Hauptbahnhof : Bahn kontrolliert ab sofort Bahnhofsvorbereiche

Die Bahn hat jetzt das Sagen auch rund um den Bahnhof. Unerwünschte Personen wie Pfandsammler, Obdachlose oder Menschen, die Alkohol trinken, können fortan leichter vertrieben werden.

 

Hier regiert jetzt auch die Bahn: Vorbereich unter Hallendächern am Hachmannplatz.

Konkret erstreckt sich die Hausordnung der Bahn nun auch auf die Bereiche unter den Hallenvordächern sowie die Dächer am Hachmannplatz und den Tunnel zur Mönckebergstraße. Offiziell sind diese nun „Bahnhofszugangsanlagen“. Einen entsprechenden Vertrag haben Bahn, Wirtschaftsbehörde und das Bezirksamt-Mitte unterzeichnet. Er gilt zunächst für zehn Jahre.

In einer Mitteilung des Senats heißt es, damit würden „klare Strukturen geschaffen.“ Diese klaren Strukturen erlauben es der Bahn nun ganz offiziell, unerwünschte Bahnhofsnutzer wie Pfandsammler, Obdachlose und Personen, die dort trinken, rauszuschmeißen. Denn die Hausordnung verbietet „übermäßigen Alkoholkonsum“ ebenso wie das „Durchsuchen von Abfallbehältern“ und das „Sitzen und Liegen auf dem Boden, auf Treppen und Zugängen“. Bahn-Sprecher Meyer-Lovis bestätigt, dass künftig etwa  „Trinkgelage unterbunden werden“, wiegelt aber ab: Platzverweise seien „allerletztes Mittel“.

Wie ernst es den Beteiligten mit der Abschottung ist, zeigt jedoch die erste Maßnahme: Schon heute wurde eine Baustelle am Fußgängertunnel zur Spitalerstraße eingerichtet. Dieser soll ganz dicht gemacht werden.

Und warum das alles? Die offizielle Begründung lautet: Das subjektive Sicherheitsgefühl der Bahnhofsnutzer soll verbessert werden. Laut Bezirk Mitte seien zudem „objektive Störungen der öffentlichen Ordnung durch wildes Urinieren, verbale Übergriffe und aggressives Betteln“ festgestellt worden.

Dirk Hauer vom Diakonischen Werk widerspricht: „Der Hauptbahnhof ist kein soziales Problemgebiet. Da wird ein Problem konstruiert”, so der Fachbereichsleiter. Das Diakonische Werk trägt das Maßnahmenpapier nicht, findet es „hochgradig problematisch“. Hauer: „Die Übertragung des Hausrechts bedeutet faktisch Verdrängung. Das was Menschen dort vorher machen durften, dürfen sie nun nicht mehr. Platzverweise werden die Folge sein.  Es wird eine neue Innenstadtdiskussion auf uns zukommen. Die Leute verschwinden da ja nicht einfach.“

Gleiches kritisiert Hinz&Kunzt-Chefredakteurin Birgit Müller: „Ich finde es ein Armutszeugnis, wenn eine Stadt einen öffentlichen Platz privatisiert. Sie zeigt damit, dass sie anscheinend nicht anders mit gesellschaftlichen Problemen umgehen kann. In jeder Großstadt gibt es gesellschaftliche Knotenpunkte, etwa die Kersten-Miles-Brücke. Wir hatten damals vorgeschlagen, eine soziale Task Force für die Stadt einzurichten. Die sollte dafür sorgen, dass Anwohnerinteressen und die Interessen anderen Gruppen in Einklang gebracht werden. Damit ein Zusammenleben funktioniert, bedarf es der Erarbeitung gemeinsamer Regeln, an die sich alle halten. Was nicht geht ist, dass man Leute einfach von einem Ort zum anderen treibt.“

Text und Foto: Simone Deckner

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