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Die Experten-Kommission

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2008: Hinz&Kunzt-Ausgaben 179 – 190, Archiv, Hinz&Kunzt 189/November 2008

Fachleute erklären, was sich seit der Gründung von Hinz&Kunzt beim Thema Obdachlosigkeit getan hat und noch tun muss

(aus Hinz&Kunzt 189/November2008)

Dietrich Wersich

Senator für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz

Gern erfülle ich die Bitte, anlässlich des „15.“ von Hinz&Kunzt etwas zur Obdach- und Wohnungslosenhilfe zu schreiben. Das Team hat die Entwicklungen der Obdach- und Wohnungslosenhilfe immer engagiert und kritisch begleitet und den Betroffenen eine öffentliche Stimme gegeben. Das Hamburger Hilfesystem für wohnungs- und obdachlose Menschen wurde in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt. So gibt es nicht nur den Anspruch auf öffentliche Unterbringung und zum Beispiel das Winternotprogramm.Sondern mit den Fachstellen für Wohnungsnotfälle, die wir 2005 in jedem Bezirk eingerichtet haben, setzen wir früher an und bündeln Leistungen. Sie tragen dazu bei, dass bei immer mehr Menschen mit drohendem Wohnungsverlust der Wohnraum gesichert werden kann. Neben dieser Umstrukturierung des Hilfesystems wurden neue Projekte ins Leben gerufen, medizinische Hilfen entwickelt und gezielte Straßensozialarbeit initiiert. Gerade bei Gesundheit, aber auch für junge Obdachlose haben wir uns Weiteres vorgenommen, immer mit dem Ziel, den Menschen im täglichen (Über-)Leben Hilfe anzubieten, aber auch Wege in die Gesellschaft zu eröffnen. Ich hoffe, dass Hinz&Kunzt auch weiterhin die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese und andere Themen richtet, die sonst wenig Beachtung in der Gesellschaft finden.


Dietrich Wersich
(CDU) ist seit Mai 2008 Präses der Hamburger Sozialbehörde. Der Behörden-Etat 2009 beträgt 2,4 Milliarden Euro. Mit 23 Prozent ist es der größte Anteil am Haushalt.


Ortwin Runde

Ex-Sozialsenator in Hamburg

Als Hinz&Kunzt im November 1993 an den Start ging, herrschte in Hamburg blanke Wohnungsnot. Seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs Ende der 80er-Jahre musste die Stadt mehr als 100.000 Einwohner zusätzlich aufnehmen: aus Ostdeutschland, Polen und anderen Ostblockländern. Wäre ich damals mit dem Begriff „wachsende Stadt“ als politische Vision für Hamburg gekommen, hätte man mich für verrückt erklärt. Die Zeiten ändern sich.

Um Asylbewerber unterzubringen, mussten wir zu Lösungen greifen, wie den Wohnschiffen Bibby Endeavour und Bibby Altona. Die Pavillondörfer ließen sich in Hamburgs wohlsituierten Vorstädten nur gegen erheblichen Widerstand durchsetzen. Obdachlose waren extrem schwer unterzubringen. Dass sich die Situation seitdem erheblich verbessert hat, liegt vor allem an den damaligen Bauprogrammen im sozialen Wohnungsbau. Hinz&Kunzt hat gleichzeitig einen sehr richtigen Ansatz verfolgt: den Obdachlosen ihre Würde zurückzugeben. Verkaufen statt betteln ist ein guter Weg zur Integration und hilft Vorurteile zu beseitigen. Ich habe damals mit Hinz&Kunzt gegen Forderungen der Handelskammer gekämpft, die auf eine Vertreibung von Obdachlosen aus der Innenstadt hinausliefen.

Wenn Hamburg eine wachsende Stadt sein will, kommt man nicht um öffentlich geförderten Wohnungsbau herum. Das gilt vor allem auch für die unteren Einkommensklassen. Hamburg braucht zusätzlich 8000 Wohnungen im Jahr.

Von 1988 bis 1993 war Ortwin Runde Sozialsenator in Hamburg, anschließend Finanzsenator und von 1997 bis 2001 Erster Bürgermeister. Heute ist er Bundestagsabgeordneter der SPD.

Eckard Pahlke

Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg

Ich erinnere mich noch gut an „Die Nacht der Obdachlosen“, wohl in den Anfangsjahren von Hinz&Kunzt initiiert. Mit Schlafsack hatte ich mich am Gerhart-Hauptmann-Platz eingefunden. Es war ein tolles Erlebnis, die armen, aber doch vielfach fröhlichen Obdachlosen einmal aus der Nähe kennenzulernen. Leider hat sich vom nahen Rathaus nur ein einziger Abgeordneter blicken lassen. Das Problem Obdachlosigkeit hatte in der Politik keinen großen Stellenwert. Vielleicht sollte man so etwas einmal bei einigen Minusgraden – nicht wie damals im Juni – organisieren, die gesamten Abgeordneten verpflichten und die tatsächliche Not der obdachlosen Menschen erleben.

Hinz&Kunzt ist zu verdanken, dass das Obdachlosenproblem öffentlich gemacht wurde. Damit hat die Zeitschrift geholfen, viele Menschen von der Straße zu bringen. Das Spektrum der Zeitschrift ist mit vielfältigen Themen umfangreich geworden.

Meine Meinung: Obdachlose sind auf einem guten Weg, wenn sie sich helfen lassen. Viele haben aber resigniert, verstecken sich, nehmen keine Hilfe an. Diese gilt es zu suchen, anzusprechen, ärztlich und psychotherapeutisch zu behandeln. In erster Linie müssen warme Unterkünfte für alle da sein. Deshalb fordern Mieterverein zu Hamburg und Deutscher Mieterbund ein Grundrecht auf Wohnen.“

Der Mieterverein zu Hamburg berät seine 53.000 Mitgliedshaushalte in allen Miet- und Wohnfragen und versteht sich als Interessensvertretung aller Hamburger Mieter.

Rainer Andresen

Leiter Qualitätsmanagement beim Wohnungsunternehmen SAGA GWG

Jeder sechste Hamburger lebt in einer unserer Wohnungen, darunter auch einige Hinz&Künztler, also ehemals Obdachlose. Die Gründung von Hinz&Kunzt 1993 hat sich für die Hamburger Wohnungswirtschaft sehr bemerkbar gemacht. Da war plötzlich jemand, der sich um Wohnungslose kümmerte und der Kontakt zu SAGA GWG hielt. Die Stadt hat damals eher kleinteilige Sonderprogramme vorgenommen und bei der Wohnungswirtschaft für 60 oder 100 Leute Wohnungen gesucht. Das war nie der große Wurf. Hinz&Kunzt hat dafür gesorgt, dass das Thema Obdachlosigkeit ins Blickfeld gerückt ist und die politische Entwicklung begleitet. Früher ging es eher um Einzelfälle, heute wird mehr übergeordnet gedacht. Das beste Beispiel dafür ist, dass sich Sozial- und Stadtentwicklungsbehörde sowie Wohnungswirtschaft 2004 über Belegungsverträge geeinigt haben: Seitdem stehen 600 zusätzliche Wohnungen für wohnungslose Menschen zur Verfügung. Der Start war sehr holprig, inzwischen ist die Entwicklung positiv. Wir als Vermieter haben sehr gute Erfahrungen gemacht, vor allem seit Gründung der behördlichen Fachstellen für Wohnungsnotfälle, ein Jahr später. Jetzt haben wir Ansprechpartner, wir wissen, es findet Begleitung statt. Dadurch gibt es auch weniger Probleme zum Beispiel mit Mietrückständen. Außerdem haben die Behörden umgedacht und bemühen sich darum, eine Räumung zu vermeiden.

SAGA GWG ist Hamburgs größtes Wohnungsunternehmen. Zum Bestand gehören 135.000 Mietwohnungen.

Stephan Karrenbauer

Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter

Als ich 1995 bei Hinz&Kunzt anfing, führte ich eines der ersten Gespräche mit einem Verkäufer, der auf St. Pauli in einem Hotel untergebracht war – wie damals Hunderte Obdachlose. Er erzählte, dass er seine Lebensmittel an der Deckenlampe aufhängte, zum Schutz vor Kakerlaken. Ich habe ihn in seinem Zimmer besucht,

und da habe ich verstanden, warum viele Leute lieber draußen schlafen. Seitdem hat sich viel verbessert. Es gibt unterschiedliche Wohnformen, wie die Container, in denen Obdachlose Ruhe finden und Kraft sammeln können, um sich um eine eigene Wohnung zu bemühen.

Den zweiten Schock erlebte ich damals auf dem Sozialamt. Wer Unterstützung beantragen wollte, musste um 7 Uhr da sein und oft acht Stunden warten. Viele Obdachlose haben das nicht geschafft und somit auf vieles verzichtet. Hinz&Kunzt und die Zeitungskäufer haben ihnen wieder Mut gemacht, ihre Rechte wahrzunehmen. Auch wenn die Hartz-IV-Sätze zu knapp bemessen sind, für die Sozialarbeit sind die Regelungen eine Erleichterung: Die Obdachlosen müssen nicht mehr für jede Kleinigkeit einen Antrag stellen, weil es Pauschalen gibt. Damit sind auch der Willkür einzelner Sachbearbeiter Grenzen gesetzt.

Inzwischen gehören die Hinz&Künztler fest zu Hamburg. Einerseits ist das gut: Wir haben ein Klima, in dem Forderungen wie „Bettler raus aus der Innenstadt“ von den Hamburgern abgeschmettert werden. Andererseits wird es nicht mehr als Skandal wahrgenommen, dass so viele Menschen auf der Straße leben. Die Empörung wachzuhalten, ist viel schwieriger geworden.

Das betrifft auch die Verkäufer: Viele Obdachlose geben sich heute damit zufrieden, in einer Notunterkunft zu leben. Auf dem Arbeitsmarkt haben sie sowieso kaum Chancen. Das liegt auch daran, dass es heute kaum noch Arbeits- und Fortbildungsangebote gibt. Heute gibt es nur noch Ein-Euro-Jobs, die ohne Perspektive sind.

Stephan Karrenbauer ist – zusammen mit Isabel Kohler – als Sozialarbeiter Ansprechpartner für die rund 400 aktiven Verkäufer des Hamburger Straßen-magazins. Außerdem ist er einer der politischen Sprecher von Hinz&Kunzt.

Jürgen Coym

Leiter des Geschäftsbereichs Wohnen bei fördern und wohnen

Hinz&Kunzt ist die Lobby und das Sprachrohr für obdachlose Menschen in Hamburg geworden. Sie tragen dazu bei, dass Obdachlose nicht nur als „Randfiguren“ wahrgenommen werden, verankern das Thema mitten in der Gesellschaft und rütteln unzählige Menschen wach. Durch Ihre Verkäufer bekommen Obdachlose ein Gesicht, sie gewinnen ihre Würde zurück.

Als Träger von Einrichtungen, in denen immer noch mehr als 2500 obdach- und wohnungslose Menschen leben, schätzen wir Hinz&Kunzt als kritischen, kooperativen Weggefährten. Auch wenn es uns nicht immer gleich gefiel, dass Sie den Finger in manche Wunde gelegt haben, sind wir dankbar für Ihre „aktivierende“ Begleitung. Nicht zuletzt deshalb profitieren unsere Klienten heute von vielen Verbesserungen in unserem Angebot.

Das Problem der Obdachlosigkeit ist nicht gelöst, und es gibt weiter viel zu tun. Hinz&Kunzt ist die unverzichtbare „4. Gewalt“ in Hamburg. Also: Bleiben Sie wachsam, kritisch und bissig – ganz so, wie es sich für 15-Jährige gehört.

fördern und wohnen ist ein Unternehmen öffentlichen Rechts der Stadt Hamburg. In den Einrichtungen sind 9000 Obdachlose, Wohnungslose und Zuwanderer untergebracht.


Peter Schröder-Reineke
Projektentwickler beim Diakonischen Werk Hamburg

Ein bleierner Vorhang lag vor 15 Jahren über dem Thema Obdachlosigkeit. Das Schicksal der betroffenen Hamburger Bürger spielte, wenn überhaupt, nur um die Weihnachtszeit als rührselige Geschichte in der Presse eine Rolle. Massenunterkünfte, Vertreibung und eine sehr unzureichende insbesondere medizinische Versorgung waren an der Tagesordnung. Anfang der 90er-Jahre änderte sich die Lage: Dank der Aktion „Nacht der Wohnungslosen“ im Juni 1993, der Gründung der Selbsthilfegruppe OASE und Hinz&Kunzt wurde eine große Öffentlichkeit regelmäßig über die Nöte und Sorgen Obdachloser informiert. Eure Zeitung hat den Obdachlosen und der Obdachlosenhilfe mit ihren Angeboten in Hamburg ein Gesicht und eine Stimme gegeben. Die Hilfeangebote für Obdachlose haben sich in unserer Stadt seither erheblich verbessert, und viele Bürger und Politiker setzen sich für die Betroffenen ein. Vielen Dank dafür und macht weiter so, auf die nächs­ten 15 Jahre.

Peter Schröder-Reineke ist seit 23 Jahren beim Diakonischen Werk Hamburg (DW) in der Wohnungslosenhilfe tätig. Das DW bietet zahlreiche Hilfen für Obdach- und Wohnungslose an und ist Hauptgesellschafter von Hinz&Kunzt.

Michael Struck

Initiator des Projektes Neue Wohnung gGmbH

In den vergangenen 15 Jahren hat sich leider oft nichts Gutes für die Obdachlosen in Hamburg getan. Die Fachstellen in den Bezirksämtern sehen wir kritisch. Seit sie im Juli 2005 eingeführt wurden, sollten sie Hilfe aus einer Hand bieten. Doch in Wahrheit ist es so, dass die Mitarbeiter Obdachlose erst einmal in Kategorien von I bis III einstufen. Wer wegen Schulden und langer Obdachlosigkeit in Kategorie III landet, gilt als nicht wohnfähig – und soll ein halbes Jahr später wiederkommen. Bis dahin soll er beweisen, dass er wohnen kann. Wie er in dieser Zeit etwas ändern soll, das wird nicht gesagt. So werden Menschen durch die Verwaltung einfach an den Rand gedrängt.

Außerdem haben wir schon vor Jahren 2000 Wohnungen für sozial Schwache gefordert. Fast nichts ist passiert. Obdachlose Männer – und es sind meist Männer – brauchen staatlich geförderte Ein-Zimmer-Wohnungen. Doch genau die werden fast nicht mehr gebaut. Zudem verloren vor Jahren die Wohnungsbaugenossenschaften ihre Gemeinnützigkeit. Da ist es kein Wunder, dass sie nicht mehr gemeinnützig tätig sind. An diesen Entwicklungen wird deutlich, dass sich die Situation der Obdachlosen in den vergangenen 15 Jahren verschlechtert hat.

Michael Struck und die Neue Wohnung gGmbH betreiben drei Containersiedlungen und ein Wohnhaus mit insgesamt 60 Plätzen für Langzeit-Obdachlose.

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