Wärmestube für Obdachlose : Geschlafen wird im Sitzen

Von außen unscheinbar, von innen ungemütlich: Die Wärmestube für Obdachlose in der Hinrichsenstraße. Foto: JOF

Erstmalig weist die Stadt Obdachlose aus Osteuropa im Winternotprogramm ab und schickt sie nachts in eine Wärmestube ohne Schlafplätze in Hohenfelde. Dort müssen sie im Sitzen schlafen. 

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Trostlos. Andere Worte fallen einem nicht ein, wenn man die neue Kältestube für Obdachlose in der Hinrichsenstraße betritt. Gelbliche Tapeten, die  den Räumen den Charme eines alten Wartezimmers verleihen. Keine Bilder, keine Pflanzen, keine Kissen, sondern harte Holzstühle und einige Tische mit ein paar abgegriffenen Magazinen und Comics. So sieht der einzige beheizte Ort aus, den die Stadt abgewiesenen Obdachlosen nachts noch „anbietet“.

Denn seit Mitte Dezember werden in den Unterkünften des Winternotprogramms Ausweise kontrolliert. EU-Bürger mit einer Heimatadresse gelten als „freiwillig obdachlos“. Sie dürfen nicht mehr in den Betten der Notunterkünfte schlafen. Stattdessen sollen sie Hamburg verlassen und erhalten Rückfahrtickets in die Heimat. Viele obdachlose Rumänen und Bulgaren sind allerdings wieder in Hamburg oder verließen die Stadt gar nicht erst.

Für sie wurde nachts die Wärmestube eröffnet. Anders als sonst üblich betreibt sie kein karitativer Träger, sondern das städtische Unternehmen fördern und wohnen (f&w). Nur wenige Obdachlose nehmen das „Angebot“ an, sagt f&w-Pressesprecherin Susanne Schwendtke.

Wärmestube, keine Übernachtungsstätte

Das liegt wohl nicht an der trostlosen Einrichtung. Die dürfte frierenden und müden Obdachlosen herzlich egal sein. Sie brauchen nur einen Schlafplatz. Den allerdings bietet die Wärmestube nicht. Sie sei „keine Übernachtungsstätte“, stellt Schwendtke klar.

„Obdachlose werden nur geweckt, wenn sie drohen, vom Stuhl zu fallen.“– Susanne Schwendtke, fördern&wohnen

Isomatten darf man nicht ausrollen. Auch Beratung gibt es nicht, nur einen Wachdienst. Der soll nach Hinz&Kunzt-Informationen einen Obdachlosen geweckt haben, weil dieser mit dem Kopf auf dem Tisch schlief. „Die Schilderung überrascht“, sagt Schwendtke. „Es kommt immer wieder vor, dass Obdachlose am Tisch einschlafen. Sie werden nur geweckt, wenn sie drohen, vom Stuhl zu fallen.“

Über Nacht bleiben zudem die ­alten Büro-Deckenlampen an, da ja „während der Nacht Personen hinzukommen“ könnten. Grelles Licht, harte Stühle. Effektiver kann man wohl niemanden vom Schlafen abhalten.

Wer bitte ist freiwillig obdachlos?
Sozialarbeiter Johan Graßhoff
Wer bitte ist freiwillig obdachlos?
Die Sozialbehörde führt eine Zweiklassengesellschaft im Winternotprogramm für Obdachlose ein. Straßensozialarbeiter Johan Graßhoff beobachtet die Entwicklung mit Sorgen. Im Interview spricht er über Erfahrungen mit Bettlern aus Rumänien.

Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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