Winternotprogramm für Obdachlose : Die besten Plätze sind schon weg

60 Obdachlose kamen zur Containerplatzvergabe des Winternotprogramms. Viele waren aber schon vorher ausgeschieden. Foto: Mauricio Bustamante

Mehr als 100 Obdachlose finden über den Winter Schutz in Wohncontainern, die zum Beispiel bei Kirchengemeinden stehen. Hunderte andere bekommen nur ein Bett in einer Massenunterkunft.

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Freudestrahlend wedelt Aleksas mit seiner Bescheinigung, als er nach zwei Stunden Warten in der Tagesaufenthaltsstätte (TAS) der Diakonie endlich einen der begehrten Containerplätze ergattert. „Jetzt weiß ich endlich, wo ich den Winter verbringe!“, sagt der 60-jährige Hinz&Kunzt-Verkäufer in der Einrichtung an der Bundesstraße.

Anfang kommender Woche kann er seinen neuen Platz beziehen, der ihm und einem weiteren Obdachlosen in den kalten Monaten Schutz bieten wird. Eine Kirchengemeinde in Rissen hat auf ihrem Gelände Wohncontainer für Obdachlose aufgestellt. Ehrenamtliche aus der Gemeinde wollen sich um die Bewohner kümmern.

113 solcher Containerplätze gibt es im diesjährigen Winternotprogramm, 17 weniger als noch im Vorjahr. Die Container stehen bei Kirchengemeinden, auf dem Gelände der Hochschule für angewandte Wissenschaften, beim Rauen Haus und bei der Heilsarmee in Groß Borstel.

Hinz&Künztler Aleksas hat die Wartenummer 28 – und bekommt dafür einen Platz im Container. Foto: Mauricio Bustamante

Sie sind unter Hamburgs Obdachlosen heiß begehrt. „Das ist ein sehr guter Platz“, freut sich Lupsan, der den Sommer auf der Straße in der Hamburger Innenstadt verbracht hat und nun in einen Wohncontainer in Farmsen einziehen kann. In Massenunterkünften mit bis zu 400 Plätzen, wie sie die Stadt im Schaarsteinweg und in der Friesenstraße den Winter über anbietet, hat er schlechte Erfahrungen gemacht: „Wenn mehr als fünf Personen in einem Zimmer schlafen, gibt es immer Probleme.“

Lupsan freut sich, dass er für den Winter eine Tür hat, die er hinter sich zumachen kann. Foto: Mauricio Bustamante

In den Wohncontainern leben hingegen höchstens zwei Obdachlose, die dort im Gegensatz zu den großen Unterkünften auch tagsüber bleiben dürfen. Diese Privatsphäre schätzen die Bewohner sehr: „Ich habe sogar einen eignen Schlüssel“, sagt Lupsan.

Kompliziertes Verfahren

Den zu bekommen war in diesem Jahr noch komplizierter als sonst. In der TAS mussten die Obdachlosen schon im Oktober zu einem der drei dafür angesetzten Vorstellungstermine erscheinen. Schon das sorgte für viel Frust: Es kamen jedes Mal so viele Obdachlose, dass ein Großteil wieder weg geschickt wurde. Auf die Warteliste für das Winternotprogramm kamen sie aber erst nach einem Gespräch mit einem Sozialarbeiter.

Und um wirklich einen Platz in einem der Container zu bekommen, mussten die Obdachlosen am 1. November dann erneut in der TAS erscheinen. „So ein Kaschperltheater!“, schimpft Hinz&Künztler Gerald über die ganze Bürokratie. Aber er hat es geschafft und einen Containerplatz bekommen. Viele andere haben es nicht geschafft, so viele Termine wahrzunehmen.

Viel mehr Nachfrage als Angebot

Dass das Verfahren in diesem Jahr aufwendiger gestaltet war, hat seinen Grund. Viele Obdachlose hatten in den Vorjahren die Nacht zum 1. November vor der Tür der TAS verbracht. Sie hofften, dadurch ihre Chance auf einen Platz zu erhöhen – oft vergeblich.

„Einen Mangel zu verteilen ist immer ungerecht.“– Uwe Martiny

„In diesem Jahr musste niemand vor unserer Tür schlafen, um einen guten Platz zu ergattern“, sagt Martiny. Frustrierend war es trotzdem: Viele Obdachlose haben keinen Containerplatz bekommen. Die Nachfrage ist einfach viel höher als das Angebot. TAS-Leiter Uwe Martiny sagt selbst: „Einen Mangel zu verteilen ist immer ungerecht.“

Wer keinen Platz bekommt, den verweisen die Sozialarbeiter an die Unterkunft in der Friesenstraße. Dort eröffnet fördern&wohnen um 17 Uhr eine neue Notunterkunft. 400 Plätze stehen den Obdachlosen dort zur Verfügung. Weitere 360 gibt es im Schaarsteinweg. Insgesamt gibt es nach Schätzungen 2000 Obdachlose in der Stadt.

Über die Autoren
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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