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Die Nonne von St. Pauli

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2003: Hinz&Kunzt-Ausgaben 119 – 130, Archiv, Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003

Im Haus Bethlehem arbeitet Schwester Marie-Claire vom Mutter-Theresa-Orden

(aus Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003)

Heiraten wollte sie eigentlich und Kinder haben. „Viele Kinder“, sagt Schwester Marie-Claire enthusiastisch. „Ich liebe Kinder.“ Aber alles kam anders. Heute lebt die 52-Jährige als Schwester im Mutter-Theresa-Orden und leitet bis Ende des Jahres die Übernachtungsstätte Haus Bethlehem auf St. Pauli.

Natürlich war sie auch als junge Frau schon eine gläubige Katholikin. Gebetet habe sie und sonntags sei sie in die Kirche gegangen. Aber sonst? Sonst war sie ganz weltlich. In ihrer bayrischen Heimatstadt Günzburg absolvierte sie eine Einzelhandelslehre und betrieb eine Art Tante-Emma-Laden. „Ein Kind von Traurigkeit war ich aber nicht“, sagt Schwester Marie-Claire. Aber mit 27 Jahren merkte sie plötzlich: „Den Traummann, mit dem ich mir vorstellen konnte, eine Familie zu gründen, habe ich nicht gefunden.“ Traurig klingt das nicht. „Das ist auch nicht traurig“, sagt die 52-jährige Ordensfrau. „Jetzt hab ich viel mehr Kinder, schauen Sie nur!“ Die Frau in der weiß-blauen Schwesterntracht lacht und macht eine vage Handbewegung. Gemeint sind die 18 Männer, 16 Frauen und drei Kinder, die derzeit im Haus Bethlehem Unterschlupf gefunden haben. „Ganz arme Menschen nehmen wir auf, die, die sonst keiner nimmt“, sagt Schwester Marie-Claire ernst. „Für uns zählt nur die Not.“

Die materielle Armut teilen die Schwestern des Mutter-Theresa-Ordens mit den Menschen, für die sie da sein wollen. Nichts Persönliches besitzt Marie-Claire. Nicht mal private Fotos. Nicht mal ein Buch, das sie sich selbst ausgesucht hätte. Geschweige denn eigene Kleidung, einen Fernseher, Zeitungen, Radio – nichts, gar nichts. Klar, dass sie dasselbe Essen isst wie die Menschen, die in die Übernachtungsstätte und Suppenküche an der Budapester Straße kommen. Und auch sie schläft in einem kargen Schlafsaal – zusammen mit den drei oder vier anderen Schwestern. „Diese Art zu leben macht unglaublich frei“, sagt Schwester Marie-Claire und lacht wieder. „Ich muss nie Angst haben, dass mich einer bestiehlt.“ Beispielsweise. Und wenn sie jetzt, Ende des Jahres, in eine andere Stadt, in ein anderes Land versetzt wird, dann wird sie nur ein paar Minuten brauchen, um zu packen.

Ihrem Abschied von Hamburg sieht sie gelassen entgegen – auch wenn sie noch nicht weiß, wohin es sie verschlägt. Anfangs war das noch anders: Wie ein Schlosshund habe sie geweint, als sie wegmusste aus ihrem ersten Missionshaus in Italien. „Aber nach zwei Tagen in meinem neuen Ordenshaus fühlte ich mich wieder ganz wohl.“ Ordensfrauen, sagt sie, sollen sich sowieso an keinem weltlichen Ort zu Hause fühlen, sondern nur in Gott. Das ist auch ein Grund, warum sie alle paar Jahre versetzt werden. Der Kontakt zu ihrem richtigen Zuhause, zu ihrer Mutter und den Brüdern, ist spärlich, aber gut – inzwischen wieder…

Ende der siebziger Jahre war es, da ging sie nach dem Ostersonntag-Gottesdienst nach Hause und las einen bestimmten Bibelvers. „Ich fühlte mich direkt davon angesprochen. Von der Zeit an begann ich zu beten und zu meditieren.“ Aber immer noch wusste sie nicht, wohin sie das alles führen würde. Ein paar Monate später sah sie eine Dokumentation über Schwester Andrea – „den Engel der Armen“ im philippinischen Ableger des Mutter-Theresa-Ordens. „Ich war fasziniert“, sagt die Ordensschwester. „So etwas war mir noch nie passiert: Ich sah Jesus in ihren Augen.“ So wollte sie auch leben: ohne Bedürfnisse, sich nur der Liebe zu Gott hingeben und den Menschen helfen.

Marie-Claire erzählte niemandem von dem Erlebnis und von ihren Gefühlen. Heimlich schrieb sie einen Brief an Schwester Andrea. Monatelang wartete sie auf Antwort. Nichts. Dann, als sie längst nicht mehr daran glaubte, bekam sie einen Brief. „Ich stand in meinem Laden, meine Mutter war auch da. Ich nahm den Brief entgegen, steckte ihn in meine Schürzentasche – und dort brannte er wie Feuer.“ Und sie erfuhr, dass bald ein Haus in Essen eröffnet werden sollte.

„Mich beschäftigte das Ganze wahnsinnig. Ich wusste nur, ich will dahin, weil ich Gott liebe und den Menschen dienen will.“ Ihr Leben geriet völlig aus den Fugen, sie lebte in einem regelrechten Gefühlschaos. „Nachts betete ich mich fest, aber irgendetwas stimmte nicht: Ich war mir meiner selbst noch nicht sicher.“ Der Freundin ihres Bruders fiel irgendwann auf, dass mit Marie-Claire etwas nicht stimmte. Eines Nachts – Marie-Claire meditierte – kam ihre Mutter ins Zimmer.

„Eigentlich war ich ganz froh, dass sie kam: Ich redete mir alles von der Seele.“ Was die Sache nicht unbedingt besser machte: Natürlich verstanden die Eltern ihren Wunsch gar nicht, Ordensfrau zu werden. „Sie wollten mich nicht verlieren und machten sich Sorgen um mich.“ Selbst der Pfarrer war strikt dagegen. „Ich glaube, die meisten hielten mich für übergeschnappt.“ Heute kann Marie-Claire darüber herzhaft lachen. Lachen, das ist sowieso etwas, das sie – neben helfen und beten – am liebsten tut. Ihr geht es eben gut. „Das Leben mit Gott ist jeden Tag ein Abenteuer“, sagt sie. Auch wenn das Abenteuer mit vielen Pflichten verbunden ist: Morgens um kurz vor fünf stehen die Schwestern auf. Der Tag besteht aus Arbeiten, Helfen und Beten. „Ohne die Liebe zu Gott wäre das Leben, so wie wir es leben, nicht durchzuhalten.“

Es gibt im Haus keine Waschmaschine, so dass sie alles mit der Hand waschen. Und natürlich werden Socken und Pullover mehrfach gestopft, bevor sie aussortiert werden. Damals, noch zu Hause, verging ihr allerdings erstmal das Lachen. Sie trat nicht dem Orden bei, sondern lebte ihr altes Leben erstmal weiter. Über den „Vorfall“ verlor niemand mehr ein Wort. Aber für Marie-Claire war alles wie ein Abschied. „Ich hatte einfach keine Ruhe, keinen Frieden mehr“, sagt sie. „Ich wusste, dass irgendwann die Zeit reif sein würde dafür.“

Vier Jahre später war es soweit. Als sie ihrer Familie mitteilte, sie würde – zunächst nur zwei Wochen – zu dem Orden nach Essen fahren, brach es aus ihrer Mutter heraus. „Dann brauchst du gar nicht wiederzukommen.“ Marie-Claire hielt das nicht auf, zumal ihre Mutter sich schon zwei Tage später entschuldigte.

Diesmal war sowieso alles anders: Marie-Claire wusste, dass sie dort bleiben wollte. Vielleicht war das der Grund, warum plötzlich auch ihre Familie und selbst der Pfarrer anders reagierten. Später schrieb er ihr einmal, er sei stolz darauf, dass eines seiner Gemeindekinder in den Orden aufgenommen würde. „Wer sich geändert hatte, war ich. Ich war mir auf einmal sicher“, sagt die Ordensfrau heute.

Keine Ahnung hatte sie damals allerdings, wie ihr Leben als Schwester aussehen würde. Nach Indien, so hatte sie vermutet, würde sie gerufen, um dort armen Menschen zu helfen, oder in ein anderes armes Land, vielleicht Afrika… Etwas gewöhnungsbedürftig war für sie, dass sie in Europa eingesetzt wurde, in Italien, im Vatikan, in England und in Deutschland. „Dass es in Europa so viel Armut gibt, wusste ich bis dahin gar nicht“, sagt sie.

In Sizilien beispielsweise half der Orden armen Familien. Die meisten Kinder gingen unregelmäßig in die Schule und stahlen. „Sie taten es aus Not“, sagt Schwester Marie-Claire. Sie hatte tiefes Mitgefühl. „Aber zu sehr habe ich ihnen das nicht gezeigt“, sagt sie. „Ich war liebevoll, aber auch streng.“ Sie und die anderen Ordensfrauen besuchten die Familien, brachten ihnen Essen und sorgten dafür, dass die Eltern ihre Kinder wieder zur Schule schickten. Nachmittags halfen sie den Schülern bei den Hausaufgaben. „Das ganze Haus erbebte, wenn mittags die Kinder kamen und das Geländer runterrutschten.“ In den Missionshäusern, auch im Haus Bethlehem, beten die Schwestern auch mit ihren Besuchern.

Bekehren wollen sie die Menschen allerdings nicht. „Mutter Theresa hat immer gesagt: ‚Ich dachte, ich müsste die Menschen bekehren. Nein, ich muss sie lieben – und die Liebe bekehrt sie, wenn sie will‘“, sagt Schwester Marie-Claire. Allerdings ist sie davon überzeugt, dass jeder Mensch „hungrig nach Liebe und nach Gott ist, wenn vielleicht auch nicht bewusst“. Manchen fehle vielleicht auch nur der Mut. „Das ist wie beim Verliebtsein“, sagt sie. „Wenn man sich nicht verliebt, hat man nie Liebeskummer, aber man weiß auch nicht, was Liebe ist.“

Birgit Müller

Mutter Theresa – eine Kurzbiographie
Mutter Theresa wurde am 27. August 1910 als Agnes Gonxha Bojaxhio in Skopje (Mazedonien) geboren und wuchs in einer wohlhabenden albanisch-katholischen Familie auf.
Schon als junge Ordensfrau ging sie nach Kalkutta. Seit 1948 lebte Theresa unter den Ärmsten der Armen in den dortigen Slums. 1950 gründete sie den Orden „Missionarinnen der Nächstenliebe“. Die Mitglieder verpflichten sich der Ehelosigkeit, der Armut und dem Gehorsam – und legen noch ein viertes Gelübde ab: den Ärmsten der Armen zu helfen. Der Orden kümmert sich besonders um Sterbende, Waisen und Kranke, vor allem Leprakranke. Heute gehören mehr als 4200 Ordens-schwestern und 500 Ordensbrüder in 126 Ländern der Erde ihrem Orden an.
Für ihr Wirken erhielt sie viele Preise, darunter 1979 den Friedensnobelpreis. Aber es gibt auch Kritik: mangelnde medizinische Ausbildung ihrer Mitarbeiter und ihre konservative Weltanschauung. So sah sie die Abtreibungspolitik vieler Länder als die „größte Bedrohung für den Weltfrieden“.
Am 5. September 1997 starb Mutter Theresa. Vor wenigen Wochen wurde sie vom Papst selig gesprochen.

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