Mittelmeer : Initiativen wollen weiteres Rettungsschiff losschicken

Liegt noch auf der Werft, soll aber bald Richtung Mittelmeer starten: die Sea-Eye 4. Foto: Katarzyna Gmitrzak/Sea-Eye

Ein Bündnis aus Seenotretter*innen will möglichst bald ein weiteres Schiff ins Mittelmeer schicken, um dort Geflüchtete vor dem Ertrinken zu retten. Derweil sitzt die „Sea-Watch 4“ weiter in einem italienischen Hafen fest.

Noch liegt die „Sea-Eye 4“ auf der Werft in Rostock, doch schon bald soll sie für Rettungseinsätze im Mittelmeer auslaufen. Damit das möglichst schnell geschehen kann, hat das kirchlich initiierte Bündnis „United4Rescue“ eine Spendenkampagne gestartet. „Fast täglich erreichen uns schreckliche Nachrichten von unbeantworteten Notrufen und Schiffsunglücken im Mittelmeer“, sagte Gründungsmitglied Sandra Bils. Nachdem das Bündnis für die Mission der „Sea-Watch 4“ so breit unterstützt worden sei, habe man nun beschlossen: „Wir schicken noch ein Schiff!“

Der neue Seenotretter soll von der Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye betrieben werden. „Ohne die Unterstützung durch das Bündnis wäre der Kauf eines so großen Schiffes für uns unvorstellbar geblieben“, sagte deren Vorsitzender Gordon Isler. Sea-Eye ist bereits mit der „Alan Kurdi“ auf dem Mittelmeer unterwegs und hat nach eigenen Angaben seit 2016 mehr als 15.000 Menschen das Leben gerettet.

„Ohne die Unterstützung durch das Bündnis wäre der Kauf eines so großen Schiffes für uns unvorstellbar geblieben.“– Gorden Isler, Sea Eye

United4Rescue will sich mit 434.000 Euro an den Kosten für Kauf und Umbau der „Sea-Eye 4“ beteiligen – bislang sind etwas mehr als 10.000 Euro davon zusammengekommen. Dem Bündnis gehören mehr als 660 zivilgesellschaftliche Gruppen an, darunter auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Die war im Frühjahr 2019 vom Kirchentag aufgefordert worden, „dem Scheitern der europäischen Regierungen“ nicht länger tatenlos zuzusehen, und hatte daraufhin die Initiative für ein neues Rettungsschiff im Mittelmeer ergriffen: die „Sea-Watch 4“.

Den Helfer*innen zufolge sitzt dieses Schiff allerdings weiter im Hafen von Palermo (Sizilien) fest. Nach den jüngsten Bootsunglücken im Mittelmeer hat der Ratsvorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm erneut die Freigabe der „Sea-Watch 4“ gefordert. Die italienischen Behörden beanstanden angebliche Sicherheitsmängel, die Betreiberin des Schiffes, die Organisation Sea-Watch, hält das für einen vorgeschobenen Grund. Es seien vor allem rechtliche Fragen, die eine zweite Mission des Seenotretters bislang verhindert hätten, schrieb der EKD-Ratsvorsitzende bei Facebook. „Dass sie mehr Gewicht eingeräumt bekommen als die humanitäre Dringlichkeit, bedaure ich.“

Nach Angaben von Sea-Eye ist die spanische „Open Arms“ derzeit das einzige zivile Rettungsschiff auf dem Mittelmeer. Die anderen sechs zivilen Hochseerettungsschiffe seien wegen angeblicher technischer Mängel festgesetzt. Weil es kaum sichere, legale Fluchtwege gibt, wählen weiterhin viele Menschen den gefährlichen Weg übers Mittelmeer – mit schrecklichen Folgen: Vor wenigen Tagen erst ertranken mindestens 74 Geflüchtete nach einem Schiffbruch vor der Küste Libyens.

Autor*in
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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