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Ein Jahr Hartz IV

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2006: Hinz&Kunzt-Ausgaben 155 – 166, Archiv, Hinz&Kunzt 155/Januar 2006

Die Arbeitsmarktrefom auf Hamburger Bühnen

(aus Hinz&Kunzt 155/Januar 2006)

Ein Mann und eine Frau stehen ganz oben auf dem Dach eines Wolkenkratzers. Außer einem wackeligen Geländer trennt sie nichts von der kilometertiefen Häuserschlucht. Er: „Sie haben Angst?“ Sie: „Ja.“ Er: „Vertrauen Sie mir, kommen Sie zu mir.“ Die Frau springt auf das Geländer, spielt fliegender Engel: Rumpf und Arme über dem Abgrund, die Hüfte balanciert auf dem Geländer, hinten an den Beinen hält der Mann das Gegengewicht. Er: „Sehen Sie, Sie haben keine Angst mehr.“ Sie: „Nein, weil ich jetzt Halt habe.“

In echt ist der Mann Ben Jung (38), die Frau Iris Bettina Kaiser (41). Und sie stehen nicht auf einem Wolkenkratzerdach, sondern im Raum „Schauspiel“ eines Industriegebäudes in Hamburg-Wandsbek und proben „Nach dem Regen“. Ben und Bettina sind Schauspieler in einem ganz besonderen Ensemble: dem „Proszenium“, einem Projekt von „Beschäftigung und Bildung e.V.“, „Hamburger Sprechwerk“, der ZBF Künstleragentur für Arbeit sowie der Wirtschafts- und Kulturbehörde. 20 arbeitssuchende Schauspieler, im Alter von Mitte 20 bis Mitte 50 Jahren, die Arbeitslosengeld II erhalten, leisten hier ihren Aktivjob ab. Sie sind „Ein-Euro-Schauspieler“, in den Stücken „Nach dem Regen“ von Sergi Belbel und „Gott“ von Woody Allen.

So bleiben die Künstler im Spiel, werden gesehen, können sich weiterentwickeln und Kontakte knüpfen. Idealerweise gehen die Schauspieler so nach der Produktion wieder in den ersten Arbeitsmarkt über. Doch noch ist es nicht so weit.

Und die Frau – eine dunkelhaarige Sekretärin – und der Mann – ein Programmierer – sind noch immer auf dem Dach des Wolkenkratzers, der irgendwo auch ihr Finanzbüro beheimatet. Verbotenerweise sind sie zum Rauchen hier hinauf gekommen. Hierarchie, Autorität, Abhängigkeit und Konkurrenz prägen ihren Berufsalltag. „Die Personen befinden sich in einer Atmosphäre, in der jede Zigarette den Job kosten kann“, so Regisseurin Stephanie Kunz.

Thematisch greift das Stück auf, was für viele freiberufliche Schauspieler inzwischen Realität geworden ist: Seit der Einführung von Hartz IV steht den meisten Schauspielern in den Zeiten zwischen ihren Engagements weniger Arbeitslosengeld zur Verfügung. Etatkürzungen und Arbeitsplatzabbau im Kulturbereich lassen die ohnehin wenigen Arbeitsplätze für freie Schauspieler noch weniger werden. „Und die Konkurrenz ist groß“, ergänzt Mirko.

Für Maria Boettner, mit 26 Jahren das Nesthäkchen des Ensembles, ist Hartz IV ganz neu. Nach Engagements in den USA und Griechenland kehrte sie erst vor kurzem nach Deutschland zurück. „Ein wenig habe ich nun Angst davor, dass ich finanziell immer auf diesem niedrigen Niveau bleiben werde“, sagt sie. Mirko Thiele (32), unverkennbar der Scherzkeks der Regen-Truppe, überlegt, ob nicht auch eine Windmaschine – anstelle von Windgeräuschen – mitspielen könnte, die die intrigante rothaarige Sekretärin beinahe vom Dach pustet. Thiele, in der Rolle des Moderators an das nicht-existente Publikum: „Auch die Windmaschine bekommt jetzt Hartz IV.“ Zur Windmaschine: „Wollen Sie nicht etwas anderes machen, als Schauspielerei?“ Windmaschine: „Aber ich kann doch nur Wind machen.“ Alle lachen.

Auf Kampnagel widmete sich der Tänzer Jochen Roller mit seiner Trilogie „Perform Performing“ dem Thema „Kunst als Beruf“. „Eine Trilogie über den Sinn und Unsinn, Tanz als Arbeit zu betrachten“, heißt es im Untertitel. „Im ersten Teil ‚No money, no love‘ rechnet Roller seinen Selbstausbeutungsfaktor auf einer Tafel aus“, erzählt Kerstin Evert, Dramaturgin auf Kampnagel. Rollers Bilanz: Angesichts unzureichender staatlicher Fördermittel, muss man diverse andere Berufe ausüben, um als Tänzer arbeiten zu können. So ist Roller H&M-Verkäufer, Call Center Agent bei der Deutschen Bahn oder Mitarbeiter eines Begleitservices. In seiner Performance tanzt Roller diese verschiedenen Arbeitsabläufe – etwa das Hemdenfalten bei H&M. Das allerdings muss er demnächst nicht mehr machen. „Roller ist mit seiner Performance sehr erfolgreich“, so Evert. „Er tourt durch die ganze Welt.“

Bei der „Hartz IV-Kompanie“ auf B12, der Bühne für Tanz und Tanztheater, tanzen auch nicht gelernte, nicht hauptberuflich tätige Tänzer. Einzige Vorraussetzung: Hartz-IV-Berechtigung und Talent. B12-Choreograph Bernd Kühn erarbeitet zusammen mit seiner Crew sowie mit den 44 Arbeitslosengeld II-Empfängern eine Tanztheaterproduktion, die im Mai Premiere haben wird. „Wir tanzen das Mozart Requiem“ so Kühn. Das Thema Hartz IV wird dabei auch thematisch aufgegriffen. „Im ersten Teil stellen wir die Frage, was passiert wäre, wenn Mozart damals Arbeitslosengeld II bekommen hätte. Einer antwortet: Prima, dann hätte er seine Werke zuende komponieren können. Schließlich starb er ja sehr verarmt. Ein anderer meint: Nee, das wäre nicht gegangen. Sein Sachbearbeiter hätte ihm gesagt, er muss erst mal 30 Bewerbungen schreiben.“ Nach Beendigung des Engagements im Sommer 2006 hofft Kühn sein Hartz-IV-Ensemble in den ersten Arbeitsmarkt entlassen zu können.

Das Thalia Theater in der Gaußstraße bringt mit „Café Umberto“ von Moritz Rinke das Thema Arbeitslosigkeit auf eine der renommiertesten deutschen Staatsbühnen. In der Cafeteria eines Jobcenters – dem Café Umberto – begegnen sich drei Paare: der arbeitslose, optimistische Musiker Jaro und die gescheiterte, depressive Modeschöperin Jule. Anton und Paula, er jobloser Universitätprofessor, sie erfolglose Malerin. Lukas, arbeitsloser Erdkundelehrer, und Sonia, bekannte Fernsehmoderatorin. Rinke erzählt drei Liebesgeschichten in Zeiten der Arbeitslosigkeit: Wie wirkt sich die Jobsituation auf die Beziehung, auf die privatesten und intimsten Bereiche des Menschen aus?

Am Ende des Stücks wird sogar der Chef des Arbeitsamtes wegrationalisiert. Was bleibt, ist ein säulenförmige Apparat, der mit elektronisch-abgehackter Stimme die Jobangebote verkündet. „Diese Ansage wurde ihnen präsentiert von ihrer Agentur für Arbeit“ heißt es im Abspann. Peter Jordan, Darsteller des arbeitslosen Musikers Jaro: „Der Tenor des Stückes ist die Trostlosigkeit, die Verödung. Am Ende ist einfach kein Mensch mehr auf dem Amt. Und man merkt gar nicht, dass niemand mehr da ist.“ Jordan will die Zuschauer „ein wenig unsicher machen, sodass sie sagen: ‚Oh Gott, es könnte auch für uns so kommen wenn wir nicht aufpassen.‘“

Denn bei Rinke sind nicht die einfachen Menschen von Arbeitslosigket betroffen, sondern die Intellektuellen. Im Laufe des Stücks erkennt Jaro seine Arbeitslosigkeit als Chance, ein neues, ein anderes Leben zu beginnen. Er organisisert für Jule eine Modenschau, er putzt Schuhe oder hilft Umberto den Verlust seines Vaters zu ertragen. „Hier geht es um die Würde der kleinen Jobs“, so Jordan. „Schuheputzen, Koffertragen, Signalgeben waren früher anerkannte Berufe. Heute sagt man: ‚Ih, guck mal der arme Mann, der muss Schuhe putzen.‘ Wir haben kein Gefühl mehr dafür, dass kleine Jobs eine Würde haben. Würde muss erst kommen, dann der Erwerb.“ Nachdem Jule als Modeschöpferin endgültg scheitert, verkauft sie die Straßenzeitung „Street-Gala“. Ihr Chef nimmt sie in eine würgegriffartige Umarmung, bringt seine Wange ganz nah an ihre und droht: „Wenn du nicht genügend Exemplare verkaufst, dann fliegst du raus.“ Doreen Nixdorf, Darstellerin der Jule: „Auch eine Straßenzeitung soll verkauft und angepriesen werden wie ein Hochglanzmagazin, wie eine Gala.“

Schnitt. Auf dem Hochhaus springt die dunkelhaarige Sekretärin vom Geländer zurück aufs Dach, beinahe in die Arme des Mannes, den sie ein kleines bisschen lieb hat. Sie ist jetzt sicher, sie hat jetzt keine Angst mehr. Zumindest bis zum nächsten Windstoß

Jannika Schulz

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