Nach Feuer an den Landungsbrücken : Obdachloser sagt vor Gericht aus

Der Obdachlose Krzyzstof tritt vor dem Landgericht als Nebenkläger auf. Foto: Benjamin Laufer

Wegen versuchten Mordes steht ein Obdachloser vor dem Landgericht. Er soll an den Landungsbrücken die Platte von Krzysztof (Foto) und Slawomir angezündet haben. Ein Opfer hat nun als Zeuge ausgesagt.

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Krzysztof zittert am ganzen Körper, als er am Dienstag das erste Mal vor die Richterbank tritt. „Ich bin sehr aufgeregt“, entschuldigt sich der Obdachlose beim vorsitzenden Richter Stephan Sommer. Dabei muss er sich gar nicht rechtfertigen: Krzysztof sagt als Zeuge vor dem Landgericht aus, nicht als Angeklagter. Doch von seiner Aussage hängt eine Menge ab. Nämlich ob der ebenfalls obdachlose Dorian wegen versuchten Mordes verurteilt wird.

Die Staatsanwaltschaft wirft Dorian vor, im Januar die Platte von Krzysztof und dessen Freund Slawomir in einem Parkhaus an den Landungsbrücken angezündet zu haben. Seit vier Wochen läuft der Prozess gegen ihn am Hamburger Landgericht. Den Angeklagten hatte zum Prozessauftakt ein Zeuge entlastet. Seine Anwältin hatte eine Erklärung verlesen, in der sie eine Tatbeteiligung ihres Mandanten bestritt.

„Er ist mir aus diversen Einsätzen bekannt.“– Stadtteilpolizist Oliver Gerloff

Jetzt reden andere über ihn. „Er ist mir aus diversen Einsätzen bekannt“, sagt der Stadtteilpolizist Oliver Gerloff aus. Einmal habe Dorian versucht, ihn zu bespucken. Wegen aggressiven Bettelns oder Pöbeleien an den Landungsbrücken habe er ihm oft Platzverweise erteilt. Der wohnungslose Zeuge Florentin sagt, er habe Dorian im vergangenen Jahr oft verprügelt gesehen: „Es ging ihm elend.“

Krzysztof erkennt den Angeklagten nicht – und dann doch

Was kann Krzysztof, der im Verfahren Nebenkläger ist, über den mutmaßlichen Brandstifter erzählen? Als der Richter ihn fragt, ob er den Angeklagten kennt, steht er auf und betrachtet Dorian gründlich. Dann sagt er: „Ich sehe ihn zum ersten Mal.“

Ist das die große Wende im Prozess? Eher nicht. Auch, weil Krzysztof den mutmaßlichen Brandstifter in der Tatnacht gar nicht gesehen hatte. Dorian war verhaftet worden, weil ein Polizist ihn auf einer Überwachungskamera erkannt haben will.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Dorians Motiv für die angebliche Brandstiftung Ärger darüber gewesen ist, dass Krzysztof und Slawomir auf seinem früheren Schlafplatz genächtigt hätten. Zwischen den Obdachlosen habe es deswegen auch bereits Streit gegeben. Aber müssten sie sich dann nicht kennen?

Der Richter legt Krzysztof Fotos von mehreren Männern vor. Einen erkennt er: „Der wollte bei uns einziehen, aber da war nur Platz für zwei Personen“, sagt Krzysztof über den Mann, den er als „verrückt“ beschreibt und vom Flaschensammeln auf dem Beatles-Platz kennen will. Nach Informationen von Hinz&Kunzt zeigte das vorgelegte Bild den Angeklagten. Dorian hört Krzysztofs Schilderungen über ihn aufmerksam zu, immer wieder grinst er.

Krzysztof schildert die Feuernacht

„Ich habe versucht, seine Jacke mit den Händen zu löschen.“– Krzysztof

Vor Gericht beschreibt Krzysztof auch, wie er das Feuer erlebt hat. „Bolek hat zuerst gebrannt“, übersetzt eine Dolmetscherin die Aussage des Polen. Bolek, das ist der Spitzname von seinem Freund Slawomir. Der sei vom Feuer wach geworden und habe Krzysztof geweckt. „Ich habe versucht, seine Jacke mit den Händen zu löschen, aber es ging nicht“, berichtet Krzysztof.

Erst als Bolek die Jacke ausgezogen habe, hätten sie den Brand an seinem Körper löschen können. Dann mussten die beiden Obdachlosen zusehen, wie ihr Hab und Gut verbrannte. „Ich habe versucht, unsere Schuhe zu retten“, erzählt Krzysztof. „Aber es ging nicht.“ Die beiden Männer ziehen sich Verbrennungen zu, Krzysztof auf der Stirn, Slawomir an der Hüfte. Sie kommen ins Krankenhaus, wochenlang müssen sie Schmerzmittel nehmen.

War es überhaupt Brandstiftung?

„Wir haben bisher nichts gehört, das eine Verurteilung begründen könnte.“– Rechtsanwältin Irmela Vogel

Die Faktenlage im Verfahren ist undurchsichtig, der Ausgang ist noch völlig offen. Fest steht nicht einmal, ob das Feuer tatsächlich vorsätzlich gelegt wurde. Davon war die Polizei zwar ausgegangen, doch Brandbeschleuniger hat sie nicht gefunden.

„Wir haben bisher nichts gehört, das eine Verurteilung begründen könnte“, meint Dorians Anwältin Irmela Vogel nach der Verhandlung am Mittwoch gegenüber Hinz&Kunzt. Weitere fünf Verhandlungstage sind für das Verfahren angesetzt. Mit einer Entscheidung ist nicht vor September zu rechnen.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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