei der Schulzwang angeordnet worden, so Alexander Luckow, Sprecher der zuständigen Behörde für Bildung und Sport (BBS). Ganz überwiegend habe es sich dabei um „Meldeirrtümer“ gehandelt – um Kinder also, die tatsächlich unter einer anderen Anschrift wohnten. Mit Gewalt musste bislang in keinem Fall die Wohnungstür geöffnet werden, so Luckow, und „harte Verwahrlosungsfälle“ seien den Beamten nicht begegnet. „Sehr selten“ seien die Behördenmitarbeiter auf „Null-Bock-Mentalität und Nicht-Kümmern“ bei Eltern gestoßen.

Unklar ist, wie Kleinkindern geholfen werden kann, deren Eltern sich nicht um sie kümmern. Ein Vorschlag ist, die bislang freiwilligen kinderärztlichen Untersuchungen (U1 – U9) zur Pflicht zu machen. Ob das rechtlich machbar ist, wird derzeit geprüft.

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