Sozialarbeiter Johan Graßhoff : Wer bitte ist freiwillig obdachlos?

Viele Bettler schämen sich, sagt Straßensozialarbeiter Graßhoff. Foto: Theo Heimann/Action Press

Die Sozialbehörde führt eine Zweiklassengesellschaft im Winternotprogramm für Obdachlose ein. Straßensozialarbeiter Johan Graßhoff beobachtet die Entwicklung mit Sorgen. Im Interview spricht er über Erfahrungen mit Bettlern aus Rumänien.

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Bietet die Stadt nicht mehr allen Obdachlosen Schutz? Im November kursierte solch ein Gerücht. „Die Rumänen dürfen nicht mehr rein“, erzählte uns Hinz&Künztlerin Kim entsetzt. Das hätte ihr ein Freund aus dem Winternotprogramm berichtet.

Selbstverständlich gingen wir dem Gerücht nach. Bislang galt: Das Winter­notprogramm auf Basis des Sicherheits- und Ordnungsgesetzes ist dafür gedacht, dass kein Obdachloser draußen erfrieren muss. Wer kommt, muss noch nicht mal seinen Namen sagen, geschweige denn seinen Ausweis zeigen. Und plötzlich sollte das nicht mehr gelten? Denn das Gerücht besagte auch: Alle Rumänen müssen ihren Ausweis vorzeigen.

Wir fragten bei der Behörde nach. Doch die gab in den ersten Wochen nur widersprüchliche Antworten: „Niemand muss draußen schlafen“, was uns sehr erleichterte. Aber: Wer in Rumänien eine Adresse hat und dahin zurück kann, ist freiwillig obdachlos.

Das beunruhigte uns. Denn wir befürchten, dass viele lieber wieder auf der Straße schlafen, als nach Rumänien zurückzufahren. Was im Winter noch gefährlicher ist als im Sommer.

Verunsicherung im Schaarsteinweg

Wir wollten uns selbst ein Bild ­machen. Vor dem Erfrierungsschutz am Schaarsteinweg trafen wir auf 20, ­vielleicht sogar 30 Rumänen. Wild gestikulierend diskutierten sie miteinander. Wir fragten nach: „Müssen weg“, „nix bleiben“ oder auch „Wohin jetzt?“, sagten sie. Die Verunsicherung war spürbar.

„Die Rumänen müssen raus. Die haben hier kein Anrecht.“

Von draußen konnten wir erkennen, wie Rumänen aus der Schlange herausgelotst und an einem Extra-Schalter befragt wurden. Eine Mitarbeiterin der Unterkunft kam heraus auf eine Zigarettenpause. „Die Rumänen müssen raus“, sagte sie. „Die haben hier kein Anrecht.“ Die Anweisung komme „von ganz oben“. Wenig später sprachen wir mit einer weiteren Kollegin: In Hamburg müsse niemand draußen schlafen. Wir blieben ratlos zurück. Fragten wieder in der Sozialbehörde nach.

Mitte Dezember endlich Klartext: Wer hier keine Perspektive hat, dem bleibe nur noch die freiwillige Rückkehr ins Heimatland. Wer nicht abreisen wolle, der sei jetzt „freiwillig obdachlos“. Dann sagte uns der Behördensprecher noch, dass es ja eine Wärmestube in der Hinrichsenstraße gebe, in der sich die Rumänen nachts aufhalten könnten. Eine Matratze gäbe es da nicht, aber einen Stuhl.

Warum das Ganze jetzt mitten im Winter durchgezogen werden muss, verstehen wir nach wie vor nicht. Und uns verstören die zahlreichen Gerüchte über angebliche Bettlerbanden. Um Klarheit zu gewinnen, trafen wir uns mit Johan Graßhoff, Straßensozialarbeiter und Kollege aus dem Diakonischen Werk. Er ist ganz dicht dran und kennt die Sorgen und Probleme der Menschen auf der Straße.

„Kein Mensch ist freiwillig obdachlos“

Freiwillig obdachlos? Sozialarbeiter Johan Graßhoff spricht im Interview über osteuropäische Bettler in Hamburg. Foto: Dmitrij Leltschuk.

Hinz&Kunzt: Johan, du warst selbst auch vor Ort und hast mit Betroffenen gesprochen. Wie liefen die Beratungen ab?

Johan Graßhoff: Per Fragebogen werden Rumänen gezielt nach ihrer Heimat-adresse gefragt. Es wird nicht gefragt, ob eine Rückkehr in die Heimat zumutbar ist, sondern nur, ob das Haus noch da ist und ob es die Familie gibt.

Viele der Rumänen sind in Hamburg zum Betteln. Sie pendeln zwischen ihrer Heimat und Hamburg. Was werden sie jetzt machen?

Kein Mensch ist freiwillig obdachlos. Die Bedingungen in ihrer Heimat sind nun mal so katastrophal, wie sie sind. Es nützt ihnen wenig, dass sie kleine Häuser „besitzen“. Denn sie haben keine Arbeit und kein Geld, um über die Runden zu kommen. Deswegen werden sie wiederkommen. Ich befürchte nur, dass sie dann hier in Schlupflöchern landen, wo wir sie als Sozialarbeiter überhaupt nicht mehr erreichen.

Momentan kursieren ja auch Gerüchte, dass es alles Bettelbanden seien.

„Viele Bettler, die ich kenne, schämen sich.“– Johan Graßhoff

Man macht sich gar keine Gedanken, wie es ist, wenn man bettelt. Das ist erniedrigend und viele, die ich kenne, schämen sich.

Aber kennst du das Phänomen der kriminellen Bettelei aus deiner Arbeit?

Nein. Wir haben das weder zuletzt noch in den vergangenen Jahren feststellen können. Es gab mal die Klemmbrett-Betrüger. Da sammelten junge Osteuropäer in der Innenstadt Spenden für einen Verein, den es nie gegeben hat. Aber aktuell gibt es so was nicht.

Wir haben bei der Polizei nachgefragt. Deren Beobachtungen decken sich mit deinen.

In meiner Arbeit stoße ich auf Familien. Keine Banden. Die organisieren sich. Das ist aus meiner Sicht etwas sehr Menschliches. Wenn man beispielsweise einteilt, wer morgens in der Spitaler Straße und abends in der Mönckebergstraße steht. Das machen die Zeugen Jehovas oder Hinz&Kunzt doch auch.

Schon jetzt leben einige dieser Familien im Winter unter irgendwelchen Brücken. Schrecklich, denn Obdachlosigkeit ist eine Gefahr für Leib und Leben.

Wird die Problematik mit den Bettlern also künstlich aufgebauscht?

Nein, so einfach ist es auch wieder nicht. Es gibt Bettelformen, die kann ich nicht gutheißen. Früher wurde in Hamburg mit Kindern gebettelt. Aber das Wohl der Kinder darf nicht gefährdet werden. Deswegen wurde das dann auch unterbunden.

Wie sollte man mit den Bettlern umgehen?

Ich rate immer dazu, dass man die Perspektiven auch der anderen Seite in den Blick nimmt. Einfach mal die Brillen tauschen und gucken, was der andere so sieht. Das klingt vielleicht ein bisschen zu einfach, aber es hilft.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über die Autoren
Birgit Müller
Birgit Müller arbeitet seit 1993 für Hinz&Kunzt. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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