Kommentar zur Abschaffung der Wohnungslosigkeit : Lasst uns loslegen!

Geschäftsführer Jörn Sturm vor dem Hinz&Kunzt-Haus. Foto: Mauricio Bustamante

Bis 2030 sollen Obdach- und Wohnungslosigkeit abgeschafft werden. Zeit zum Handeln – auch in Hamburg. Ein Kommentar von Hinz&Kunzt-Geschäftsführer Jörn Sturm.

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1910 Obdachlose leben auf Hamburgs Straßen. Mindestens. Denn die letzte Zählung ist vier Jahre alt, und es gibt einige Hinweise darauf, dass es inzwischen noch mehr Betroffene sind. Hinzu kommen rund 17.500 Wohnungslose, die oft seit Jahren in Unterkünften der Stadt leben, weil es keine Wohnungen für sie gibt (darunter 12.500 Geflüchtete mit „Wohnberechtigung“, die die Stadt gesondert zählt). Und die Zahl der Betroffenen ist noch größer: Nicht wenige leben in verdeckter Obdachlosigkeit, schlafen etwa bei Bekannten auf dem Sofa – und tauchen in keiner Statistik auf.

All diese Menschen sollen – so der Plan von Europäischer Union, Bundesregierung und Bundesländern – bis 2030 in einer eigenen Wohnung leben. Ein erster kleiner Schritt ist in Hamburg gemacht: Nach langem Zögern hat Rot-Grün ein Wahlversprechen aus 2020 eingelöst und ein Housing-First-Projekt auf den Weg gebracht, das im Juli gestartet ist. 30 Obdachlose sollen in den kommenden drei Jahren davon profitieren, dass sich in der deutschen Politik eine Erkenntnis durchsetzt, die Staaten wie Finnland schon lange umsetzen: Menschen brauchen erst mal geschützte eigene vier Wände, bevor ­sie sich ihren anderen Problemen zuwenden können: einer Suchterkrankung etwa, Schulden oder fehlenden Jobperspektiven.

„Es braucht jetzt eine konkrete Planung.“

Doch ist das Modellprojekt kaum mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, wie andere Zahlen zeigen. Rund 1000 Haushalte werden jährlich in Hamburg zwangsgeräumt – das sind zwar weniger als in früheren Jahren, doch immer noch viel zu viele. Bei den Fachstellen für Wohnungsnotfälle melden sich sogar 3000 Haushalte pro Jahr als obdachlos. Da wundert es nicht, dass Sozialarbeiter:innen beklagen, die Fachstellen könnten vielen Betroffenen nicht mehr helfen – weil es schlicht an Wohnraum für diese Menschen fehlt.

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„Bauen, bauen, bauen“, das Man­tra vergangener Jahre hilft nicht, wenn die falschen Wohnungen hochgezogen werden. 1895 Sozialwohnungen wurden 2021 in Hamburg fertiggestellt, nur jede vierte neugebaute Wohnung ist damit eine preisgebundene. Weil gleichzeitig gut 3000 Sozialwohnungen aus der Bindung fielen, ist die Menge bezahlbarer Wohnungen in der Stadt erneut gesunken – wie seit vielen Jahren schon. Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die sich überzogene Mieten nicht leisten können. Und die Aussichten für die kommenden Jahre sind düster, angesichts von Materialmangel auf den Baustellen und Inflation.

Nun hat der Senat einen Plan vorgestellt, der für mehr Wohnungen für Menschen in Notlagen sorgen soll. Mit einem „Sieben-Punkte-Programm“ will Rot-Grün helfen, etwa den Anteil von Sozialwohnungen bei Neubauprojekten zu erhöhen oder Belegungsrechte anzukaufen. Das hört sich gut an – ist aber nicht mehr als eine Auflistung altbekannter Rezepte. Zielzahlen nennt der Senat nicht. Und neue Ideen? Fehlanzeige.

Was muss der Hamburger Senat tun?

Wird es 2030 in Hamburg keine Obdach- und Wohnungs­losen mehr geben? Was muss der Senat tun, um dieses Ziel zu erreichen? Und welche Rolle können dabei die „Eckpunkte für einen Aktionsplan“ der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrts­pflege (AGFW) spielen? Das diskutieren Fachleute am Dienstag, den 13. September, ab 18 Uhr im Museum für Kunst und Gewerbe (Steintorplatz). Der Eintritt ist frei.

Mehr Infos über das Forderungspapier der AGFW:
www.huklink.de/Eckpunkte
Das Hamburger Housing-First-Projekt im Internet:
www.housing-first.hamburg

Kürzlich hat die Grüne Mareike Engels im Sozialausschuss der Bürgerschaft an die „kleine Vision“ erinnert, die Obdachlosigkeit bis 2030 abzuschaffen – ein Ziel, hinter das sich So­zialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) im Kreis der Sozialminister:innen der Bundesländer ausdrücklich gestellt hat. Doch fragt man in ihrer Behörde nach, wie genau dieses Ziel erreicht werden soll, kommt bislang nur der Verweis auf die Bundesregierung. Das klingt nicht nach einem kühnen Plan für ein großes Projekt.

Dabei braucht es jetzt genau das: eine konkrete Planung mit überprüfbaren Zwischenschritten. Der Senat darf nicht zögern; er muss jetzt Antworten suchen auf die Frage, wie Obdach- und Wohnungslosigkeit in Hamburg innerhalb von nicht einmal acht Jahren abgeschafft werden können.

Bereits im April hat die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Vorschläge dazu veröffentlicht. Diese Ideen sollte die Sozialbehörde dringend mit Fachleuten aus Verbänden und Projekten diskutieren. Gerne bieten auch wir von Hinz&Kunzt unsere Hilfe an. Damit wir alle in acht Jahren sagen können: Bei der Verwirklichung dieses tollen Vorhabens waren wir in Hamburg vorne mit dabei – und darauf können wir stolz sein.

Artikel aus der Ausgabe:

So schaffen wir die Obdachlosigkeit ab

Wie Finnland erfolgreich auf Housing First setzt und welchen Aktionsplan gegen Obdach- und Wohnungslosigkeit sich Bundesbauministerin Klara Geywitz für Deutschland vorstellt. Außerdem: 30 Jahre Rostock Lichtenhagen – Rückblick auf das Unfassbare.

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Autor:in
Jörn Sturm
Seit 2019 Geschäftsführer von Hinz&Kunzt

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