Jahresbilanz 2016 : 17 Obdachlose durch Gewalt gestorben

Obdachlose haben keine Rückzugsräume: Auf Platte sind sie Gewalttätern schutzlos ausgeliefert. Foto: Mauricio Bustamante

Die Zahl von Gewalttaten gegen Obdachlose ist weiterhin hoch: 2016 kamen dabei insgesamt mindestens 17 Menschen ums Leben. Auf ihren Schlafplätzen sind Obdachlose Gewalttätern meist schutzlos ausgeliefert.

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Bei Gewalt gegen Obdachlose spielen nach Erkenntnissen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) menschenverachtende und rechtsextreme Motive häufig eine zentrale Rolle. Acht Obdachlose sind im vergangenen Jahr in Deutschland durch Gewalttaten von nicht wohnungslosen Menschen ums Leben gekommen. Das gab die BAG W am Mittwoch bekannt. 52 Mal wurden Obdachlose demnach Opfer von Körperverletzungen. Das ergab eine Auswertung von Medienberichten durch die BAG W. Die tatsächliche Zahl der Gewalttaten dürfte noch deutlich höher liegen, weil nicht über alle Fälle in Medien berichtet wird.

Hinzu kommen auch noch die Gewalttaten, die sich Wohnungslose gegenseitig zugefügt haben. Hier recherchierte die BAG W 76 dokumentierte Fälle von Körperverletzungen und neun Todesfälle. Die jährliche Auswertung von Medienberichten der BAG W zeigt, dass die Zahl der Gewalttaten über die Jahre in etwa gleich bleibtSeit 1989 gab es nach der Statistik in Deutschland mindestens 502 Todesfälle durch Gewalt gegen wohnungslose Menschen.

St. Georg
Polizei sucht Zeugen für Angriff auf eine Obdachlose
Unbekannte Männer sollen am Samstagvormittag in St. Georg versucht haben, eine Obdachlose anzuzünden. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung und sucht nach Zeugen.

Breites Spektrum an Gewalttaten

Das Spektrum der Gewalttaten ist breit: In Hamburg wurde ein 19-jähriger Obdachloser im September ins Krankenhaus geprügelt. In Dortmund wurde ein Obdachloser mit Silvesterraketen beschossen und schwer verletzt. In Nürnberg wurde ein Obdachloser ins Gesicht getreten. Für Aufsehen gesorgt hatte im Dezember ein Fall aus Berlin: Dort hatten junge Männer versucht, einen Obdachlosen anzuzünden. Ähnliches soll sich im Januar in Hamburg abgespielt haben. Die Polizei sucht Zeugen, die einen Angriff auf eine Obdachlose in St. Georg beobachtet haben.

Gesundheitsprobleme als Konsequenz

„Diese Zahlen zeigen deutlich: Platte machen ist kein Campingurlaub!“, kommentiert Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer die Statistik. Für Obdachlose sei Gewalt auf der Straße Normalität. „Viele regen sich darüber gar nicht mehr auf, sondern nehmen es als selbstverständlich hin“, sagt er.

Viele nehmen Gewalt als selbstverständlich hin– Stephan Karrenbauer

Das habe auch Auswirkungen auf die Gesundheit: „Durch die ständige Angst auf der Straße haben viele Obdachlose einen erheblichen Schlafmangel. Dadurch sind sie sehr geschwächt“, berichtet Karrenbauer. Der Schlafmangel wirke sich letztendlich auch auf die Lebenserwartung der Obdachlosen aus. Sie liegt in Hamburg bei 46,5 Jahren.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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