Uwes Traum vom Nachtcafé

Er ist obdachlos und drogenabhängig, aber seit der ehemalige Hinz&Künztler Uwe den Studenten Ole kennengelernt hat, ist Bewegung in sein Leben gekommen

(aus Hinz&Kunzt 193/März 2009)

Sie sind ein Team, wie es wohl unterschiedlicher nicht sein könnte: Uwe ist 44 Jahre alt und wohnungslos, Ole Seidenberg hingegen studiert Soziologie, ist Mitte 20. Doch seit wenigen Wochen haben die beiden eines gemeinsam. Es ist ein Traum, der in Erfüllung gehen soll – Uwes Traum, der nun auch zu Oles geworden ist.

Schon lange träumt Uwe davon, in Hamburg ein Nachtcafé für Wohnungslose und andere Bedürftige aufzumachen. Er will eine Anlaufstelle schaffen, die Geborgenheit und Gemeinschaft bietet und eine Art Unterschlupf in kalten Nächten sein soll. Schlafplätze soll es hier nicht geben, im Idealfall dafür Duschen und vor allem einen Kaffeetresen. Wie oft hätte Uwe sich gewünscht, eine solche Anlaufstelle zu haben, immerhin lebt er seit 1988 auf der Straße, mittlerweile seit acht Jahren ohne Unterbrechung. Drogen waren ein ständiger Wegbegleiter, nachdem er früh von seinen Eltern getrennt wurde, im Heim lebte und nach einer Lehre als Koch und Konditor und mehreren Jobs in Hotels auf der Straße landete. Später lebte er vom Betteln.
„Eine eigene Wohnung hatte ich eigentlich nie wirklich“, muss Uwe eingestehen, und auch, dass er schon früh begonnen hat mit dem „Lodderleben“. Seit rund einem halben Jahr nimmt er keine Drogen mehr, hat von seinem Arzt ein Substitut bekommen. Alkohol hat Uwe nie getrunken.
Bis vor wenigen Wochen war Uwes Plan eine Vision und mehr nicht. Doch seitdem der ehemalige Hinz&Kunzt-Verkäufer Ole Seidenberg begegnet ist, ist er entschlossen, diesen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen. Mit Oles Hilfe. Ole Seidenberg betreibt schon seit rund einem Jahr eine Website, einen Blog. Er ist sozial engagiert, ein echter Weltverbesserer. Seine Gedanken und Ideen macht er auf www.socialblogger.de einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Und seit Neuestem finden sich dort auch regelmäßig Neuigkeiten zur sogenannten „Aktion Uwe“.
Am Dammtor-Bahnhof sind sich Uwe und Ole im November vergangenen Jahres zum ersten Mal begegnet. Da war es noch eine typische Spender-Bettler-Begegnung, der Student und der Arme – nichts Besonderes. Durch Zufall trafen sich beide im Januar wieder in der Mönckebergstraße, es war Uwes Geburtstag, und Ole erkannte Uwe sofort wieder. Sie unterhielten sich, verstanden sich gut, und Uwe erzählte von seinem Traum vom Nachtcafé. Da Ole mehr tun wollte, als Uwe Geld in die Hand zu drücken, entwickelte sich die Idee, das Internet zu nutzen, um Uwe wieder auf die Beine zu helfen. Uwe war skeptisch am Anfang, als ein „Dahergelaufener“ ihn plötzlich unterstützen und ihm Vertrauen entgegenbringen wollte. Das hatte er bis dahin nicht gekannt.
Auf seiner Website schreibt Ole Seidenberg seitdem über Uwes Leben und ruft zu Spenden auf. Er dreht Videos, in denen der Obdachlose von seinem Leben erzählen kann. Das gespendete Geld sowie alle Sachspenden bekommt Uwe, Ole ist so etwas wie sein Buchhalter, verwaltet die Finanzen und achtet darauf, dass das Geld sinnvoll eingesetzt wird.
Neue Schuhe, frische Kleidung und ausreichend Essen hat Uwe seitdem. Er hat mit dem Geld sogar einen Schlafplatz in einer Herberge gefunden, sodass er zumindest vorerst nicht mehr draußen schlafen muss. Er hat sich einen Terminplaner angeschafft und neuerdings auch ein Handy, für das er einen Gutschein bekommen hatte. Uwe meint es offensichtlich ernst, und auch für Ole scheint es nicht um das eigene Image zu gehen, sondern vielmehr um Uwe, den er mittlerweile als echten Freund bezeichnet. Genau so möchten es die beiden auch: Sie wollen gute Freunde sein, nicht mehr und nicht weniger.
Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer ist zwiegespalten, wenn es um die „Aktion Uwe“ geht. Er hat schon viele Obdachlose kennengelernt, die Träume hatten. Die wenigsten konnten sie verwirklichen, aber auch nur die wenigsten hatten einen Helfer wie Ole. Generell findet Stephan Karrenbauer die Idee von einem Nachtcafé „nicht verkehrt“, der Bedarf sei sicherlich da. Dennoch birgt die Aktion in seinen Augen Risiken, „wenn es zu schnell geht, der Druck zu groß wird für Uwe oder er den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann“.
Zuerst müssen feste Lebensgrundlagen geschaffen werden, bevor das Nachtcafé an der Reihe ist, findet Karrenbauer, doch er hofft, dass Uwe durch die Unterstützung neuen Mut bekommt. Auch Uwe selbst sieht durch das Ziel, das er sich mit der Verwirklichung seines Traumes gesetzt hat, wieder einen Sinn in seinem Leben. „Er macht jeden Tag Fortschritte“, erzählt Ole, dass Uwes Entwicklung spürbar in die richtige Richtung geht. Auch auf Stephan Karrenbauer macht Uwe einen deutlich fitteren Eindruck.
Dass nichts über-has­­tet werden darf, wissen Uwe und Ole sehr wohl. Sie haben sich deshalb kein Zeitlimit gesetzt. „Ich weiß, dass ich einen langen und schweren Weg vor mir habe“, sagt Uwe. Denn beiden ist klar, dass ein Dach über dem Kopf die Voraussetzung ist, um weitere Schritte anzugehen. Uwe will die Wohnungssuche in Angriff nehmen, hat auch schon erste Telefonate geführt.
Schritt für Schritt will Uwe mit Oles Hilfe zurück in die Gesellschaft finden, wie er selbst sagt. Eigentlich ist Uwe Koch und Konditor,
doch seinen erlernten Beruf kann er nicht mehr ausüben, da er HIV-infiziert ist und somit in keiner Küche arbeiten kann. Dass ihm seine neue Rolle als „Internet-Bettler“ über den Kopf wachsen könnte, glaubt Uwe nicht, denn er ist davon überzeugt, mit seinen Aufgaben wachsen zu können. Auch Ole möchte sich selbst nicht überfordern und ist
deshalb auf der Suche nach Trägern, die seine Arbeit unterstützen
können. Nicht selten sagt Uwe: „Ole, nimm dir Zeit für dich“, denn der gebürtige Oldenburger müsste eigentlich an seiner Diplomarbeit schreiben und hat außerdem noch einen Job bei einer Firma, die
Umweltkonzepte entwickelt.
Doch Uwe ist nicht nur Träumer, sondern auch Realist. Er weiß um seinen Gesundheitszustand und ist sich im Klaren, dass er ein Nachtcafé nicht ewig und nicht alleine betreuen könnte. Und dass er in der Planungsphase sehr auf Ole angewiesen ist, ist Uwe auch klar. Ohne Ole würde es nicht gehen, und ohne Ole wäre es nie so weit gekommen.
Rund 500 Euro sind auf Oles Konto für Uwe eingegangen, und die Aktion ist neuerdings auch auf www.helpedia.de verzeichnet, was das Spendensammeln noch leichter macht. Ole hat erstaunlichen Erfolg mit dem Spendensammeln im Internet. Immerhin beträgt die durchschnittliche Spendenhöhe etwa zwölf Euro – eine Zahl, die beim Betteln auf der Straße unvorstellbar wäre. Doch betteln will Uwe jetzt nicht mehr, er will sich voll auf sein Projekt konzentrieren, will sogar wieder anfangen Hinz&Kunzt zu verkaufen. Auch einen Ein-Euro-Job möchte er finden. Er will zeigen, dass er will.

Andreas pröpping


Ole, Uwe und der Blog sind zu sehen unter www.socialblogger.de und www.aktion-uwe.de

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