Der Star vom Fischmarkt

Seit 50 Jahren spielt Aale Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt den raubeinigen Marktschreier. Doch hinter der Fassade steckt ein Gentleman. Jetzt ist über das Hamburger Original ein Kinderbuch erschienen.

(aus Hinz&Kunzt 194/April 2009)

„Nu komm man ran hier, min Jung! Ja, du!“, ruft der stattliche Kerl mit den roten Hosenträgern überm Fischerhemd und zieht den widerstrebenden jungen Mann mit Nachdruck an den Verkaufsstand. „Hierher sollst du gucken! Deine Frau siehst du jeden Tag, die ist froh, wenn du sie mal in Ruhe lässt!“ Gelächter reihum, für solche Sprüche lieben sie ihren Aale Dieter. Touristen, Stammkunden und Strandgut der vergangenen Nacht rücken einträchtig näher: Man probiert und kauft den vakuumierten Aal und Lachs gleich plastiktütenweise.

Seit nunmehr 50 Jahren bringt der populäre Marktschreier mit seinem routinierten Unterhaltungsprogramm seine Ware auf dem Fischmarkt an den Mann: Aale Dieter ist Kult – und das zu Recht. Denn auch im richtigen Leben wirkt Dieter Bruhn (wie Aale Dieter mit bürgerlichem Namen heißt) wie eine lebendig gewordene Hamburg-Werbung. Die blaue Cabanjacke spannt über dem breiten Kreuz, im gebräunten Gesicht blitzen wache hellblaue Augen. Verstohlen drehen sich einige Damen nach diesem Prachtexemplar von Mann um, der mächtig an Hans Albers erinnert. Kein Zweifel: Aale Dieter hat Schlag bei den Frauen. Seine 70 Jahre sieht man ihm genauso wenig an wie ein halbes Jahrhundert auf dem Fischmarkt. „Ist aber so!“, sagt er stolz und richtet sich die dunklen Haare. „Der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint.“
Hinter der Fassade der raubeinigen Stimmungskanone steckt ein überraschend feingeistiger, höflicher und fast schüchterner Gentleman. Einer, der viel Wert auf Diskretion legt und sein Privatleben eisern hütet. Der nicht raucht und nicht trinkt, Kraftsport betreibt und ganz bürgerlich-solide seit 45 Jahren verheiratet ist. Ein Mann voller leiser Töne und Überraschungen.
Ein waschechter Hamburger ist Bruhn, kein Quiddje, 1939
in Hamm geboren als Sohn eines Schmuck- und Goldhändlers.
Noch deutlich kann er sich an die Kriegsjahre, an den Bombenterror erinnern, an die Nächte in den Bunkern an der Hand seiner Schwes­ter. Und an die Zeit des Mangels, in der keiner etwas hatte und man
sich gegenseitig geholfen habe. „Die Mitmenschlichkeit war daraus geboren, dass jeder für sich allein nicht überleben konnte. Damals hat keiner danach geguckt, was der andere hat, denn es hatte ja keiner was. Wir hatten alle Flicken und Löcher an den Hosen. In der heutigen Wohlstandsgesellschaft bleiben Tugenden wie Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Helfen auf der Strecke. Viele Menschen sind abgestumpft, ihr Innenleben ist nicht erweckt, sondern zum Teil tot. Dabei sind doch Seele und Herz das Wichtigste.“
Viel ausprobiert hat er in seinem Leben. Maschinenbauer hat er gelernt in der Kleinen Freiheit: „Rührwerke und Kartoffelschälmaschinen haben wir gemacht, da mussten wir noch richtig Stahl anschleifen!“ Warum er nicht dabei blieb? „Ach, das Leben geht unterschiedliche Wege“, seufzt er. „Hätte ich mehr Willen gezeigt, hätte ich auch Karriere als Tenor machen können. Ich hatte ein schönes, kräftiges italienisches Timbre, hatte auch Gesangsunterricht an der Oper, aber ich war nie eisern hinterher.“ Stattdessen landete er schließlich vor 50 Jahren bei Aal Wilhelm, einem Bekannten seines Vaters, auf dem Fischmarkt. „Der suchte jemand, der ihn auf Wochenmärkte in ganz Deutschland fuhr mit seinen Aalen. Die waren damals in Kisten, da gab’s ja
noch nicht so strenge Hygienevorschriften wie heute.“ Sonntags ging’s dann in Hamburg auf den Fischmarkt. „Aale vom Wagen runterhandeln. Da stellte sich raus, dass ich so eine Art hatte, auf Menschen
zu wirken“, sagt er kokett.
Eine gute Menschenkenntnis gehöre dazu und Schauspieltalent, vor allem aber müsse man authentisch sein: „Man kann keinen kopieren, jeder hat seine eigene Ausstrahlung. Ich bin gradlinig und gerade heraus, das mögen die Leute. Ich habe ja manchmal eine raue Verkaufsart, aber die wollen und erwarten das, um sich zu amüsieren.“ Früher sei es noch raubeiniger zugegangen auf dem Fischmarkt: „Ich habe heute kaum Diskrepanzen. Auch nicht mit denen mit ,blauem Blut‘“, grient er.
Seine Art kommt immer noch an, mittlerweile stellt man sich bundesweit einen echten Hamburger wie Aale Dieter vor. In jeder TV-Talkshow hat er Hof gehalten, eine CD mit Seemannsliedern rausgebracht, in zahllosen Filmen und Serien mitgespielt, er ist mit vielen Stars per Du: „Ich mag gute, hausgebackene Typen wie Jan Fedder oder Jürgen Roland. Und Heidi Kabel, das ist eine feine Frau!“ Heute schult er Verkäufer und ist als Entertainer für große Veranstaltungen zu buchen. Und er verbindet Generationen: Im neuen Kinderbuch „Der kleine Stint und Aale Dieter in Hamburg“ wird er auch seine kleinen Fans begeistern. „Ich bin wie ich bin, und es ist schön, wenn andere das anerkennen.“
Nur zögerlich und fast verschämt kommt der leise Dieter Bruhn hinter der lauten Kunstfigur Aale Dieter zum Vorschein. Hanseatisch diskret reagiert er, wenn es um sein soziales Engagement geht. Ohne viel Gedöns unterstützt er die Sternenbrücke und die Muskelschwundhilfe, krebskranke und Dialyse-Kinder, und für Hamburg Leuchtfeuer verkauft er zum Welt-Aids-Tag Teddys im Hauptbahnhof. „Man kommt nackt auf die Welt, man geht nackt aus der Welt, und wenn uns der Herr dazwischen ein schönes Leben lässt, dann müssen wir dankbar sein, denn das kann morgen zu Ende sein.“
Sein Privatleben ist dem zweifachen Vater und Großvater heilig. Nur von seinem Hobby erzählt er gern: Dass er durch den Vater seine Liebe zum Trabrennsport entdeckte, 1962 sein erstes Rennen
fuhr, bis heute eigene Pferde hat und bis vor 15 Jahren noch selbst im Sulky saß. „Pferde sind treue Tiere, der Umgang, das Training, das macht einfach Spaß.“
Was er sich für die Zukunft wünscht? „Erst mal ist es schön, dass
ich mich gut fühle und noch einiges bewegen werde. Und zehn, zwölf gute Jahre wird der liebe Gott mir schon noch schenken!“ 

Misha Leuschen


Jeden Sonntag zwischen 5 und 9.30 Uhr kann man Aale Dieter live auf dem Hamburger Fischmarkt erleben. Als charmante Comicfigur ist er im gerade erschienenen Kinderbuch des Zeichners und Illustrators Frans Stummer zu bestaunen: „Der kleine Stint und Aale Dieter“ (vive!Verlag, 14,90 Euro).

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