Winternotprogramm : Obdachlose ziehen in neue Notunterkunft

Etwa 70 Obdachlose warten auf die Eröffnung in der Notunterkunft Friesenstraße. Foto: Mauricio Bustamante

Das Winternotprogramm für Obdachlose geht in die nächste Saison, aber bei milden Temperaturen ist der Andrang noch gering. Von der neuen Unterkunft in der Friesenstraße sind die Obdachlosen begeistert.

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Bei vergleichsweise milden Temperaturen hält sich zum Start des Winternotprogramms der Andrang auf die Notunterkünfte der Stadt in Grenzen. Gerade einmal 70 Obdachlose stehen am Mittwochabend vor der neuen Unterkunft in der Friesenstraße in Hammerbrook Schlange. Von der angespannten Stimmung aus den Vorjahren dieses Mal keine Spur.

Die Obdachlosen Miro, Pawel und Robert haben sich bereits mehr als eine Stunde vor der Eröffnung angestellt. „Wir wollen ein Zimmer – gemeinsam“, sagt Hinz&Künztler Miro. Die Hinz&Kunzt-Verkäufer Bonnie und Clyde warten sogar schon seit dem frühen Nachmittag, weil sie einen guten Platz haben möchten.

Als die Sozialarbeiter kurz nach 17 Uhr die Tür zur Unterkunft öffnen, gehen die Obdachlosen geordnet hinein. Im Aufenthaltsraum gibt es erst einmal Abendessen für sie, zubereitet von ehrenamtlichen Helfern in der neuen Küche. Nudelsuppe und belegte Brote stehen auf dem Speiseplan. Danach beziehen die Obdachlosen die Zimmer, die sie zugeteilt bekommen  und in denen sie bis März bleiben können, wenn sie regelmäßig kommen.

Mit der neuen Unterkunft sind die Obdachlosen zufrieden

Nach der ersten Nacht in der neuen Unterkunft sind Bonnie und Clyde begeistert. „Wir sind uns vorgekommen wie im Fünf-Sterne-Hotel“, sagt Clyde am Morgen danach. In den Wintern zuvor haben sie in den Notunterkünften in der Spaldingstraße und im Münzviertel übernachtet. Dem gegenüber ist die neue Unterkunft in der Friesenstraße eine echte Verbesserung. Hier waren bis vor kurzem noch 350 Flüchtlinge untergebracht, nun müssen die Räume für zunächst bis zu 400 Obdachlose reichen.

Die besten Plätze sind schon weg
Winternotprogramm für Obdachlose
Die besten Plätze sind schon weg
Mehr als 100 Obdachlose finden über den Winter Schutz in Wohncontainern, die zum Beispiel bei Kirchengemeinden stehen. Hunderte andere bekommen nur ein Bett in einer Massenunterkunft.

Bonnie und Clyde haben eines der Paarzimmer ergattert, dass sie sich mit niemandem teilen müssen. „Super!“, findet Bonnie das. Noch im letzten Winter hatten sie mehrmals das Zimmer wechseln müssen, weil sie sich mit ihren Mitbewohnern gestritten hatten.

Miro, Pawel und Robert haben ein Sechserzimmer bekommen, dass sie sich mit drei anderen polnischen Hinz&Künztlern teilen. Auch sie sind damit zufrieden. „Es ist gut, dass ein Schrank da ist“, sagt Pawel. Erstmals in der Geschichte des Winternotprogramms können die Obdachlosen nämlich in diesem Jahr ihr Hab und Gut auf ihrem Zimmer in einem abschließbaren Schrank aufbewahren, auch tagsüber. Auch sonst mögen die Männer nicht klagen: „Gute Duschen“, sagt Pawel. „Und super Security!“

Um 9.30 Uhr müssen die Obdachlosen raus  egal, bei welchem Wetter

Am Donnerstagmorgen mussten alle wieder raus aus der Friesenstraße. So wird es jeden Morgen im Winter sein, egal wie nass und kalt es ist: Um 9.30 Uhr schließt die Unterkunft. „Ja, das ist scheiße“, sagt Pawel. Hinz&Kunzt und andere Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe fordern schon lange eine ganztägige Öffnung der Notunterkünfte, damit die Obdachlosen endlich mal zur Ruhe kommen können. Doch die Sozialbehörde ließ sich auch von 57.000 Unterzeichnern unserer Onlinepetition nicht umstimmen.

Diakonie kritisiert Winternotprogramm
„Zwei-Klassen-Prinzip bei Obdachlosen“
Diakoniechef Dirk Ahrens kritisiert Umgang mit Obdachlosen aus Osteuropa im Winternotprogramm. Weil viele von ihnen nicht mehr in die Notunterkünfte dürften, spricht er von einem „Zwei-Klassen-Prinzip“.

In der ersten Nacht haben 122 Obdachlose in der Notunterkunft in der Friesenstraße übernachtet. Im Schaarsteinweg in der Neustadt waren es 129. Dort wäre Platz für bis zu 360 Menschen gewesen.

Nicht jedoch für alle: Menschen, die in Hamburg obdachlos sind, aber in ihrem Heimatland eine Unterkunft haben, sollen auch in diesem Jahr wieder von den Notunterkünften abgewiesen werden. Dirk Ahrens, Diakonie-Chef und Hinz&Kunzt-Herausgeber, spricht daher von einem „Zwei-Klassen-Prinzip“ und warnt vor Kältetoten im Hamburger Winter.

Über die Autoren
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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