Hamburgische Bürgerschaft : Diakonie fordert Hilfe für Wohnungsnotfälle

#einfachwohnen
Diakonie-Chef und Hinz&Kunzt-Herausgeber Dirk Ahrens fordert, dass Menschen in Wohnungsnot zuerst eine Wohnung bekommen sollten. Foto: Diakonie Hamburg

Kritik am Senatskonzept für Menschen in Wohnungsnot kommt jetzt von der Diakonie: Der Senat baue zwar sein Hilfsangebot aus. Aber weit mehr als 10.000 Bedürftige warten verzweifelt auf eine Wohnung.

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In den vergangenen fünf Jahren fanden in Hamburg jedes Jahr mehr Menschen mit einem Dringlichkeitsschein eine neue Wohnung. 2013 konnten 2881, 2018 bereits 3738 Haushalte versorgt werden. Das geht aus der jetzt in der Hamburgischen Bürgerschaft präsentierten Auswertung des Senatkonzeptes für vordringlich Wohnungssuchende hervor.

Ein Erfolg. Allerdings: Der Anstieg der Haushalte, die bei der Wohnungssuche leer ausgehen, ist zugleich dramatisch. Waren es vor zehn Jahren noch 5424 Haushalte, gab es im vergangenen Jahr insgesamt 11.768 Haushalte, die das Fachamt als Notfall einstuft und die keine Hilfe erhielten. Sie sind nicht in der Lage, selber eine Wohnung zu suchen und erhalten deswegen einen Dringlichkeitsschein, mit dem sie Anrecht auf eine Sozialwohnung mit einer sogenannten Wohnungsamt-Bindung – im Fachjargon WA-Bindung – haben. Das Wohnungsamt weist den Betroffenen aus dem Bestand schließlich eine Wohnung zu.

Soweit die Theorie. Praktisch gibt es für tausende Notfälle heutzutage keine Aussicht auf Hilfe mehr. Allein in den vergangenen vier Jahren schrumpfte der Bestand um mehr als 8000 WA-gebundene Wohnungen auf aktuell 35.000 Wohnungen zusammen.

Scheinbesetzung in Altona
Protest gegen Leerstand
Scheinbesetzung in Altona
Mit einer symbolischen Besetzung hat ein Bündnis aus Diakonie, Caritas, Mieter helfen Mietern und Stattbau auf einen jahrelangen Leerstand in Altona hingewiesen. Dort könnten vordringlich Wohnungssuchende einziehen, hieß es.

„Die Wohnungspolitik des Senats stellt Wohnungsnotfälle seit Jahren ans Ende der Warteschlange“, sagt Diakonie-Chef Dirk Ahrens. Ein Blick auf die vergangenen vier Jahr verdeutlicht die Kritik: Fertiggestellt wurden in dem Zeitraum in Hamburg 34.837 neue Wohnungen. Davon Sozialwohnungen: 9404. Für Menschen mit Dringlichkeitsschein war laut Senat der Bau von 1200 Wohnungen vorgesehen. Fertig wurden 40.

„Menschen in Wohnungsnot sollten zuerst eine Wohnung bekommen“, fordert Dirk Ahrens. Zusammen mit Caritas, Stattbau und Mieter helfen Mietern hat die Diakonie die Kampagne #einfachwohnen für sogenannte vordringlich Wohnungssuchende vor zwei Monaten gestartet. „Diese Menschen wollen nur das, was jeder andere Bürger dieser Stadt bereits hat: eine ganz normale Wohnung“, sagt Dirk Ahrens.

Der Diakonie-Chef fordert jetzt den Senat zum Handeln auf. Die Zahl der Wohnungsnotfälle ließe sich nach seiner Auffassung innerhalb von fünf Jahren halbieren. „Dafür müssten pro Jahr etwa 5000 Wohnungen aus dem Bestand zur Verfügung gestellt werden“, erläutert Dirk Hauer von der Diakonie. „Das wäre fast eine Verdoppelung der aktuellen Zahlen, aber durchaus machbar.“

#einfachwohnen

Nur tröpfchenweise geht es mit dem Wohnungsbau für die sogenannten vordringlich Wohnungssuchenden voran: Sechs Wohnungen wurden in Hamburg im vergangenen Jahr fertiggestellt. Acht weitere im Jahr zuvor. So kann es nicht weiter gehen, finden Diakonie, Caritas, Mieter helfen Mietern und Stattbau. Sie haben sich zum „Hamburger Bündnis für eine neue soziale Wohnungspolitik“ zusammengeschlossen und starten gemeinsam die Kampagne #einfachwohnen. In unserer September-Ausgabe widmeten wir dem Thema einen Schwerpunkt. Zum Inhalt.

Drei Vorschläge unterbreiten die Macher der Kampagne: Der Senat sollte die Freistellungsgebiete in Hamburg aufheben. Das sind Wohngegenden, in denen aktuell Sozialwohnungen auch an nicht bedürftige Menschen vermietet werden können. Eine Regelung aus Zeiten, in denen in Hamburg keine Wohnungsnot herrschte. 7000 WA-Wohnungen liegen in diesen Freistellungsgebieten, die bei Auszügen künftig für Menschen in Not frei würden. Bei einer normalen Fluktuation könnten dadurch rund 500 Haushalte allein pro Jahr zusätzlich versorgt werden, rechnet die Diakonie vor. Ein weiterer Hebel: Jede zweite freie Wohnung der Saga sollte an Menschen in Wohnungsnot vermietet werden. Bislang stellt die Saga etwa jede vierte Neuvermietung für Dringlichkeitsscheininhaber bereit.

Diese beiden Veränderungen würden umgehend helfen. Langfristig solle der Senat aber auch mit dem Wohnungsbau Menschen in Not helfen: Investoren sollten verpflichtet werden, auf verkauften städtischen Flächen Wohnraum für vordringlich Wohnungssuchende zu bauen. „Wir kennen Investoren, die sofort für Menschen in Wohnungsnot bauen, doch die Stadt gibt ihnen keine geeigneten Flächen“, bemängelt Hauer.

Über den Autor
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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