Spiele im Rotlicht

Mehr Kunden, mehr Geld, mehr Gewalt: Was Großereignisse wie die Fußball-WM Hamburger Prostituierten bringen

(aus Hinz&Kunzt 160/Juni 2006)

Zur Fußball-Weltmeisterschaft werden Fans aus aller Welt in Hamburg erwartet. Vor allem Männer. Und die, so die Vermutung, haben nicht nur Lust auf Fußball und Bier, sondern auch auf Liebesdienste. Oder wie es in einer Presseerklärung der Gesundheitsbehörde heißt: „Gerade im Zusammenhang mit internationalen Großveranstaltungen – wie etwa der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland – florieren auch die direkten Kontakte von Mensch zu Mensch.“ Für manche eine willkommene Belebung des ältesten Gewerbes der Welt, für andere eine Zunahme von Aggression und Gewalt.

Da gibt es dieses Haus. In einer Wohnstraße nahe dem Schanzenviertel. Ein schöner Altbau, im Souterrain eine Bar. Schon vor Wochen klebte plötzlich in jedem Fenster eine Flagge und über der Tür ein „Herzlich willkommen zur WM“.

Das war die Idee von Sabrina Hessler. Sie ist Expertin in Sachen „direkte Kontakte von Mensch zu Mensch“ und Eigentümerin des schönen Hauses. Vor 27 Jahren hat sie ihre „Bar Sabrina“ eröffnet. Damals, 1979, war das ein Riesending. Die Anwohner wollten sie nicht, aber sie hat sich durchgesetzt. „Ich habe sie überzeugt“, sagt Sabrina Hessler. Drei Hunde im Miniformat umwuseln ihre Beine. „Meine Palasthunde“, sagt die 50-Jährige und lächelt. Tiere sind ihre Leidenschaft. Sie hat noch 32 Vögel, die meisten selbst gezüchtet.

Die Frau mit den langen blonden Haaren und der weißen Chanel-Sonnenbrille betreibt eine Bar mit angeschlossener Zimmervermietung. Das ist ihr die liebste Formulierung, alle anderen Bezeichnungen findet sie ordinär. Und sie ist eine Ausnahme in der Branche, in der meist Männer das Sagen haben. Oft sei sie mit dem Vorwurf konfrontiert worden, eine Strohfrau zu sein. Zu Unrecht, meint sie: „Ich habe es alleine geschafft.“

„Es ist ein normaler Wirtschaftsbetrieb“, sagt sie, schlägt die Beine übereinander, holt etwas Trockenfutter für die Hunde aus ihrer Handtasche und hebt einen der Winzlinge auf ihren Schoß.

Geöffnet ist die „Bar Sabrina“ ab mittags, aber richtig Betrieb ist vor allem am späteren Abend und in der Nacht. An diesem Nachmittag sitzen einige Frauen verschiedenen Alters auf den ledernen Bänken, weitere kommen dazu: eine im bodenlangen roten Kleid, eine sehr große und schlanke in Hotpants mit bauchfreiem Oberteil und eine, deren Haare so schwarz glänzen wie ihr eng anliegendes Abendkleid. Sie alle lächeln, und Sabrina Hessler lächelt zurück. Arbeit sei nicht der passende Ausdruck für ihre Tätigkeit, findet die Chefin. „Die Damen verbinden das Nützliche mit dem Angenehmen“, behauptet sie. Sie lege Wert auf gute Manieren und achte bei den „Mädchen“ immer auf die Zähne.

Die Porzellanbären auf den Ablagen hinter dem schwarzen Marmortresen beobachten das Kommen und Gehen. Bis jetzt finden nur wenige Gäste den Weg in die Bar, so ist noch Zeit für einen Rundgang durchs Haus. Insgesamt sieben Zimmer und ein Personalraum mit nummerierten Spinden finden sich hinter der Altbaufassade.

Mal plüschig, mal gemütlich, mit Spiegeln oder dunkel mit schwarz gestrichenen Wänden, Andreaskreuz und Gummimatten auf dem Fußboden – für jeden Geschmack etwas dabei.

„Ich gehe am liebsten ganz nach oben“, sagt Nina Ross* im roten Kleid, „da hat man seine Ruhe.“ Für Fußball interessiert sie sich wie die meisten anderen Frauen der „Bar Sabrina“ kaum. Aber die Ergebnisse will sie dann doch wissen, „man muss ja mitreden können.“ Zur WM wird das Geschäft gut laufen, vermutet sie, und ihre Kollegin Vanessa Breitenfeld* nickt bestätigend.

Die Gäste werden zahlreicher, die Musik lauter und der Zigarettenrauch dichter. Die ersten Frauen geleiten Männer in die oberen Räume. Auch in der Bar werden die WM-Spiele zu sehen sein. Ein paar mehr Frauen als sonst werden da sein, aber die Preise bleiben gleich, verspricht Sabrina Hessler. Ihre Einschätzung zum WM-Geschäft ist nüchtern: „Die Erwartungen sind zu hoch.“

Heile Welt im Puff? An so etwas glaubt Katja Müller* nicht. „Das Arbeiten für die Frauen wird schlimm“, sagt die 37-Jährige. Zum einen wachse zu solchen Anlässen der Druck von den Zuhältern, zum anderen seien viele Fußballfans stark alkoholisiert und wollten obendrein nicht viel Geld ausgeben. Katja Müller spricht aus eigener Erfahrung. Mehr als zehn Jahre hat sie als Prostituierte auf dem Kiez gearbeitet. Sie war auf der Reeperbahn und in der Herbertstraße. „Die Puffs werden voll sein. Die Zuhälter werden die Läden zuknallen mit Frauen. Die sind auch schon fleißig am Aufreißen und Poussieren“, sagt sie. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Frauen arbeite ausschließlich für sich, hinter den meisten stehen Zuhälter, die das große Geld verdienen wollen. Ihre Prognose ist düster: „Die Frauen werden sich stapeln, die Stimmung wird aggressiv sein, auch unter den Frauen.“

Über die „Kaffeeklappe“, ein Projekt des Diakonie-Hilfswerks, hat Katja Müller den Ausstieg aus dem Milieu gefunden. Zurzeit ist sie arbeitslos und auf der Suche nach einem beruflichen Neuanfang.

Die „Kaffeeklappe“ auf dem Kiez gibt es seit 1973. Einrichtungen wie diese seien hilfreich, glaubt Katja Müller, aber die Frauen müssten es letztlich selber schaffen. Sie kennt das Milieu. Da gebe es alles, sagt sie: „Jeden Tag Menschenhandel, wenn ein Zuhälter eine Frau an einen anderen verkauft. Frauen, die geschlagen werden, aber auch Frauen, die sich freiwillig für die Prostitution entschieden haben und sie als Job betrachten.“

Zur WM wollen die „Kaffeeklappe“ und andere Einrichtungen – die Zentrale Beratungsstelle der Gesundheitsbehörde für sexuell übertragbare Krankheiten, der Verein ragazza und ehrenamtliche Organisationen auf dem Kiez – die Straßensozialarbeit verdoppeln. Drei bis vier Tage pro Woche wollen die Sozialarbeiter auf St. Pauli und in der Süderstraße präsent sein.

*Namen geändert

Annette Scheld

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