Momentaufnahme : Endlich mal auf Wolke sieben

Christian wohnt im Hinz&Kunzt-Haus in einer WG. Foto: Miguel Ferraz

Viele Jahre hat Christian in Heimen und auf Platte verbracht. Nun lebt er im Hinz&Kunzt-Haus – und ist dort Teil einer Wohngemeinschaft.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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In diesen Tagen schwebt Christian auf Wolke sieben. Im Februar ist der 39-Jährige seiner neuen Freundin begegnet und hat sich verliebt bis über beide Ohren. Und dann hat es auch noch mit den eigenen vier Wänden geklappt: Kürzlich zog Christian ins Hinz&Kunzt-Haus, ins letzte freie Zimmer einer Wohngemeinschaft ehemals Obdachloser.

Für den Hinz&Kunzt-Verkäufer kam die Anfrage von Sozialarbeiter Jonas Gengnagel gerade zur rechten Zeit: Aus dem Wohnheim, in dem er zuletzt gelebt hat, musste er nach drei Jahren raus, weil längeres Wohnen dort nicht vorgesehen ist. Nun hat Christian einen unbefristeten Mietvertrag und sagt: „Man muss auch mal Glück haben!“ In knappen Worten erzählt der jugendlich wirkende Mann die traurige Geschichte seiner Kindheit: Als er zweieinhalb Jahre alt ist, geben seine Eltern ihn weg – „meine Mutter war manisch-depressiv, mein Vater Alkoholiker und Spieler.“ Es folgen Jahre in einer Pflegefamilie, über die Christian nicht groß reden will: „Da gab es nur Schläge.“ Als Elfjähriger haut er das erste Mal aus dem verhassten Zuhause ab, danach immer wieder. Mit 16 kommt er in ein Heim.

Trotz aller Not gibt es auch schöne Momente: Als 16-Jähriger segelt Christian als sogenannter schwer erziehbarer Jugendlicher über den Atlantik. Er soll unter fachkundiger Anleitung fürs Leben geschult werden – und büxt in Mexiko erneut aus, obwohl ihm der Trip gut gefällt. „Ich war ein Idiot“, sagt der Hinz&Künztler rückblickend und grinst. „Und ich hatte das Abhau-Syndrom.“ Für ein paar Wochen lebt er bei Fischern, die ihn liebevoll bei sich aufnehmen. Dann kommt die Polizei und steckt ihn in Abschiebehaft. Der Heimatlose muss zurück nach Deutschland.

Christian pendelt viele Jahre zwischen verschiedenen Städten, lebt in Berlin, Hannover, München und Hamburg. Mal schläft er in Obdachlosenheimen, mal bei einer Freundin, mal auf der Straße und mal im Knast. Vor 19 Jahren kommt er zu Hinz&Kunzt, ein Verkäufer hatte ihm von dem Projekt erzählt. „Ich möchte ein normales Leben führen“, erzählt Christian im Oktober 2004 in einem Interview. Dass der Weg dorthin so schwer ist, weiß er damals noch nicht. Bei Hinz&Kunzt habe er immer wieder Hilfe bekommen, sagt Christian rückblickend. Und die Möglichkeit, sich etwas Geld hinzuzuverdienen.

Jahrelang prägt vor allem die Heroinsucht sein Leben – bis er eines Tages Hilfe findet und ins Polamidon-Programm aufgenommen wird. Bis heute ist er auf die Ersatzdroge angewiesen und froh darüber, dass es sie gibt. Über Heroin sagt er nur: „Zum Glück brauch ich den Scheiß nicht mehr.“ Es gehe seit einigen Jahren bergauf bei ihm, sagt Christian und scherzt: „Im Alter wird man ruhiger und weiser.“ Er will es künftig gut machen, mit sich selbst und den anderen: Am Tag des Einzugs in die WG haben seine Freundin und er erst mal Pizza für die neuen Mitbewohner gebacken. Gerade hat er sein nächstes Vorhaben gestartet: zehn Tage Leben ohne Alkohol. Für jemanden, der gewöhnlich „an die zehn Bier“ pro Tag trinkt, ein gewaltiges Projekt. Doch Christian hat einen klaren Plan: „Ich will das loswerden und für meine Gesundheit kämpfen.“

Traumjob Tierpfleger

Wer zu seinem Glück aktuell noch fehlt, ist Luna. Luna ist eine Ratte und seit gut zwei Jahren Christians Begleiterin. Derzeit ist sie bei einem Bekannten untergekommen. Christian muss den Käfig, der verwaist neben seinem Bett auf dem Boden steht, noch umbauen, bevor das Tierchen einzieht. Luna ist nämlich schlau: Sie kann ihre Käfigtür selbstständig öffnen. Aber sie soll die neuen menschlichen Mitbewohner nicht erschrecken – eine freilaufende Ratte in der Wohnung ist schließlich nicht jedermanns Sache. „Ich will ja keinen Ärger“, sagt Christian.

Einen Hund hat er schon gehabt, eine Katze und auch Mäuse. Letztere saßen einst wie heute Luna am liebsten auf Christians Schulter: „Ich liebe Tiere.“ Und weil das so ist und er so gut mit ihnen kann, hat Christian einen Traum: Er möchte eines Tages als Tierpfleger arbeiten. „Das ist ein schöner Job.“ Wie das klappen kann? Er will demnächst mal beim Tierheim nach-fragen. Vielleicht kann er dort ein Praktikum machen oder ehrenamtlich aushelfen? Christian spürt, er braucht eine Aufgabe, die ihn erfüllt: „Dann habe ich was um die Ohren und komme nicht auf dumme Gedanken.“

Artikel aus der Ausgabe:

Wie geht Frieden?

Schwerpunkt über Pazifismus in Kriegszeiten, Obdachlosenhilfe im Kriegsgebiet und Kriegsdienstverweigerung in der Ukraine. Außerdem: Arbeit mit Problemhunden, das Ende des Winternotprogramms und bildende Kunst von Erwin Wurm.

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Autor:in
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas schreibt seit vielen Jahren für Hinz&Kunzt - seit Anfang des Jahres als angestellter Redakteur.

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