Bundestag

Wohnungslose werden endlich als NS-Opfer anerkannt

Im Nationalsozialismus wurden Obdachlose, Bettler*innen oder auch Wanderarbeiter*innen als Asoziale gebrandmarkt und im KZ inhaftiert. Knapp 75 Jahre nach Kriegsende erkennt der Bundestag endlich auch diese Menschen als NS-Opfer an.

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Ein Überlebender

Der ehemalige Häftling Fritz Bringmann über Leiden, Widerstand und Solidarität im KZ Neuengamme

(aus Hinz&Kunzt 147/Mai 2005)

Er ist 87, und sein Lebenswerk hält ihn immer noch unter Dampf. Fritz Bringmann, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Neuengamme, will die Erinnerung wach halten. Ein großes Ziel haben er und die wenigen noch lebenden Ehemaligen jetzt erreicht: Der Knast verschwindet vom KZ-Gelände.

Verbrechen der Wehrmacht

Einführung

(aus Hinz&Kunzt 132/Februar 2004)

„Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“ – so lautet der Titel der neu konzipierten Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS). Auf Grundlage des damals geltenden Kriegs- und Völkerrechts dokumentiert sie die teils aktive, teils passive Beteiligung der Wehrmacht an den im Zweiten Weltkrieg verübten Verbrechen. Am Beispiel der Kriegsschauplätze in Ost- und Südosteuropa zeigt sie auf 1000 Quadratmetern sechs Dimensionen des Vernichtungskrieges: Völkermord an den sowjetischen Juden, Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, Ernährungskrieg, Deportation von Zwangsarbeitern, Partisanenkrieg, Repressalien und Geiselerschießungen. Darüber hinaus verdeutlicht sie, dass jeder Wehrmachtsangehörige Handlungsspielräume bei der Befolgung verbrecherischer Befehle hatte.

„Preußische Offiziere meutern nicht!“

Erich von Manstein – ein Kriegsverbrecher und Ehrenmann

(aus Hinz&Kunzt 132/Februar 2004)

Er galt als brillanter Kopf, als Ehrenmann, sowohl die Nazis als auch die Widerstandskämpfer vom 20. Juli wünschten sich ihn als Oberbefehlshaber des Militärs. Er beriet Adenauer und wurde von Churchill unterstützt – und trotzdem war Erich von Manstein ein Kriegsverbrecher, der für den Tod ungezählter Kriegsgefangener und Zivilisten in seinem Bereich verantwortlich war. 1949 stellten die Briten ihn in Hamburg vor Gericht.

KZ-Häftling 3105

Der Sinto Walter Winter überlebte Auschwitz

(aus Hinz&Kunzt 131/Januar 2004)

Fast alle 1000 Hamburger Sinti und Roma wurden im Nationalsozialismus deportiert. Daran erinnert eine Ausstellung in der Finanzbehörde. Einer der Überlebenden, dessen Lebensgeschichte in der Ausstellung zu sehen ist, ist der Schausteller Walter Winter.

Manchmal schreckt Walter Winter nachts aus dem Schlaf. Dann lebt er wieder in den Jahren 1943, 1944, 1945, als er in Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück und Sachsenhausen inhaftiert war. „Ich habe das alles nur geträumt“, versucht sich der 85-jährige Sinto dann selbst zu beruhigen. „Das kann gar nicht wahr sein.“ Aber morgens, wenn er richtig wach ist, weiß er es wieder. Alle Schikanen, Demütigungen, Schläge und Morde sind passiert.

Je älter er wird, desto mehr bedrängen ihn die Bilder und Erlebnisse. Auch Erlebnisse, die andere vielleicht vergleichsweise harmlos finden. Die Entlausung etwa. Erst die kahlgeschorenen Frauen, dann die Männer. Aber wenn keine Zeit war, wurden die Männer schon mal in die Baracken getrieben, wenn die Frauen noch drin waren. „Alte Frauen, junge – alle standen sie da, nackt. Einige kannte ich sogar“, sagt Walter Winter. „Es war so entwürdigend.“

Den letzten Rest Würde bewahren – das versuchten die Häftlinge, auch wenn es meist ein aussichtsloser Kampf war. Winter, der Blockschreiber, notierte akribisch, wer in der Nacht wieder gestorben war. 15, 20 Menschen waren das manchmal. „Ich wollte, dass man wenigstens erfährt, wo wir geblieben sind, wenn alles vorbei ist.“ Und er wollte „seine“ Leute beschützen. Wenn beispielsweise wieder „Läufer“ kamen, so hießen Gefangene im Dienste der Nazis, die für die SS-Männer Frauen suchen sollten. Er schaffte es, aus seinem Block keine auszuliefern. „Nie habe ich deshalb Ärger bekommen“, sagt er. Und wenn doch? Winter zuckt mit den Schultern. „Ich habe sowieso nicht gedacht, dass ich diese Zeit überleben würde“, sagt er.

Mehrfach hatte er mit dem Leben abgeschlossen. Zum Beispiel, als er erschossen werden sollte. Zwei Männer waren in die Baracke der Sinti gelaufen und hatten sich dort versteckt, ein Aufseher hinterher. Der Aufseher fragte, wer die Männer gewesen seien. „Ich hatte wirklich niemanden gesehen“, sagt Winter. Da griff sich der Mann wahllos zehn Sinti. „Wenn derjenige nicht sofort vortritt…“ Mehr brauchte er nicht zu sagen. Ein Jude stellte sich. Der zweite war abgehauen oder untergetaucht. Als „Ersatzmann“ nahm der Aufseher Winter mit. Draußen knallte er den Juden ab. „Das war’s, dachte ich“, sagt Winter. „Vor meinem geistigen Auge lief mein Leben wie ein Film ab.“ Aber dann nahm der Mann seine Pistole runter und sagte nur: „Hau ab.“

Später wurde Winter zum Dienst im Krematorium eingeteilt. Er wusste, die Menschen, die dort arbeiten, werden spätestens nach drei Monaten selbst vergast. Winter hatte schon Furchtbares vom Krematorium gehört: So viele Menschen wurden nach der Vergasung dort verbrannt, dass die Schornsteine barsten und Eisenringe sie stützen mussten. Trotzdem war er nicht darauf gefasst, was ihn erwartete. „Es lagen Berge von Toten dort, starr und ineinander verkrampft. Wir mussten sie auseinander zerren und wegschaffen.“ Aber die Leichen ließen sich nicht trennen. „Plötzlich fiel mir auf, dass in der Ecke eine Axt stand“, sagt Winter. Er fragte noch, was denn die Axt hier zu suchen habe – und wusste es noch im selben Moment. An diesem Abend beschloss er, nie wieder ins Krematorium zurückzukehren, komme, was da wolle. Und wie durch ein Wunder wurde er dort auch nicht vermisst.

Eine seiner schmerzlichsten Erinnerungen ist der Tod seiner Freundin. Vor Winters Baracke standen SS-Männer, er hörte, dass sie gleich kommen wollten. Da sprang seine hochschwangere Freundin durchs Fenster herein – was eigentlich streng verboten war. Walter Winter war verzweifelt. Wenn sie die Frau hier fänden, müssten bestimmt mehrere dran glauben. Er versuchte, seine Freundin von sich wegzureißen. „Aber sie weinte und klammerte sich an mich.“

Gerade noch rechtzeitig schaffte er es, sie – fast grob – aus dem Fenster zu bugsieren. „Es war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe“, sagt Walter Winter leise. Ein paar Tage später wurde ihr Kind geboren und starb, wieder ein paar Tage später verblutete seine Freundin.

Winter und sein Bruder Erich schworen sich, dass sie – falls es sie erwischen würde – wenigstens versuchen würden, „einige von diesen Mördern mitzunehmen“. So wie jene französische Schauspielerin, die bei ihnen im Lager war. Sie sollte sich vor den Schergen nackt ausziehen – es war klar, was die Männer vor ihrer Vergasung mit ihr vorhatten. Da riss sie einem Bewacher die Pistole aus dem Halfter und schoß.

Der Albtraum ist für Winter auch jetzt, Jahrzehnte später, nicht vorbei. Der Nationalsozialismus und die Verfolgung waren unfass-bar grausam, aber Außenseiter waren die Sinti schon vor den Nazis – und danach auch. In den zwanziger Jahren fuhr seine Familie – fünf Brüder, fünf Schwestern und die Eltern – in Norddeutschland zwischen Leer und Oldenburg als Pferdehändler und Artisten umher. Wenn die Winters wieder mal von einem Markt zum anderen zogen, gab’s Begleitung. Gendarmen ritten neben dem Pferdewagen her. „Damit uns auch ja nichts passieren konnte“, sagt Walter Winter ironisch. In Wirklichkeit natürlich, um die Sintis zu observieren. Und um sicherzugehen, dass sie auch nach dem Markt schnell wieder verschwanden und sich nicht in dem Ort „festsetzten“.

Alle paar Tage gingen die Kinder in eine andere Schule, dann ging’s wieder weiter. Die Mitschüler waren teils neugierig auf die „Zigeunerkinder“, teils misstrauisch. Oft endete der kurze Kontakt mit einer Schlägerei auf dem Schulhof. Trotzdem gab es Annäherungen. In Oldenburg und Cloppenburg, wo die Familie länger lebte, waren Walter und sein Bruder Mitglied im Fußballverein. Doch nach dem Krieg stellte sich heraus, dass die Namen der Winters im Fußballverein gelöscht worden waren, ebenso der Name eines jüdischen Sportfreundes.

1933 verschärfte sich die Situation. Walter Winters Vater beschloss, Schausteller zu werden: „Wir müssen uns unters Volk mischen“, sagte er zu seiner Familie. Es war zu gefährlich geworden, allein oder mit anderen aus der Sippe über Land zu fahren. Die Familie kaufte eine Schießbude für den Jahrmarkt. Aber auch hier waren die Winters nicht sicher. „Auf einmal tauchten so auffällig unauffällige Männer auf“, sagt Winter. Gestapo. Die gingen zwischen den Buden längs und guckten, wer „fremdländisch“ aussieht.

Das Netz zog sich dichter zusammen. 1935/36 – die Familie war gerade in Oldenburg – kamen wieder Beamte und nahmen Vater und Mutter mit. Danach die Kinder. Von allen Seiten wurden sie für die Kartei fotografiert und registriert. „Wie Schwerverbrecher“, sagt Winter. „Obwohl wir nichts getan hatten.“ Trotzdem erhielt er seinen Gestellungsbefehl und kam im Januar 1940 zur Wehrmacht. Zwei Jahre diente Walter. Dann wurde er entlassen, eben weil er „Zigeuner“ war.

1943 wurden er, sein älterer Bruder Erich, der auch ehemaliger Wehrmachtssoldat war, und seine Schwester Marie nach Auschwitz deportiert. Alle drei überlebten und kehrten zu ihrer Familie zurück. In Vechta, wo die Winters die Erlaubnis holen mussten, ein Varieté zu gründen, saß nach dem Krieg noch derselbe Bürgermeister, der für die Deportationen der Familie mitverantwortlich war. Er verweigerte den Winters die Genehmigung. Sie sollten sich erst mal entnazifizieren lassen, sagte er. Walter Winter, der auf dem Arm die KZ-Häftlingsnummer 3105 trägt, war fassungslos.

Auch heute noch spürt Walter Winter, der seit 1952 mit seiner Frau und seinen Kindern in Hamburg und seit 27 Jahren in St. Pauli lebt, oft die Zurückhaltung gegenüber seiner Herkunft. „Wenn ich sage, dass ich Sinto bin, rücken viele, die mich vorher unbefangen behandelt haben, von mir ab.“

Der Hass ist milder geworden, aber die Wut ist noch da. Dann setzt er sich vehement gegen die Leute zur Wehr, die heute noch abwertend von „Zigeunern“ reden oder mit anderen Worten das Gleiche meinen – und vor allem: gegen die, die glauben, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Aber Walter Winter ist keiner, der verletzen will, er will nur nicht vergessen – und vergessen werden. Und er will nicht, dass die Roma und Sinti Außenseiter in dieser Gesellschaft bleiben. Einer Gesellschaft, in der er sich gerne heimisch gefühlt hätte

Birgit Müller

Flucht vor der Fahne

Warum Wehrmachts-Deserteur Ludwig Baumann und der Kurde Ilhami Akter nicht für ihren Staat kämpfen wollten

(aus Hinz&Kunzt 126/August 2003)

Schmeißt die Waffen weg!

Der weißhaarige Mann mit dem schmalen Gesicht hat Papier mitgebracht. Es sind Kopien, eingebunden in dunkelviolettem Karton. Ein Schriftstück von 1943 aus dem Kriegswehrmachtgefängnis. Die Korrespondenz, die er mit Berliner Ministerien führte. Die Schmähbriefe, die er bekam. Und vor allem die Artikel, die über ihn in der Zeitung standen, vom „Weser-Kurier“ bis zur „Washington Post“. Über ihn, den freundlichen alten Mann. Den ehemaligen Soldaten, der seinen wichtigsten Kampf nach Kriegsende führte: den Kampf um die Wiedererlangung seiner Würde.

Ludwig Baumann (81) desertierte im Zweiten Weltkrieg und gehört zu den wenigen, die das überlebten. Schätzungen zufolge wurden mehr als 30.000 Soldaten in Hitlers Armee wegen Fahnenflucht oder „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt, mehr als 20.000 Urteile wurden vollstreckt. Mehrere 10.000 Soldaten bekamen Zuchthausstrafen. „Das Grauen in den KZs und Strafbataillonen haben keine 4.000 von uns überlebt“, sagt Baumann.

In der Bundesrepublik galten Soldaten, die sich dem nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieg entzogen hatten, weiter als Straftäter. Auf ihre Rehabilitierung mussten sie mehr als ein halbes Jahrhundert warten: Erst 2002 beschloss der Bundestag, die Urteile der Militärgerichte gegen Deserteure und „Zersetzer“ aufzuheben. Ein Schritt, auf den Ludwig Baumann und seine Vereinigung „Opfer der NS-Militärjustiz“ lange hingearbeitet hatten.

Der weißhaarige Mann hat vor Schulklassen gesprochen und bei Kundgebungen, er hat Reporterfragen beantwortet und in den Talkshows von Biolek und Kerner gesessen. Er spricht auch jetzt detailreich und routiniert. Manche Sätze sagt er genau so, wie er sie schon anderen Zeitungen gesagt hat. Als sei das Wiederholen und Wiederholen und Wiederholen auch ein Mittel, die traumatischen Erinnerungen in Schach zu halten. „Wenn die Seele zerstört ist, dann ist sie zerstört“, sagt der weißhaarige Mann leise. Und fügt an, er habe gelernt, damit zu leben.

Baumann, Jahrgang 1921, wuchs in Hamburg-Eimsbüttel auf. Der Vater hatte sich zum Tabakgroßhändler hochgearbeitet, seine Beziehungen sollten dem Sohn später das Leben retten. Als 1936 die Mutter starb, veränderte sich der Junge: Er, der ängstlich versucht hatte, den Forderungen des jähzornigen Vaters zu genügen, nahm nicht mehr alles hin. Als er 1940 zur Marine eingezogen wurde, führte er manche Befehle – etwa den Vorgesetzten die Stiefel zu putzen – nicht aus und robbte dafür durch den Schlamm.

„Ich kann es nicht erklären, ich habe es einfach getan“, sagt Baumann. Mit der Fahnenflucht muss es ähnlich gewesen sein. Bei der Hafenkompanie in Bordeaux hätte Baumann ein ruhiges Soldatenleben haben können. Aber er wollte nicht mehr. In der Wochenschau hatte er die russischen Gefangenen gesehen, die auf freiem Feld eingekesselt waren und nun erfrieren würden. Nein, er wollte nicht mehr mitmachen bei diesem Krieg.

Anfang Juni 1942 verlässt Baumann mit seinem Freund Kurt Oldenburg die Kompanie. Sie wollen ins unbesetzte Frankreich und später über Marokko nach Amerika. Doch eine deutsche Streife greift sie auf. 40 Minuten dauert die Verhandlung vor dem Militärgericht, dann ist Baumann zum Tode verurteilt. „Die Flucht vor der Fahne ist und bleibt das schimpflichste Verbrechen, das der deutsche Soldat begehen kann“, schreibt der Marinekriegsgerichtsrat in der Urteilsbegründung. In der Zelle, an Händen und Füßen gefesselt, wartet Baumann jeden Morgen darauf, dass ihn die Wachen zur Hinrichtung abholen. Wenn sie vorbeigehen, gibt es einen weiteren Tag. Zehn Monate geht das so. In den Träumen verfolgt es Ludwig Baumann immer noch.

„Ich wollte nicht mehr mitmachen bei diesem Krieg“

Was der Verurteilte damals nicht wusste: Die Todesstrafe war schon nach wenigen Wochen in zwölf Jahre Zuchthaus umgewandelt worden. Das hatte sein Vater über einen Geschäftsfreund erreicht, der ein Kriegskamerad von Admiral Erich Raeder war und diesen zu einer Begnadigung bewegte. 1943 kam Baumann ins KZ im emsländischen Esterwegen, danach ins Wehrmachtgefängnis Torgau, wo er an Diphterie erkrankte. „Manchmal bekam ich Drillichzeug, das vorn einen kleinen und hinten einen großen Flicken hatte“, erzählt der alte Mann. Dann wusste er: Darin ist ein anderer erschossen worden.

Nach etwa einem Jahr musste er mit einem Strafbataillon an die zusammenbrechende Ostfront. Ein Todeskommando, bei dem auch sein Freund Oldenburg starb. Baumann wurde verwundet und von einem fürsorglichen tschechischen Arzt in Brünn so behandelt, dass seine Wunde nur langsam heilte. Das Kriegsende erlebte er in Schlesien.

Die Russen entließen den Deserteur schon nach einigen Monaten aus der Gefangenschaft. „Als ich nach Hamburg kam, konnte mein Vater mich nicht in den Arm nehmen“, erzählt Baumann. Fahnenflucht, das war unwürdig und feige, auch wenn man nicht für Hitler war. Der Vater stirbt 1947 „an Kummer und Magengeschwüren“. Auch der Sohn, der so lange als Vaterlandsverräter und Kameradenschwein und Feigling behandelt worden ist, der nach dem Krieg weiter so beschimpft wird, scheint sein Leben aufzugeben. Er wird Stammgast in einer Kneipe beim Gänsemarkt, übernachtet im Hinterzimmer, trinkt und spielt und hält die anderen Gäste frei. So verzecht er das väterliche Erbe.

Tagsüber verkauft er als Handelsvertreter Gardinen, später Radios und Fernseher. Dabei lernt er seine spätere Frau kennen und zieht 1951 zu ihr nach Bremen. Fünf Kinder kommen auf die Welt. Doch der Vater und Ehemann ergibt sich weiter dem Alkohol. Jahrelang. Erst als seine Frau 1966, bei der Geburt des sechsten Kindes, stirbt, wacht Baumann auf. Er kümmert sich um die Kinder, hört allmählich mit dem Trinken auf.

Langsam beginnt das politische Leben des ehemaligen Deserteurs. In den achtziger Jahren engagiert er sich in der Friedens- und Dritte-Welt-Bewegung. Am Bremer Hauptbahnhof verteilt er Flugblätter an Rekruten: „Schmeißt Eure Waffen fort und geht nach Hause.“ Er bekennt sich öffentlich als Fahnenflüchtiger, bekommt Morddrohungen und Schmähbriefe: „Seien Sie versichert, Volksschädling Baumann, dass Sie für alles alsbald sich vor dem Reichskriegsgericht in Berlin zu verantworten haben.“

1990 gründet er mit 36 anderen alten Männern die Bundesvereinigung „Opfer der NS-Militärjustiz“. Als deren Vorsitzender verfolgt Baumann den Eiertanz der Politik. An eine Rehabilitierung der Deserteure will niemand so recht heran, denn hieße das nicht, Millionen von Wehrmachtssoldaten, die nicht wegliefen, ins Unrecht zu setzen? 1998 beschließt der Bundestag zwar die pauschale Aufhebung von NS-Unrechtsurteilen, doch nimmt die Fahnenflüchtigen dabei aus: Sie sollen sich weiterhin einer Einzelfallprüfung unterziehen. Erst vier Jahre später werden auch ihre Urteile aufgehoben.

Die meisten, denen diese Wiedergutmachung galt, waren da schon tot. „Sie sind gedemütigt und vorbestraft verstorben“, sagt Ludwig Baumann. Von den Kriegsrichtern dagegen sei keiner je bestraft worden. Im Gegenteil, sie seien bis zu Bundesrichtern aufgestiegen, hätten die Rechtsprechung in ihrem Sinne prägen und damit ihre eigene Strafverfolgung verhindern können. Für den weißhaarigen alten Mann ist der Kampf noch nicht zu Ende. Er möchte erreichen, dass Gedenksteine für Deserteure aufgestellt werden, zum Beispiel in Esterwegen und Torgau. „Wir Deserteure der Wehrmacht“, sagt der 81-Jährige, „sollten eigentlich Vorbilder für die Bundeswehr sein. Wollte sie heute einen Krieg wie die Wehrmacht führen, wären die Soldaten von der Verfassung her gezwungen, zu desertieren.“

Kaum Asyl für Deserteure

Das türkische Militär kam fast täglich ins Dorf. Panzer fuhren auf, Soldaten griffen Zivilisten heraus, schlugen sie, drohten ihnen, nahmen sie mit. Grund der Einsätze: die angebliche Unterstützung der Dorfbewohner für die kurdische Unabhängigkeitsbewegung PKK. Für den Kurden Ilhami Akter gehören diese Bilder zu den letzten Erinnerungen, die er an sein Heimatdorf im Osten der Türkei hat. Für ihn, damals 18 Jahre alt, war klar: „Ich will niemals Soldat werden.“ Schließlich wäre er mit dem türkischen Militär gegen seine Landsleute eingesetzt worden.

Mit Unterstützung der Eltern floh er 1989. Akter (31) lebt seitdem in Hamburg, zeitweise illegal, seit 1995 mit Aufenthaltserlaubnis. Ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gab es im NATO-Staat Türkei damals wie heute nicht. In Deutschland hat das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen Verfassungsrang. Doch in vielen Staaten wie in Israel, Südkorea oder in den meisten afrikanischen Ländern droht Verweigerern Haft, so die Organisation War Resisters International. Andere Staaten wissen, wie sie „Zivis“ abschrecken. In Russland etwa müssen sie einen Dienst ableisten, der mit dreieinhalb Jahren fast doppelt so lang ist wie der Militärdienst und meist in Kasernen stattfindet, wo sie den Schikanen der Soldaten ausgesetzt sind.

Wer aus diesen Gründen sein Land verlässt, wie Ilhami Akter es getan hat, findet in Deutschland nicht unbedingt Asyl. „Das Bundesamt weigert sich, Kriegsdienstverweigerer und Deserteure als Flüchtlinge anzuerkennen“, sagt der Anwalt Hartmut Jacobi, der viele Verfahren begleitet hat. Vor dem Verwaltungsgericht seien die Chancen höher. Jacobis Resümee: „Ausländische Kriegsdienstverweigerer können sich hier keineswegs sicher fühlen. Wenn sie Glück haben, haben sie Glück.“

Ilhami Akter hatte Glück, schließlich. Sein erster Asylantrag war abgelehnt worden. Vier Monate lang hielt er sich illegal in Hamburg auf, bis ihn die Polizei bei einer Ausweiskontrolle festnahm. In der Ausländerbehörde wollte er sich aus dem Fenster stürzen, um der Abschiebung zu entgehen, doch dann gelang ihm die Flucht. Er tauchte monatelang unter, war im Kirchenasyl, stellte einen Folgeantrag. Seit November 1995 ist er anerkannt – er selbst vermutet, wegen seiner Arbeit für kurdische Verweigerer – und darf unbefristet bleiben. Er machte den Hauptschulabschluss und verdient sein Geld als Taxifahrer. Das Dorf, in dem seine Eltern noch leben, hat er nicht mehr wiedergesehen.

Detlev Brockes