Winternotprogramm : 170 Osteuropäer lösen Rückfahrtticket

Wer eine Wohnunterkunft in der Heimat angibt, gilt laut Sozialbehörde als "freiwillig Obdachlos" und soll im städtischen Winternotprogramm keinen Platz mehr bekommen. Foto: Benjamin Laufer

Das strengere Vorgehen der Stadt gegenüber osteuropäischen Obdachlosen im Winternotprogramm zeigt offenbar Wirkung: Nach Angaben der Sozialbehörde haben rund 170 Osteuropäer ein Rückfahrtticket gelöst.

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Alle Heimkehrer hätten zuvor die sogenannte Perspektivberatung durchlaufen, sagt Sprecher Marcel Schweitzer. In welchen Zeitraum sich die Menschen zur Abreise bereit erklärten, wurde jedoch nicht erfasst. Die Zahl bezieht sich der Behörde zufolge auf alle Rückkehrer seit Beginn des Winternotprogramms am 1. November 2016. Insofern ist unklar, ob es sich bei den Rückreisen um dauerhafte Heimkehr oder um kurzfristige Weihnachtsbesuche bei der Familie handelt. „Hinweise darauf, dass die Menschen wieder nach Hamburg zurückgekehrt sind, gibt es nicht“, sagt Schweitzer.

Seit einigen Wochen versucht die Sozialbehörde zu ermitteln, welche osteuropäischen Obdachlosen im städtischen Winternotprogramm eine Wohnadresse in ihrem Heimatland haben. Wer demnach ein Zuhause hat, gilt der Behörde hier als „freiwillig obdachlos“ und soll das Winternotprogramm verlassen. Die Stadt bietet denen, die der Ausreise zustimmen und sie nicht selbst bezahlen können, ein Rückfahrticket an.

„Wir dürfen nicht riskieren, dass es auch nur einen Kältetoten gibt“
Stellungnahme zum Winternotprogramm
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Wir sind besorgt: Laut Medienberichten plant die Sozialbehörde, gegen sogenannte „unberechtigte Nutzer“ des Winternotprogramms vorzugehen. Das kritisieren Diakonie, hoffnungsorte hamburg und Hinz&Kunzt in einer gemeinsamen Stellungnahme scharf.

„Wir hoffen, dass die Personen wirklich ausgereist sind und nicht wegen des Drucks der Behörde jetzt auf der Straße schlafen“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Ob die 170 Osteuropäer, die sich zur Heimfahrt bereiterklärt hatten, tatsächlich abgereist sind, weiß die Sozialbehörde nicht mit Sicherheit. Gezählt wurden nach Angaben des Behördensprechers die gelösten Tickets. „Noch haben wir keine extrem kalten Temperaturen“, sagt Stephan Karrenbauer. „Wir halten es aber nach wie vor für unverantwortlich, im Winter einen so starken Druck auf die Leute auszuüben, dass sie das Winternotprogramm nicht mehr nutzen und riskieren, auf der Straße zu erfrieren.“

Obdachlose übernachten auf Stühlen

Schutz vor nächtlicher Kälte bietet neben den Schlafplätzen im Winternotprogramm auch eine neue Wärmestube, die die Sozialbehörde im November in der Hinrichsenstraße 4 eröffnete. Sie ist auch nachts zugänglich, gilt aber ausdrücklich nicht als Übernachtungsstätte, weil es dort keine Betten gibt, sondern nur Stühle. Dennoch suchen Obdachlose dort auch nachts Unterschlupf. Nach Schätzung des Behördensprechers sind es pro Nacht durchschnittlich 20 Menschen. Genaue Zahlen wurden bislang nicht ermittelt.

Bis zum 12. Dezember wurden laut Sozialbehörde im Winternotprogramm 676 Beratungsgespräche geführt. Den Ergebnissen zufolge gaben dabei 411 Personen an, ein Zuhause zu haben. 170 Menschen sagten, dass sie einer Arbeit nachgehen. 74 Personen befanden sich nach eigenen Angaben in einem laufenden Asylverfahren. Wie der Behördensprecher aufführt, wurden diese Personen an die Zentrale Erstaufnahme für Flüchtlinge verwiesen. 13 Personen verdienten nach Angaben der Behörde genug Geld, um in ein Hostel umzuziehen.

Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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