Navigation
Kontakt

„Wie eine kleine Puppe“

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2003: Hinz&Kunzt-Ausgaben 119 – 130, Archiv, Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003

Wenn Minderjährige Kinder bekommen

(aus Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003)

Verhütet? Nein, das haben sie nicht, sagt Jennifer Jordan. Keine Ahnung warum, ehrlich gesagt. Wahrscheinlich keine Zeit gehabt, sagt die 19-Jährige und lacht. Sie waren halt total verknallt, sie und ihr Maxim Ladner. Damals. Sie war gerade 15, er 16 Jahre alt. Beide durchlebten eine „null Bock auf gar nichts“-Phase. Hauptsache Fun haben, Schule abbrechen, kiffen, Partys… Tja. Und dann ist es passiert. Jenny wurde schwanger.

Angst hatte ich, sagt Jenny. Vor der Zukunft. Aber eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage. Also verdrängte sie das „Problem“ und erzählte zu Hause nichts von der Schwangerschaft. Fünf Monate lang. Dabei wusste sie, dass die Eltern ihr nicht den Kopf abreißen. Und, weißt du noch?, fragt Jennys Mutter, Siegrid Jordan, wie wir beiden uns in den Armen gelegen und geheult haben, als es endlich raus war? Die heute 44-Jährige ahnte ohnehin, was mit ihrer Tochter los war. Für sie stand sofort fest: Die Familie meistert zusammen, was zu meistern ist.

Während Jenny ihren Eltern von der Schwangerschaft erzählte, lag Maxim auf dem Jordanschen Sofa und zog sich eine Decke über den Kopf. Zu viel Gefühl. Er hatte seiner Freundin von Anfang an nicht in die Entscheidung reingeredet. Klar, sagt er, auch er musste erst mal lange nachdenken über sein Leben. Schließlich hatten weder er noch Jenny einen Schulabschluss. Aber jetzt freute er sich richtig darauf, Vater zu werden. Maxim zog bei Familie Jordan ein. Jenny konnte endlich aufatmen.

„Mein Vater hat viel Alkohol getrunken und meine Mutter und uns geschlagen – mit Händen, Füßen und Kabeln. Ich wollte nur weg, heiraten und eine eigene Familie haben. Als ich schwanger war, war ich unbeschreiblich glücklich.“ Svea (Name geändert) ist 17 Jahre alt. Mit 15 brachte sie einen Jungen zur Welt. Seit eineinhalb Jahren leben die beiden in einem Wohnhaus der Alida Schmidt-Stiftung. Die Betreuerinnen dort sind ihr Familienersatz.

Viele minderjährige Mütter stammen aus zerrütteten Familien, sagt Einrichtungsleiterin Martina Feistritzer. Etliche hatten Kontakt zur Jugendhilfe, da sie Missbrauchs- und Gewalterfahrungen haben, ihre Eltern nicht mehr leben oder unter psychischen oder Suchterkrankungen leiden. Der Wunsch nach einem eigenen Kind entspringt der Hoffnung auf Geborgenheit. „Liebe geben können wird verwechselt mit Liebe bekommen“, so Feistritzer. Auch fehlende Zukunftsperspektiven nennt die Diplompädagogin als Grund für eine frühe Schwangerschaft. Vor allem für schlecht Ausgebildete sinken die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Feistritzer: „Wenn die Mädchen ein Kind bekommen, haben sie plötzlich eine Perspektive: das Muttersein.“

Von 1995 bis 2002 brachten 1115 Hamburgerinnen unter 18 Jahren ein Kind zur Welt. Doch das Familienglück bleibt häufig aus. Svea: „Als ich meinem Freund erzählte, dass ich ein Baby bekomme, wurde er wütend und hat mich geschlagen. Ich sollte das Kind abtreiben.“ Das hat sie nicht gemacht. „Das Kind bleibt immer bei mir. Es ist doch ein Teil von mir. Aber ich wünsche mir so, nicht die ganze Verantwortung alleine tragen zu müssen.“

Sie sei Jenny und Maxim fürchterlich auf die Nerven gegangen, meint Siegrid Jordan. Die jungen Eltern lachen. Es stimmt. Schon während der Schwangerschaft wollte Mutter Jordan partout, dass das junge Paar zur Geburtsvorbereitung geht. Beide hatten keine Lust darauf. Albern fand Jenny das „Geatme“ dort. Und als Minderjährige unter all den älteren Paaren – die Vorstellung war gruselig. Sie sollten wissen, was auf sie zukommt, fand Siegrid Jordan. Heute geben Maxim und Jenny zu, dass der Kurs sehr hilfreich war. Aber Siegrid Jordan, die als Tagesmutter auch beruflich etliche Kinder betreut, nervt die Tochter auch heute noch: Hast du die Schnullis ordentlich gesäubert? Hast du deine Tochter eingecremt? Du willst doch so nicht mit Maya raus – es ist doch viel zu kalt! Jenny sagt: Jaaa, Mama…

Siegrid Jordan fühlte sich verantwortlich, den jungen Leuten das Elternsein beizubringen. Aber auch sie musste lernen. Lernen, Maxim und Jenny nicht alles vorzuschreiben, die jungen Eltern einfach mal machen zu lassen. Jenny und Maxim wissen heute freilich genau, dass Siegrid Jordan meistens Recht hatte. Maxim erinnert sich, wie er erst mal einsehen musste, dass er sich körperlich ruinierte. Morgens früh raus zum Arbeiten, abends auf Piste und nachts weint das Baby – das hält keiner aus. Und auch Jenny kann sich noch an eine Situation erinnern, in der sie sich völlig überfordert fühlte. Die kleine Maya hatte starke Bronchitis, und Mutter und Vater Jordan waren nicht da. Ich hab tierische Angst gehabt, sagt Jenny, ich wusste überhaupt nicht, was ich machen soll. In solchen Momenten war ihr mehr denn je bewusst, wie wichtig der familiäre Rückhalt war. Jenny sagt: Verantwortung zu haben muss man eben auch erst lernen.

Manchmal denkt Jenny, sie sei eine schlechte Mutter. Heute zum Beispiel. Da hatte sie frei und ließ sich trotzdem den ganzen Tag nicht bei der Tochter blicken. Sie ging lieber shoppen. Balsam für die Seele muss auch mal sein, beruhigt Siegrid Jordan. Sie will, dass ihre Tochter sich nicht grämt, eine so junge Mutter zu sein. Deshalb nimmt sie Maya auch dann ab und zu, wenn Jenny mal ausgehen will. Jenny sagt: Meine Mutter ermöglicht es mir, trotz allem jung zu sein.

„Ich habe gedacht, ein Kind ist wie eine kleine Puppe – so einfach. Wenn man Lust hat, kann man schön damit spielen. Wenn man keine Lust hat, ist das Spiel eben zu Ende. Ich wusste nicht, dass es so schwer ist, für ein Kind da zu sein.“ Svea steckt in einem Konflikt: Oft ist sie eifersüchtig auf die Mädchen, die keine Verantwortung tragen. Sie müssen an nichts denken: Hat er genug gegessen? Muss er ins Bett? Ist die Frau, der sie ihr Kind anvertraut, gut zu ihm? Wenn Svea solche Gedanken beschleichen, fühlt sie sich sofort schlecht. Schließlich war es ihre Entscheidung, das Kind zu bekommen.

Minderjährige überblicken oft die Konsequenzen ihres Handelns nicht, sagt Anne Trumm, Leiterin des Bereichs stationäre Hilfen für Mütter und ihre Kinder im Abendroth-Haus. Sie leben eher für den Augenblick. Bekommen sie ein Baby, verpassen die jungen Mädchen die wichtige Entwicklungszeit der Pubertät, so die 50-Jährige.

„Die Mädchen wollen unbedingt gute Mütter sein und überfordern sich dabei maßlos“, so Anne Trumm. Da Kritik und gute Ratschläge ihnen suggerieren, ihrer Aufgabe nicht gerecht zu werden, lassen sie oft niemanden an sich heran. Eigene Entwicklungsverzögerungen bedingen aber, Entwicklungsverzögerungen beim Kind nicht zu erkennen. Besonders bei jungen Frauen, die die Schule abgebrochen haben, hat das zum Teil fatale Folgen: „Die Mädchen können die Anweisungen auf der Babynahrung nicht richtig lesen und pappen irgendeinen Brei zusammen“, erzählt Trumm. „Die Babys sind dann oft solche Wonneproppen, dass sie sich kaum bewegen können.“

Anne Trumm und Martina Feistritzer finden, dass jede Mutter die Chance haben sollte, mit ihrem Kind zu leben. Dazu wollen sie auch die Minderjährigen befähigen. Doch manchmal müssen sie eine schwere Entscheidung treffen und feststellen: Das Kind wäre besser woanders aufgehoben.

Svea liebt ihr Kind. Und sie managt ihre Mutterrolle. Aber wenn sie sich nochmal entscheiden dürfte, würde sie alles anders machen: „Erst Schule, dann eine Ausbildung, viel Geld sparen, ein Haus und ein Auto kaufen, heiraten und dann ein Kind bekommen. Ich habe ja noch nicht mal das Sorgerecht für meinen Kleinen. Ich habe die ganze Verantwortung, aber entscheiden kann ich nichts.“

Inzwischen ist Maya zweieinhalb Jahre alt. Jenny hat ihren Hauptschulabschluss nachgemacht und lernt Zahnarzthelferin. Maxim macht eine Ausbildung zum Zerspaner. Mit der Verantwortung für das Kind wuchs auch die Verantwortung für das eigene Leben. Die große Liebe von damals hat zwar nicht gehalten – trotzdem geht Vater Maxim selbstverständlich bei den Jordans ein und aus. Er ist schließlich eine wichtige Person für Maya, stellt Jenny klar.

Sie selbst wohnt in einer eigenen kleinen Wohnung. Eigentlich plante sie, dort mit ihrer Tochter ständig zusammenzuleben. Aber sie muss auch ihr eigenes Leben noch regeln. Eine Ausbildung schaffen und ein Kind erziehen – das war doch zu viel. Also lebt Maya nur am Wochenende bei Jenny, während der Woche passen Oma und Opa auf die Kleine auf. Jenny kommt nach der Arbeit und bringt ihr Kind ins Bett. Es herrschen klare Regeln. Für Jenny und ihr Kind. Maxim ist sich bewusst, dass Familie Jordan auch viel für ihn getan hat. Dafür, sagt er, bin ich sehr dankbar. So hat er keinen Grund zu bereuen, mit 17 Vater geworden zu sein.

Auf welche Schule Maya mal gehen soll – darüber macht er sich noch keine Gedanken. Bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit. Jenny sieht das anders. Eine Schule soll es sein, auf der die Talente der Kleinen gefördert werden. Denn die hat sie eindeutig, sagt die stolze Mutter. Und was, wenn auch Maya mal eine Null-Bock-Phase durchleben sollte? Jenny atmet tief durch. Dann sagt sie: Also wenn sie 13 ist, schlepp ich sie zum Frauenarzt. Das ist schon mal klar.

Annette Woywode

Tags: ,

Schreibe einen Kommentar