Palme in der Wüste

Schüler unterstützen ein Jugendzentrum in Bosnien

(aus Hinz&Kunzt 136/Juni 2004)

Die meisten Jugendlichen, die in den Dörfern der Grenzregion zwischen Bosnien und Serbien leben, würden am liebsten weg. Ins Ausland oder in die Städte, in die ihre Eltern vor dem Bürgerkrieg geflohen waren. Ein Jugendzentrum im bosnischen Dorf Krizevici will den Rückkehrern Perspektiven bieten – unterstützt von Schülern aus Norddeutschland.

„Als ich Krizevici sah, fand ich die Vorstellung am krassesten, dass mir das passiert wäre – plötzlich aus meiner Welt herausgerissen zu werden, dazustehen, wo nichts ist, und gesagt zu bekommen: Das ist jetzt deine Heimat“, sagt Malte Marwedel. Der 19-Jährige macht sein Freiwilliges Soziales Jahr bei „Schüler Helfen Leben“. Seit 1998 veranstaltet die Organisation den „Sozialen Tag“ in Norddeutschland, an dem Schüler nicht zur Schule gehen, sondern arbeiten – und mit dem verdienten Geld Hilfsprojekte in Ex-Jugoslawien und Rumänien unterstützen. Auch im zerstörten bosnischen Dorf Krizevici, das Malte besucht hat: Hier finanziert die Organisation ein Jugendzentrum.

Wie viele Menschen genau in Krizevici leben, kann Malte nicht sagen: „Wenige hundert, das ändert sich aber, weil immer mehr aus den Städten zurückkehren.“ Nach Ausbruch des Krieges war der Landstrich komplett entvölkert: Die Bewohner flohen in die großen Städte oder ins Ausland. Die Dörfer der Grenzregion wurden zerstört. Jetzt kehren die Familien in ihre alte Heimat zurück. Deswegen stehen Kinder und Jugendliche, die in Belgrad, Sarajewo oder westeuropäischen Metropolen aufgewachsen sind, plötzlich in Krizevici vor dem Nichts. „Ich habe mich mit einem 15-Jährigen darüber unterhalten, was er gerade macht, und er erzählte mir, dass er das Haus seiner Familie aufbaut“, sagt Malte, „ganz andere Sorgen als wir.“

Dabei führten die Jugendlichen, die ins Ausland geflohen waren, bis vor ein paar Monaten das gleiche Leben: „Einige Jugendliche, die aus Deutschland zurückgekommen sind, schwärmten mir vor, wie einfach hier alles war“, erzählt Malte. Auf die Frage, was ihnen am meisten fehle, bekommt Malte fast immer die gleiche Antwort: „Wir wollen einfach wieder ein normales Leben, wie ihr es auch habt.“ Damit Krizevici auch für Jugendliche attraktiver wird, gibt es die Organisation „Ipak“ (auf deutsch: trotzdem). Bürger der Stadt Tuzla gründeten „Ipak“, nachdem eine verirrte Granate auf einem Marktplatz in der Stadt einschlug und dutzende Jugendliche tötete, die dort ein Fest feierten.

Zusammen mit „Schüler helfen Leben“ baute „Ipak“ in Krizevici ein Jugendzentrum. Schon beim Bau halfen Jugendliche aus dem Dorf mit. Heute ist das Zentrum des zerstörten Dorfes ein Ort der Begegnung für muslimische Bosnier und christlich Serben. Mit einigen Erfolgen: „Ein Bosnier musste von seinen Freunden lange überzeugt werden, daran teilzunehmen“, erzählt Malte, „zu groß waren die Vorbehalte gegen die Serben.“ Bei einer Veranstaltung im Jugendzentrum verliebte er sich dann – in eine Serbin. „Das war der Moment, in dem er erkannte, dass Serben auch Menschen sind“, sagt Malte.

Das Jugendzentrum hat außerdem Bedeutung als Arbeitsplatz. Zum Zentrum gehören eine Schreinerei und eine Gärtnerei. „In der Schreinerei können die Jugendlichen nicht nur für die eigenen Familien Möbel herstellen, sondern später auch Aufträge aus der ganzen Region bekommen“, so Malte.

Mittlerweile kommen pro Woche etwa 100 Jugendliche aus Krizevici und den umliegenden Dörfern in das Zentrum. „Das ist wie eine Palme in der Wüste“, freut sich Malte. „Schüler Helfen Leben“ setzt sich jetzt dafür ein, dass mehr Busse aus dem Umland nach Krizevici fahren. „Es ist toll zu sehen, wie begeistert die Jugendlichen aus dem Nichts etwas machen“, findet Malte. Ein bisschen stolz ist er auch darauf und motiviert, weiter Projekte anzuschieben: „210.000 Schüler in Deutschland haben für Krizevici am Sozialen Tag gearbeitet“, sagt Malte, „wenn man sieht, was daraus wird, ist es Ehrensache weiterzumachen. “

Marc-André Rüssau

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