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Kantinenklatsch vom Kenner

5. Januar 2011 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 212/Oktober 2010

„50 Jahre Thalia Kantine“ heißt das Revuestück mit viel Musik aus fünf Jahrzehnten und vielen Anekdoten und Geschichten, die keiner besser kennt als er: Peter Maertens, der durch das Stück führt. Unter sieben Intendanten hat er gespielt. Einer davon war sein Vater.

(aus Hinz&Kunzt 212/Oktober 2010)

Treffpunkt ist natürlich die Kantine. Die ist renoviert im Schick des neuen Jahrtausends. Nichts mehr zu sehen vom rustikalen Charme, als das Ehepaar Kalbfleisch den Laden führte. „Und jede Aufführung besuchte“, sagt Peter Maertens. Er selbst geht zum Essen gar nicht so oft in die Kantine, seine Frau kocht hervorragend, wie er betont. Im Stück allerdings, da erzählt der 79-Jährige der Kantinenwirtin (Marina Wandruszka) einen Abend lang Geschichten und Anekdoten aus fünf Jahrzehnten Theaterleben am Thalia.

Peter Maertens auf Hirsch:  Im neuen  Hamlet spielt  er den Totengräber.

Peter Maertens auf Hirsch: Im neuen Hamlet spielt er den Totengräber.

Früher war Theatermachen noch ganz anders, sagt Peter Maertens. Jeden Monat gab es eine Premiere, ein Stück wurde vier Wochen gespielt und dann kam schon das nächste. „Die Abonnenten und das Ensemble – das war damals fast so etwas wie eine Familie.“
Klar, dass man die Schauspieler auf der Straße erkannte. „Aber auch umgekehrt war es so, dass die Abonnenten glaubten, man müsse sie erkennen. „Wie oft ist es passiert, dass einen jemand ansprach und wenn man verdutzt guckte, sagte: ‚Erkennen Sie mich nicht, ich bin doch Reihe neun, Platz soundso?‘“
Was Peter Maertens nicht auf der Bühne erzählt, ist die Geschichte seiner Eltern, die beide dem Thalia eng ver-bunden waren. Sein Vater war schon seit 1927 Ensemblemitglied, seine Mutter Charlotte Kramm kam etwas später. In der Nazizeit allerdings bekam sie als Jüdin Berufsverbot. „Sie durfte das Theater nicht mehr betreten“, sagt Peter Maertens. Manchmal schlich sie sich jedoch heimlich hinein – „bis einer der wenigen Nazis am Hause petzte.“
Peter, als Halbjude, durfte nicht zur Oberschule. „Mittwochs saß ich allein auf der Moorweide, weil alle meine Freunde in der Hitlerjugend waren“, sagt er. Und auch im Elternhaus wuchs der Druck. Für Charlotte Kramm wurde die Lage immer bedrohlicher. Die Mischehen gerieten in den Fokus der Nazis. „Arische“ Männer sollten sich von ihren jüdischen Frauen scheiden lassen. Doch das kam für das Paar Maertens/Kramm nicht in Frage. Stattdessen versuchten sie es mit einem Trick: Die Eltern von Charlotte Kramm waren einmal geschieden, um dann wieder zu heiraten. „Es gab damals einen Scheidungsgrund – einen Rittmeister.“ Charlotte Kramm versuchte nun „nachzuweisen“, dass dieser ihr echter Vater sei. Peter Maertens erinnert sich, dass im Zuge der nun folgenden Untersuchungen sein Kopf im Rasseninstitut in Kiel vermessen wurde. Das Ergebnis: Es sei nicht auszuschließen, dass der Rittmeister Charlotte Kramms Vater war. Die Schauspielerin galt somit als Halbjüdin und Peter als Vierteljude. Eine deutliche Entspannung der Situation.
Trotz oder vielleicht gerade wegen der Erlebnisse in der Nazizeit wollten die Schauspieler nach dem Krieg so schnell wie möglich weitermachen. Wieder – wie es Linie des Hauses war – mit Komödien. Charlotte Kramm kehrte ans Thalia Theater zurück. Ein neuer Intendant wurde gesucht, einer, der auch von den Engländern akzeptiert werden würde. „Willy, mach du das!“, sagten die Kollegen, so erzählt es sein Sohn Peter. Es sollte nur vorübergehend sein, aber Willy Maertens blieb 18 Jahre lang Intendant und baute das teilweise zerstörte Thalia Theater wieder auf. 1960 war die offizielle Eröffnung, bis dahin spielten sie in der Schlankreye und im Thalia Theater, aber auf einer kleinen Bühne, quasi im Zuschauerraum. Als das erste Stück aufgeführt wurde, „da spielte ich dann auch schon mit“, sagt Peter Maertens. Gelernt hatte er nicht im Thalia. Ist ja auch nicht ganz einfach, wenn man immer gefragt wird: „Sind Sie der Sohn von Willy Maertens?“ Aber nach ein paar Jahren in Oldenburg, Freiburg, Hannover und Göttingen zog es ihn doch wieder nach Hamburg. Und natürlich erlebte er dann auch den Nachfolger seines Vaters mit. Der Neue, Professor Kurt Raeck, brachte so illustre Persönlichkeiten ans Haus wie Paula Wessely und O.E. Hasse. Eines Abends entdeckte Hasse, der mit einer Geige nebst Bogen auftrat, einen zusammengekauerten, scheinbar schlafenden Zuschauer. Während er vortrug! Hasse muss fassungslos und empört gewesen sein. Jedenfalls zog er dem vermeintlichen Kulturbanausen mit dem Geigenbogen ordentlich eins drüber. Der Mann hatte eine Platzwunde und blutete – und natürlich gab es einen Riesenskandal. Es stellte sich heraus, dass der Mann behindert war und das Stück nur in dieser Haltung sehen konnte. „Die Presse schrieb, ob Abonnenten wohl künftig nur noch mit Schutzhelm die Vorstellungen besuchen können“, sagt Peter Maertens.
Mit der Zeit mauserte sich das Thalia vom Lustspielhaus zum zweiten Haus am Platze, nach dem Schauspielhaus. Und hatte ähnliche Probleme: dass so mancher Abonnent den modernen Kram nicht unbedingt mochte. Wunderbar erzählt Maertens eine Geschichte mit Peter Striebeck in dem Stück „Die Stühle“ von Eugène Ionesco. Die ganze Bühne stand voller Stühle – Peter Striebeck rief: „Stühle, Stühle, bringt mir noch mehr Stühle!“ Das wurde einem Abonnenten irgendwann zu doof und der rief: „Herr Striebeck, hier werden gleich zwei frei!“
Peter Maertens hat es selbst nicht so mit den allzu modernen Stoffen. In seiner Zeit, so sagt er, war es noch so, dass der Regisseur hinter dem Stück verschwinden sollte. Das Stück sollte im Mittelpunkt stehen. Und er zitiert gern seinen Lehrmeister Heinz Hilpert: „Einfälle sind die Läuse der Gedanken.“
Natürlich ist er trotzdem offen geblieben, auch als das Thalia Theater unter Jürgen Flimm in die „erste Liga“ aufstieg, beispielsweise mit Black Rider von Robert Wilson und mit der Musik von Tom Waits. Bei der Vorpremiere kam das Stück bei den feinen Hamburgern überhaupt nicht an. Ein Flop!, befürchteten alle. Aber bei der Premiere wollten plötzlich 40 junge Leute ins ausverkaufte Haus – wegen Tom Waits, den sie sontoll fanden. „Flimm ließ sie rein, unter der Bedingung, dass sie ordentlich Stimmung machen sollten.“ Das taten sie auch: Die jungen Leute johlten –  die Schauspieler spielten sich die Seele aus dem Leib, das Publikum tobte, die Presse war begeistert.
Auch heute ist er offen für Modernes. „Ich bin ja froh, dass man mich noch will“, sagt er. Und spielt gerade die Rolle des Totengräbers aus Hamlet. In der Adaption von Feridun Zaimoglu und unter der Regie von Luk Perceval sind die beiden Totengräber eine einzige Figur. „Ich spiele gerne kleine Rollen“, sagt er von sich selbst. „Aber die haben es auch in sich. Du hast nur eine Chance.“ Bei den großen könne man einen Fehler eher wieder wettmachen.
Übrigens endet die Familienverbundenheit der Familie zum Thalia nicht bei Peter Maertens. Alle drei Kinder – Kai, Michael und Miriam – wurden Schauspieler und stehen manchmal hier auf der Bühne. Zu Peter Maertens’ 50-jährigem Jubiläum am Thalia spielte sogar die ganze Familie zusammen. Peter Maer­tens schmunzelt, wenn er daran denkt. „Normalerweise verstehen wir uns blendend“, sagt er. Aber bei den Proben ging es so hoch her, dass sie sich richtiggehend anschrien. „So laut, dass man uns auf der Straße hören konnte und ein Polizist hereinkam und fragte, ob er irgendwie helfen könnte“, sagt er.
Stolz ist er auf alle drei, „die ganz
unterschiedliche Wege gehen“. Der bekannteste ist Michael, der am Wiener Burgtheater arbeitet. „Heute fragt mich niemand mehr, ob ich der Sohn von Willy Maertens bin“, sagt er. „Heute fragen mich die Leute oft, ob ich der Vater von Michi Maertens bin.“ Und es ist klar: Da steht er drüber.

Text: Birgit Müller
Foto: Daniel Cramer

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