„Es gibt dein Bagdad nicht mehr“

17 Millionen Flüchtlinge sind nach Schätzungen des Roten Kreuzes auf dem Erdball unterwegs. Einer von ihnen ist der Iraker Abdul-Latif

(aus Hinz&Kunzt 168/Februar 2007, Jugendausgabe)

„Das ist die vierjährige Tochter unserer Nachbarn“, sagt Abdul-Latif und zeigt auf einen der toten Körper auf dem Foto, „sie wurde entführt und ermordet.“ Der 59-Jährige blättert weiter durch den dicken Ordner. Jeden Zeitungsartikel über den Irak hebt der Flüchtling auf, jede Information zur Lage in Bagdad heftet er ab. Auf den Bildern sind Leichen zu sehen, in den Überschriften der Artikel tauchen Wörter wie „Anschlag“, „Massenentführung“ und „Terror“ auf. „Wie soll ich da je nach Hause zurückkehren?“, fragt Abdul-Latif, und das Papier in seinen Händen beginnt zu zittern.

Abdul-Latif kommt aus dem Irak, aus Bagdad. Da seine Familie wohlhabend und den jeweiligen Machthabern des Landes nie sehr fern war, konnte er eine relativ unbeschwerte Kindheit samt guter Schulausbildung genießen. Auch wenn Abdul-Latif seine Heimat liebt, hat er mit Politik nicht viel am Hut. Vielmehr ging es ihm immer darum, dass der Irak sich wirtschaftlich und technologisch entwickelt und so ein dauerhaft stabiles Land werden kann.

1969 kam er das erste Mal nach Deutschland, wo ihm die Ausbildung am besten erschien. Er studierte Maschinenbau in Frankfurt, lernte in den sieben Jahren fließend Deutsch sprechen und schloss als graduierter Schweißfachingenieur ab. Motiviert kehrte er in den Irak zurück, gründete eine Familie und arbeitete für verschiedene Firmen – Aufträge für Ingenieure gab es genug. Er hatte nicht vor, seine Heimat noch einmal zu verlassen.

Und jetzt sitzt er wieder in Deutschland.

Als im Oktober 2004 US-Militärbeamte vor der Haustür stehen, nimmt das Unglück seinen Lauf. Mit seiner außergewöhnlich guten Ausbildung soll Abdul-Latif ihnen als beratender Ingenieur behilflich sein. „Wirtschaftlicher Aufbau, dachte ich. Ich arbeitete für das Industrieministerium, ohne wirklich zu wissen, wozu meine Arbeit dient“, sagt er heute. Während im Irak für Einzelne endlich Öl, bei anderen erneut das Blut fließt, gerät Abdul-Latif zwischen die Fronten. Als Sunnit wird er von den Schiiten bedroht, von seinen Glaubensbrüdern als einer, der sich mit den Amerikanern einlässt. Er will die Gefahr nicht wahrhaben, er will weiter arbeiten.

Doch seit dem Einmarsch der US-Truppen im Frühjahr 2003 ist Bagdad zum Zentrum des Terrors geworden. Chaos und Bürgerkrieg haben die Diktatur Saddam Husseins abgelöst. Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) meldet, dass allein im vergangenen Jahr 425.000 Iraker innerhalb des Landes aufgrund der Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen vertrieben wurden und sich die Zahl der Binnenvertriebenen jeden Monat um etwa 50.000 erhöht.

Die Angst wird auch für Abdul-Latif immer deutlicher spürbar. Arbeitskollegen werden erstochen. Er bekommt Drohbriefe, Familie und Freunde flehen: „Nimm dich in Acht!“ Schon immer hat seine Welt, sein Bagdad, rumort, doch jetzt eskaliert die Gewalt, während Abdul-Latif noch voller Hoffnung mit der Konstruktion eines stabilen Staates kalkuliert.

Im November 2004 sprengen Terroristen sein Haus in die Luft. Seine Mutter kommt dabei ums Leben. Jetzt kann Abdul-Latif nicht mehr leugnen, dass für seine Illusionen auf Bagdads bebendem Boden kein Platz ist.

Abdul-Latif bricht noch in der Nacht nach dem Anschlag mit seiner Frau in das 70 Kilometer entfernt liegende Dorf Balad auf, wo sie bei einem Onkel Unterschlupf finden. Doch schnell kommt dem Onkel zu Ohren, die Verfolger seien dem Versteckten auf der Spur. Das Paar flieht so schnell es geht zurück nach Bagdad zu alten Freunden. Bevor es hell wird, soll die Flucht aus dem Land organisiert sein.

Wie viele Iraker außerhalb des Landes Schutz gesucht haben, kann selbst das UNHCR nur schätzen. Hunderttausende sollen in angrenzende Länder geflüchtet sein. Auch in Europa liegt der Irak an der Spitze der Herkunftsländer von Asylsuchenden. Allein in Deutschland nahm die Zahl der Antragsteller aus dem Irak um knapp 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu.

Abdul-Latif konnte von Jordanien aus nach Deutschland fliegen. Seit Ende 2004 ist er in Hamburg und glaubt, dass er sein Bagdad zum letzten Mal gesehen hat.

„Papa, du kannst nicht mehr nach Hause zurückkehren. Es gibt dein Bagdad nicht mehr“, sagt seine Tochter am Telefon. Sie konnte mit Mann und Kind nach Österreich fliehen. Die Welt des zerstörten Iraks ist weit von Deutschland entfernt, Österreich dagegen ganz nah. Abdul-Latif aber darf als Asylbewerber Hamburg nicht verlassen. So verbringt er seine Tage oft im „café exil“ gegenüber der Ausländerbehörde, wo er sich mit anderen irakischen Flüchtlingen unterhalten kann. Gerne würde er sich ein wenig ablenken, am liebsten wieder als Ingenieur arbeiten. Aber er bekommt keine Arbeitserlaubnis.

Vor vier Monaten diagnostizierten deutsche Ärzte bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung. Wie viele Tote er in der Familie und im Freundeskreis zu beklagen hat, weiß er nicht. Die Finger seiner beiden Hände reichen zum Zählen schon lange nicht mehr aus: Kurz nachdem er und seine Frau vor über zwei Jahren aus dem Dorf Balad zurück nach Bagdad geflohen waren, trafen vermummte Männer bei seinem Onkel ein. An Stelle von Abdul-Latif fanden sie den Onkel und dessen elf Kinder. Allen wurde das Leben genommen. Von seinem Bruder hat er, seitdem dieser im September entführt worden ist, nichts mehr gehört. Und seine 150 ehemaligen Arbeitskollegen wurden mittlerweile alle ermordet.

Wenn Abdul-Latif davon erzählt, wie er das Blut aus den aufgeschlitzten Hälsen seiner Freunde spritzen sah, kehrt sich der stumpfe Blick nach innen. Berichtet er weiter davon, wie die zittrigen Knie ihn noch trugen, als er um sein Leben rannte, bleibt die Stimme seltsam tonlos.

Nachts kann er nicht schlafen, und wenn er dann doch mal ein Auge zubekommt, kehren dieselben Alpträume immer wieder. Dann versucht er, sich zu beruhigen, an sein Bagdad zu denken, und stellt sich vor oder dichtet, dass die Flucht aus der Heimat nicht für immer war.

Carolin Wiedemann

Gedanken der Hoffnung

Bagdad ist Sommerlandschaft,

in der sich das Blut des Hasses widerspiegelt.

Ich rufe das Antlitz der Sonne herbei,

die die Welt durchflutet

und den Frühling wieder sprießen lässt.

Die Bäume wiegen sich sanft im Schoße der Natur.

Der Wind singt ein Lied vom Frieden,

während der Vogel in die Freiheit fliegt.

Bagdad ist Friedensland.

Bagdad ist Friedensland.

Bagdad ist Sommerlandschaft.

Abdul-Latif

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *