Verbrechen der Wehrmacht

Einführung

(aus Hinz&Kunzt 132/Februar 2004)

„Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“ – so lautet der Titel der neu konzipierten Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS). Auf Grundlage des damals geltenden Kriegs- und Völkerrechts dokumentiert sie die teils aktive, teils passive Beteiligung der Wehrmacht an den im Zweiten Weltkrieg verübten Verbrechen. Am Beispiel der Kriegsschauplätze in Ost- und Südosteuropa zeigt sie auf 1000 Quadratmetern sechs Dimensionen des Vernichtungskrieges: Völkermord an den sowjetischen Juden, Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, Ernährungskrieg, Deportation von Zwangsarbeitern, Partisanenkrieg, Repressalien und Geiselerschießungen. Darüber hinaus verdeutlicht sie, dass jeder Wehrmachtsangehörige Handlungsspielräume bei der Befolgung verbrecherischer Befehle hatte.

Die neue Ausstellung widmet sich überdies der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Rolle der Wehrmacht nach 1945. Sie nimmt somit Bezug auf die Debatte, die zwischen 1995 und 1999 entlang der damaligen Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ geführt wurde. Damals hagelte es Kritik und Proteste – vor allem aus konservativen und rechtsextremen Kreisen. Es zeigte sich: Auch 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges war das falsche Bild der „sauberen Wehrmacht“ in der Gesellschaft verankert.

Dabei hatte die historische Forschung längst bewiesen, dass die Wehrmacht mit Hitlers verbrecherischen Kriegszielen wie der Beseitigung des „jüdischen Bolschewismus“ nicht nur übereinstimmte, sondern diese auch planvoll umsetzte. Zum Beispiel hob die Führung der Wehrmacht noch vor dem Einmarsch in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 mit dem „Kriegsgerichtsbarkeitserlass“ den Verfolgungszwang für Verbrechen gegen Zivilisten auf. Die Bevölkerung war somit soldatischer Willkür schutzlos ausgeliefert.

Im Jahr 1999 spitzte sich die Debatte um die so genannte „Wehrmachtsausstellung“ zu. Historiker erhoben den Vorwurf, mehrere Fotos und Bildlegenden seien falsch zugeordnet. Sie würden keine von der Wehrmacht ermordeten Juden zeigen, sondern Opfer des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Jan Philipp Reemtsma stoppte die Ausstellung und ließ sämtliche Fotos und Texte von einer Expertenkommission prüfen. Die Kommission entlastete die Ausstellungsmacher von dem Vorwurf der Fälschung und Manipulation, wies aber auf sachliche Fehler, Ungenauigkeiten und – vor allem durch die Art der Präsentation – pauschale und suggestive Aussagen hin. Sie empfahl eine Überarbeitung. Das HIS entschied sich für die Neukonzeption.

Diese Ausstellung wird nun in Hamburg gezeigt. Parallel läuft ein umfangreiches wissenschaftliches und kulturelles Begleitprogramm. So sind Podiumsdiskussionen und Gesprächsrunden zu Themen wie „Das Foto als historische Quelle“ oder „Kriegs- und Völkerrecht im 20. und 21. Jahrhundert“ geplant. Es laufen Filme zu Themen wie „Bilder des Krieges“ oder „Streiflichter aus der Nachkriegszeit“. Es lesen der Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész und die Schauspielerin Hannelore Hoger. Und es spielt das Kammerensemble des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg.

Mehr Informationen: www.verbrechen-der-wehrmacht.de

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